Der Regen kommt in kurzen, feinen Böen vom Atlantik herüber. Die Straße windet sich über die Hügel nördlich von Lissabon, links und rechts wechseln sich Weinberge, kleine Dörfer und offene Landschaft ab. Vor mir taucht plötzlich eine enge Abzweigung auf, enger als es das Navigationssystem noch wenige Sekunden zuvor vermuten ließ. Ein kurzer Lenkeinschlag, das Facelift des MG4 EV folgt sauber der Linie, der Heckantrieb bringt die Kraft ruhig auf die Straße. Genau für solche Situationen scheint dieser elektrische Kompaktwagen gemacht zu sein.
Anfang März hat MG Motors nach Portugal zum Electric Driving Event geladen, um die überarbeitete Version seines wichtigsten Elektroautos vorzustellen. Ausgangspunkt der Testfahrt ist die Region rund um den Flughafen Lissabon. Statt strahlendem Sonnenschein prägen allerdings wechselhafte Bedingungen den Tag: Temperaturen um die zehn Grad, immer wieder Regen und kräftiger Wind. Die Strecke führt über rund 290 Kilometer durch die Region nördlich der portugiesischen Hauptstadt – von Autobahnabschnitten über kurvige Landstraßen bis hinein in kleine Ortschaften rund um Óbidos, Caldas da Rainha und Rio Maior. Bedingungen, die sich gut eignen, um den MG4 EV nicht nur auf einer kurzen Präsentationsrunde, sondern im realen Fahralltag kennenzulernen.

Der MG4 EV in der zweiten Generation (schon im März ’25 in China zu sehen gewesen) trat bei der Testfahrt in einem auffälligen Blauton an. Piccadilly Blue gehört zu zwei neuen Außenfarben, die MG mit der Modellpflege eingeführt hat. Die zweite neue Lackierung trägt den Namen Ealing Green. Gleichzeitig bleibt die Außenfarbe die einzige Individualisierungsmöglichkeit: Sie ist das einzige Extra, das sich überhaupt konfigurieren lässt. MG verfolgt damit bewusst eine klare Strategie. Ausstattungspakete oder lange Optionslisten gibt es nicht – alle Varianten kommen serienmäßig bereits sehr umfangreich ausgestattet auf den Markt.

Die Farbe passt gut zum Auftritt des kompakten Elektroautos. Mit 4287 Millimetern Länge, 1836 Millimetern Breite und 1516 Millimetern Höhe bleibt der MG4 EV klar im Kompaktsegment verortet. Der Radstand von 2705 Millimetern sorgt zugleich für ordentliche Platzverhältnisse im Innenraum. An der äußeren Erscheinung hat sich beim Facelift insgesamt wenig verändert. Die Linienführung bleibt aerodynamisch und modern, das Heck mit seinem durchgehenden LED-Lichtband prägt weiterhin den eigenständigen Auftritt. Kleinere Anpassungen wie neue 18-Zoll-Räder oder ein modifizierter Dachkantenspoiler sind eher Detailarbeit. Die eigentlichen Veränderungen finden im Innenraum statt.
Die Modellpflege des MG4 EV konzentriert sich vor allem auf Innenraum und Bedienkonzept
Dort zeigt sich die Modellpflege deutlich stärker. Das Cockpit ist aufgeräumter und hochwertiger als bei der ersten Generation. Zwei Displays prägen die Bedienstruktur: ein 10,25-Zoll-Digitalinstrument hinter dem Lenkrad und ein zentral platzierter 12,8-Zoll-Touchscreen für Navigation, Medien und Fahrzeugfunktionen. MG kombiniert dabei bewusst Touch-Bedienung mit einigen physischen Bedienelementen, etwa für Klimafunktionen oder Scheibenheizung. Neu gestaltete Soft-Touch-Oberflächen, eine verlängerte Mittelkonsole und zwei unterschiedliche Interieurvarianten sorgen für einen insgesamt hochwertigeren Eindruck. Auch die Software arbeitet spürbar schneller als im ursprünglichen Modell.


