Im Jahr 2024 hat Kanada einen hundertprozentigen Zoll auf chinesische E-Auto-Importe eingeführt. Mit der Entscheidung hat das Land unter anderem dem E-Autobauer BYD den Wind aus den Segeln genommen, nachdem dieser angekündigt hatte, auch in Kanada Fuß fassen zu wollen. Nun öffnet das Land seine Türen jedoch wieder für chinesische Elektroautos: Der kanadische Premierminister Mark Carney hat Pläne angekündigt, den Zollsatz von 100 Prozent wieder auf 6 Prozent zu senken.
Zunächst sollen bis zu 49.000 Fahrzeuge pro Jahr aus China nach Kanada eingeführt werden dürfen, was Carney zufolge weniger als drei Prozent des gesamten kanadischen Fahrzeugmarkts entsprechen würde. Carney erwartet, dass diese Quote in den kommenden fünf Jahren auf etwa 70.000 Fahrzeuge jährlich ansteigen könnte.
Auch in Kanada kosten chinesische Elektroautos bisweilen 10.000 oder gar 15.000 kanadische Dollar (rund 6000 bis 9000 Euro) weniger als vergleichbare Modelle, die in Nordamerika gefertigt werden. Die niedrigen Preise könnten die nordamerikanische Konkurrenz dazu zwingen, ebenfalls ihre Kosten zu senken. Sie könnten die Konkurrenz aber auch verdrängen, falls diese keine hinreichenden Preissenkungen realisieren kann – mit negativen Effekten für den Arbeitsmarkt.
Bislang gibt es in Kanada noch keine Markenhändler, die sich ausschließlich auf chinesische Elektroautos spezialisiert haben. Das könnte sich allerdings bald ändern. Schon vor der Zollerhöhung 2024 gab es einige E-Autos aus chinesischer Produktion in Kanada: Polestar und Volvo sind zwar schwedische Marken, befinden sich jedoch im Besitz des chinesischen Konzerns Geely. Auch in China hergestellte Tesla-Fahrzeuge waren schon vor der Zollerhöhung in Kanada erhältlich.
Ausgerechnet US-Elektroautobauer Tesla dürfte es auch sein, der zumindest in der Anfangsphase am stärksten von der Zollsenkung profitiert: Experten zufolge ist das auf frühzeitige Bemühungen zurückzuführen, Autos aus der Gigafactory Shanghai nach Kanada zu liefern, sowie auf Teslas bereits etabliertes kanadisches Vertriebsnetz. Wie Bloomberg berichtet, existiert jedoch eine Klausel in der Vereinbarung, laut der die Hälfte der Quote von jährlich 49.000 Fahrzeugen für Autos reserviert ist, die weniger als 35.000 kanadische Dollar (rund 21.600 Euro) kosten. Tesla-Modelle kosten in Kanada aber allesamt mehr als 35.000 Dollar.
Tesla hatte seine chinesische Gigafactory, die als die kosteneffizienteste Fabrik des Herstellers gilt, bereits 2023 für die Produktion und den Export einer kanadaspezifischen Version seines Model Y ausgerüstet. Noch im selben Jahr hatte Tesla damit begonnen, das Auto von Shanghai nach Kanada zu verschiffen, wodurch die Fahrzeugimporte in den größten Hafen des Landes, Vancouver, allein im Jahr 2023 um 460 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf insgesamt 44.356 Einheiten gestiegen waren. 2024 musste das Unternehmen um Elon Musk den Import chinesischer Fahrzeuge nach Kanada jedoch einstellen, seither wird das Land mit Fahrzeugen aus den USA und aus der deutschen Gigafactory beliefert. „Die neue Vereinbarung könnte eine relativ schnelle Wiederaufnahme dieser Exporte ermöglichen“, so Sam Fiorani, Vizechef des Analyseunternehmens AutoForecast Solutions.
Tesla verfügt bereits über 39 Filialen in Kanada, während chinesische Konkurrenten wie BYD und Nio dort noch überhaupt nicht vertreten sind. Außerdem könne Tesla wahrscheinlich schneller mit seiner Vermarktung vorankommen, da der E-Autobauer nur vier Modelle in seinem Line-up hat – weit weniger als seine chinesischen Konkurrenten, argumentiert Yale Zhang, Geschäftsführer der in Shanghai ansässigen Beratungsfirma AutoForesight: „Tesla hat in der Tat einen Vorteil, da es nur wenige Modelle und Versionen anbietet und über einfache Produktionslinien verfügt, sodass es flexibel Autos aus jedem Land auf jedem Markt verkaufen kann, um die beste Kosteneffizienz zu erzielen“, so Zhang.
