Bei Mercedes ist die Stimmung angespannt. Die Geschäfte liefen im letzten Jahr nicht besonders gut. Das ist ein Schlag ins Kontor der erfolgsverwöhnten Schwaben. Eine großangelegte Produktoffensive soll jetzt das Ruder herumreißen. Neben einer Modellauffrischung der S-Klasse soll auch die zweite Generation des GLB für frischen Wind auf den Straßen und Geld in der Kasse sorgen. Dieser Modellwechsel ist überfällig. Zwar haben die Schwaben mit dem ersten GLB gutes Geld verdient. Doch der Kompaktklassen-Stromer ist technologisch langsam in die Jahre gekommen, was bei dem rasanten Entwicklungstempo der Elektromobilität besonders fatal ist.
Die zweite Generation des Mercedes GLB soll jetzt die Verhältnisse wieder geraderücken, ohne die Stärken des Vorgängers preiszugeben. Das bedeutet: viel Platz in der Kompaktklasse und sieben Sitze. Damit spricht Mercedes Menschen an, denen der GLC zu groß, der GLA zu eng und der EQB zu nüchtern war. Und das ist eigentlich ein Euphemismus. Gut, der Innenraum ist auch im neuen GLB nicht über jeden Zweifel erhaben. Der Hartplastikanteil ist zu hoch für ein Auto, das mindestens 53.455 Euro kostet, beim Testwagen, der ohne Extras für 62.178 Euro zu haben ist, umso mehr – und für ein Auto mit dem Stern auf der Motorhaube gleich doppelt. Wenn man sich vor Augen führt, dass Mercedes-Chef Ola Källenius vor nicht allzu langer Zeit eine Luxus-Strategie ausgerufen hat, fragt man sich, wie dieses Ambiente dazu gepasst hätte.
Mercedes macht beim GLB vieles richtig und löst vor allem das Platzversprechen ein. Die Fondtüren schwingen weit auf, was das Einsteigen erleichtert, und auch in der zweiten Reihe kann man es sich gemütlich machen. Vor allem, da sich beim Siebensitzer die Rückbank um 14 Zentimeter in der Länge verschieben lässt. Zur Erinnerung: Wir sprechen hier von einem 4,73 Meter langen Auto mit einem Radstand von 2,89 Metern. Dass man in der dritten Reihe keine ausgiebigen Pyjama-Partys feiern kann, dürfte auch klar sein. Dennoch ist der Mercedes GLB, den es auch mit einem elektrifizierten Verbrennungsmotor geben wird, ein Auto für Familien.
Dazu passt auch der Stauraum. Der Kofferraum hat ein Fassungsvermögen von 540 / 480 Litern (Fünf- / Siebensitzer). Legt man die Lehnen der Rücksitze um, passen 1715 beziehungsweise 1605 Liter in das Gepäckabteil. Mit 127 Litern hat der Frunk vorne asiatische Ausmaße. So ermöglichen die Raumökonomie und die Ladeleistung des Mercedes GLB auch weiter entfernte Urlaube auf eigener Achse.
Das Cockpit des GLB und somit auch das des 350 4Matic entspricht dem des CLA. Wer will, bekommt den MBUX Superscreen. Also ein 10,25-Zoll großes Display für die virtuellen Instrumente und zwei weitere 14-Zoll-Bildschirme: einen Touchscreen und eben einen optionalen für den Beifahrer. Das ist schon eine ziemlich große Fläche und braucht sich hinter den asiatischen Konkurrenten nicht zu verstecken. Die Menü- und Bedienvielfalt erschlägt einen aufgrund der grafischen Opulenz zunächst etwas. Aber nach kurzer Zeit findet man sich zurecht. Außerdem ist der Sprachassistent deutlich besser als bisher. Statt dem Google-Alexa-getriebenen „Hey Mercedes“ und dem vorgeschriebenen Kommando-Antwort-Spielen greift der virtuelle Helfer jetzt auf Google Maps zu, zapft außerdem noch Microsoft, ChatGPT sowie Google Gemini an.

Das neue Lenkrad mit der bewährten Lautstärken-Walze und einer Wippe für den Tempomaten zeigt, dass man auch in Stuttgart-Untertürkheim dazulernt. Mercedes hat auf vielfachen Kundenwunsch wieder echte Bedienelemente zurückgebracht. Ganz weg vom Touch-Fetischismus ist der GLB damit zwar noch nicht, und der Klavierlack ist weiterhin ein Fingerabdruck-Magnet, aber die Bedienung am Lenkrad ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Technisch gesehen ist das E-SUV im Grunde ein CLA auf Stelzen. Denn der neue GLB basiert ebenfalls auf der Mercedes Modular Architecture (MMA). Das bedeutet eine 800-Volt-Architektur mit einer Ladeleistung von bis zu 320 Kilowatt. In zehn Minuten sollen laut Mercedes bis zu 260 Kilometer WLTP-Reichweite nachgeladen werden. Bei 10 bis 80 Prozent sind es 22 Minuten. Serienmäßig ist ein 11-kW-Onboard-Lader verbaut, optional sind 22 kW möglich. Die WLTP-Reichweite des 350 4MATIC beträgt bis zu 614 Kilometer. Das sind 17 Kilometer weniger als beim rein heckgetriebenen 250+. Das lässt sich angesichts des Traktionsvorteils und des Leistungsunterschieds von immerhin 60 kW / 82 PS verschmerzen. Allerdings setzt auch der GLB 350, wann immer es geht, auf die hintere der beiden permanentmagnetischen Synchronmaschinen (PSM). Wir kamen bei unserer Testfahrt laut dem Bordcomputer auf einen Durchschnittsverbrauch von 17,2 kWh/100 km. Mercedes gibt 15,9 kWh/100 km an.
Für alle Schnellstraßen Europas gerüstet
An der Hinterachse arbeitet die EDU 2.0, eine PSM mit 200 kW / 272 PS, kombiniert mit einem Zweiganggetriebe. Vorne sind es 80 kW / 109 PS. Zusammen ergibt das eine Systemleistung von 260 kW / 354 PS und ein maximales Drehmoment von 515 Newtonmetern. Das reicht, um den 2275 Kilogramm schweren Stelzenstromer aus dem Stand in 5,5 Sekunden von null auf 100 km/h zu wuchten. Bei 210 km/h ist Schluss. Damit ist man für alle Schnellstraßen Europas gerüstet.
Das gilt auch für die Beschaffenheit des Asphalts, denn das Fahrwerk mit den adaptiven Dämpfern ist eine der Stärken des GLB. Denn es ist harmonisch abgestimmt und selbst im Sport-Modus nicht zu straff. In diesem Dynamik-Programm empfiehlt Mercedes übrigens, auf eine Beladung des Daches zu verzichten. Wir waren ohnehin hauptsächlich im Komfort-Modus unterwegs, stellten leichte Wankbewegungen fest und eine Lenkung, die sich etwas synthetisch anfühlt. Beides muss nicht zwingend negativ sein. Denn der GLB ist schließlich kein Sportwagen, und eine hyperdirekte Lenkung sowie ein stets waagrecht stehender Vorderwagen würden nicht ins Konzept passen.








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