Während der Fahrt fällt auf, dass sich einzelne Funktionen über Favoritentasten am Lenkrad ansteuern lassen. Darüber lassen sich etwa Fahrmodi oder Rekuperationsstufen schnell aufrufen. Das ist zunächst ungewohnt, funktioniert im Alltag aber erstaunlich gut, weil der Blick seltener vom Verkehr zum Bildschirm wandern muss. Insgesamt hinterlässt der Innenraum einen stimmigen Eindruck: minimalistisch, modern und deutlich erwachsener als im ursprünglichen MG4 EV.
Platz bietet das Facelift vorne ausreichend. Selbst mit einer Körpergröße von über 1,85 Metern lässt sich eine komfortable Sitzposition finden. Der Fahrersitz ist elektrisch verstellbar, das Lenkrad kann manuell angepasst werden. Im Fond wird es dagegen etwas enger. Zwei Erwachsene finden zwar Platz, längere Strecken könnten dort aber etwas sportlich werden. Der Kofferraum fasst 388 Liter und lässt sich durch Umklappen der Rücksitze auf bis zu 1165 Liter erweitern. Für den Alltag reicht das problemlos für Gepäck oder den Wocheneinkauf. Einen Frunk vermisst man weiterhin.



Bei der Testfahrt in Portugal kam die Variante mit der 64-kWh-Batterie zum Einsatz. Diese nutzt inzwischen LFP-Zellchemie, während die größere 77-kWh-Version weiterhin auf eine NCM-Batterie setzt. Beide Varianten unterscheiden sich nicht nur bei der Kapazität, sondern auch bei Reichweite, Gewicht und Ladecharakteristik. Die kleinere Batterie bietet eine nutzbare Kapazität von rund 61,7 Kilowattstunden und kombiniert diese mit einem Elektromotor an der Hinterachse, der 140 Kilowatt Leistung und 350 Newtonmeter Drehmoment liefert. Die größere Batterie mit rund 74,4 Kilowattstunden treibt den MG4 EV mit 180 Kilowatt an und ermöglicht Reichweiten von bis zu 545 Kilometern nach WLTP.
Heckantrieb und Plattformarchitektur prägen das Fahrverhalten des MG4 EV
Auf der Straße zeigt sich der Heck angetriebene MG4 EV entsprechend agil. Die Lenkung arbeitet leichtgängig und präzise, das Fahrwerk ist leicht sportlich abgestimmt, ohne unkomfortabel zu sein. Insgesamt bleibt das Fahrverhalten neutral. Gerade auf kurvigen Landstraßen rund um die portugiesischen Hügel lässt sich der Kompaktstromer kontrolliert und angenehm bewegen. Der relativ kleine Wendekreis macht sich zusätzlich im Stadtverkehr bemerkbar – besonders dann, wenn auf engen Straßen überraschend eine Abzweigung auftaucht, die auf dem Navigationssystem noch ein gutes Stück entfernt wirkte.

Während der Testfahrt kamen verschiedene Fahrmodi zum Einsatz, auch wenn der Großteil der Strecke im Normalmodus absolviert wurde. Bei der Energierückgewinnung fiel die Wahl meist auf den Segelmodus, der sich besonders für gleichmäßiges Rollen eignet. MG bietet zusätzlich eine One-Pedal-Funktion an. Aktiviert man diese über das Menü, bremst das Fahrzeug deutlich stärker, sobald das Fahrpedal gelöst wird. Im dichten Stadtverkehr kann das sinnvoll sein. Auf Landstraßen ist diese Einstellung allerdings teilweise etwas zu abrupt und wurde deshalb eher selten genutzt – zumal sie nur über ein Untermenü aktiviert werden kann.