Allerdings lassen sich E-Auto-Riesen wie BYD nicht zwingend davon beeindrucken: Der chinesische Autobauer eröffnete nach seinem australischen Markteintritt im Jahr 2022 zügig Dutzende von Filialen im ganzen Land, bis Anfang 2025 verkaufte BYD dort über 52.000 Fahrzeuge. In Brasilien macht BYD rund 80 Prozent des gesamten E-Auto-Absatzes auch, auch Mexiko ist inzwischen ein wichtiger Absatzmarkt für das Unternehmen geworden. Eine ähnlich schnelle Expansion wäre auch in Kanada möglich.
„Sie werden diesen Tag bereuen“: US-Verkehrsminister wettert gegen kanadisches Handelsabkommen
Dementsprechend gibt es auch einige kritische Stimmen zur kanadischen Zollsenkung – vor allem aus den USA: Laut der Nachrichtenagentur AP sind einige Experten der Ansicht, dass ein leichterer Zugang zum kanadischen Markt auch insgesamt einen großen Schub für chinesische Autohersteller bedeuten könnte, die den globalen Markt dominieren wollen – insbesondere angesichts schwächelnder Verkaufszahlen und immensen Wettbewerbs in ihrem Heimatmarkt. US-Verkehrsminister Sean Duffy behauptete in einer Rede in einem Jeep-Werk in Ohio in der vergangenen Woche, die Kommunistische Partei Chinas investiere in ihre Autoindustrie, um „diese Branche zu kontrollieren“.
„Warum? Sie wollen die Automobilindustrie übernehmen. Sie wollen diese Arbeitsplätze wegnehmen”, so Duffy. Mit Blick auf das kanadische Handelsabkommen fügte er hinzu: „Sie werden den Tag bereuen, an dem sie eine Partnerschaft mit China eingehen und deren Fahrzeuge importieren.”
Andere Beobachter sind der Ansicht, dass diese Entwicklung ohnehin unvermeidlich ist: „Das zeigt uns, dass chinesische Autohersteller weiterhin sehr beliebt sind und immer besser werden, und dass es sich hier nicht nur um etwas handelt, das auf globalen Märkten verkauft wird, die für US-Autohersteller eher marginal oder weniger wichtig sind“, so Ilaria Mazzocco, stellvertretende Direktorin des Center for Strategic and International Studies. „Es ist klar, dass die Fahrzeuge chinesischer Marken zu einem sehr wettbewerbsfähigen Preis angeboten werden, aber auch technologisch sehr attraktiv sind“, so Mazzocco weiter. „Es handelt sich in der Regel um vernetzte Fahrzeuge, die über viele zusätzliche Softwarefunktionen verfügen, die den Verbrauchern offenbar gefallen. Aber der Preis und die Wettbewerbsfähigkeit sind wirklich wichtige Verkaufsargumente.“
China könnte mit günstigen E-Kleinwagen punkten: „Segmente, die GM, Ford und fast alle anderen aufgegeben haben“
Chinesische Hersteller hätten „einen Weg gefunden, kleine und mittelgroße Autos – Autos, die die Menschen wollen – zu einem vernünftigen Preis herzustellen“, so AutoForecast-Vize Fiorani. „Das sind die Segmente, die GM, Ford und fast alle anderen aufgegeben haben.“
Chinas Autobauer müssen allerdings auch die für den kanadischen Automarkt erforderlichen Standards erfüllen, damit das neueste Handelsabkommen erfolgreich sein kann. Diese Standards ähneln denen der USA und dürften wahrscheinlich Anreize für chinesische Investitionen in die Automobilproduktion in Kanada schaffen. Es bleibt zudem abzuwarten, ob die chinesischen Unternehmen sich in Kanada eher auf preisgünstigere, volumenstarke Modelle oder auf Fahrzeuge der Oberklasse konzentrieren möchten.
Unabhängig davon „macht es deutlich, was notwendig ist, um global wettbewerbsfähig zu sein“, so Mark Wakefield, Leiter des globalen Automobilmarktes bei AlixPartners. Das Beratungsunternehmen prognostiziert, dass chinesische Marken bis 2030 einen Anteil von 30 Prozent am Weltmarkt haben werden. „Sie haben bereits in Europa begonnen. Sie haben in Südamerika begonnen. Jetzt sind Mexiko und Kanada an der Reihe“, erklärte Wakefield.
Quellen: ElectricCarsReport – Canada Reopens the Door to Chinese Electric Vehicles / BNN Bloomberg – Tesla poised to be early winner as Canada opens door to Chinese-made EVs / AP News – Chinese EVs are making inroads in North America. That worries industry experts







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