Beim Thema Software zeigte sich während der Fahrt eine kleine Schwäche. Android Auto funktionierte grundsätzlich, allerdings kam es bei der Audioübertragung zeitweise zu Störungen. Die Verbindung klang dann regelrecht scharrend, als würde es Probleme in der Leitung geben. Auffällig war dabei, dass das Smartphone außerhalb des Fahrzeugs problemlos funktionierte. Die Störung trat nur im Zusammenspiel mit dem MG4 EV auf, obwohl das Gerät per Kabel verbunden war. Grundsätzlich unterstützt das System jedoch kabelloses Apple CarPlay und Android Auto, sodass eine kabelgebundene Verbindung eigentlich gar nicht notwendig wäre. Ferner erscheint das Entertainment reifer und erwachsener als es noch in der ersten Generation der Fall war.
Effizienz, Ladeleistung und reale Verbrauchswerte im Fahralltag
Ein Blick auf die Effizienz liefert interessante Werte. Über die rund 290 Kilometer lange Teststrecke lag der Durchschnittsverbrauch bei 14,4 Kilowattstunden pro 100 Kilometer bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von rund 50 km/h. Auch der Langzeitspeicher des Fahrzeugs bot einen guten Vergleichswert: Dort waren 657 Kilometer mit einem Durchschnittsverbrauch von 17,5 Kilowattstunden pro 100 Kilometer hinterlegt. Die offiziellen Verbrauchswerte liegen je nach Variante zwischen etwa 16,1 und 17,6 Kilowattstunden pro 100 Kilometer. Damit bewegt sich der reale Verbrauch durchaus im Rahmen der Herstellerangaben – teilweise sogar darunter, obwohl Wetter und Temperaturen nicht unbedingt ideale Bedingungen boten.

Beim Laden unterscheiden sich die Varianten ebenfalls. Die 64-kWh-Version erreicht beim DC-Schnellladen bis zu 154 kW und kann unter optimalen Bedingungen in rund 25 Minuten von zehn auf achtzig Prozent geladen werden. Die größere 77-kWh-Version lädt mit maximal 144 kW und benötigt etwa 40 Minuten für denselben Bereich. Diese Unterschiede hängen unter anderem mit der verwendeten Zellchemie zusammen: LFP-Batterien gelten als besonders langlebig und thermisch stabil, während NCM-Zellen durch ihre höhere Energiedichte größere Reichweiten ermöglichen.

Auch beim Geräuschkomfort hinterlässt der MG4 EV einen positiven Eindruck. Selbst auf offenen Strecken nahe der Atlantikküste blieb der Innenraum angenehm ruhig. Windgeräusche halten sich in Grenzen, Abrollgeräusche sind ebenfalls moderat. Während der Testfahrt lag die maximale Geschwindigkeit bei etwa 120 km/h, doch selbst bei stärkerem Wind war davon im Innenraum nur wenig zu spüren.
Preisstruktur, Marktbedeutung und Verkaufszahlen des MG4 EV
Der MG4 EV bleibt für MG ein zentrales Modell. Seit dem Marktstart der Marke in Deutschland im Jahr 2021 wurden rund 92.000 Fahrzeuge neu zugelassen, allein etwa 32.000 davon entfallen auf den MG4 EV. Noch im ersten Halbjahr könnte MG damit die Marke von 100.000 zugelassenen Fahrzeugen erreichen. Hierzu könnte das Facelift, welches noch im März in Deutschland in den Handel kommt, seinen Teil dazu beitragen.

Preislich startet der MG4 EV bei 42.990 Euro in der Premium-Ausstattung. Die Version mit der größeren Batterie liegt bei 44.990 Euro, während das Topmodell MG4 XPower mit Allradantrieb und 320 Kilowatt Systemleistung bei 46.990 Euro angesiedelt ist. Leasingraten werden zeitnah kommuniziert.
Am Ende bleibt der MG4 EV damit eines der interessantesten Angebote im elektrischen Kompaktsegment. Hinterradantrieb, solide Effizienz und eine bewusst reduzierte Modellstruktur unterscheiden ihn von vielen Konkurrenten. Das Facelift hebt vor allem den Innenraum spürbar an und macht den MG4 EV insgesamt erwachsener. Kleinere Softwarethemen wie die Smartphone-Integration sollten noch verbessert werden, am grundsätzlichen Eindruck des Fahrzeugs ändern sie jedoch wenig. Der MG4 EV zeigt weiterhin, dass ein elektrischer Kompaktwagen nicht nur effizient, sondern auch fahraktiv und angenehm im Alltag sein kann.
Disclaimer: MG hat zum Kennenlernen des MG4 EV im aktuellen Modelljahr nach Portugal eingeladen. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.








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