Ein Kommentar von Daniel Krenzer
Es gibt Mythen, die halten sich erstaunlich hartnäckig. Etwa dass Hubert Aiwanger immer noch ein Wasserstoff-Auto fahre. Oder dass der Diesel auf der Langstrecke unschlagbar sei. Und dass die Fahrt mit dem Elektroauto in den Urlaub automatisch aus nervösem Reichweitenrechnen, belegten Ladesäulen und weinenden Kindern auf dem Rasthof bestehe. Die Realität ist meistens deutlich unspektakulärer. Doch das zu erkennen, scheint manchen besonders schwerzufallen, wie zuletzt eine ADAC-Umfrage bestätigte.
Natürlich: Wer mit schwerem Wohnwagen über die Alpen will, muss genauer planen. Wer mit 180 km/h auf der linken Spur bis Rimini durchballern möchte, wird mit einem Elektroauto vermutlich auch nicht glücklich. Aber die ganz normale Urlaubsfahrt mit Familie, Gepäck, Dachbox und Pausenbedarf? Die ist mit einem modernen Elektroauto nicht nur problemlos möglich. Sie ist in vielen Fällen schlicht angenehmer als mit einem Verbrenner.
Der entscheidende Punkt wird in der Debatte regelmäßig übersehen: Moderne E-Autos brauchen auf Langstrecke in der Regel keine zusätzlichen Pausen. Sie nutzen die Pausen, die Menschen ohnehin machen. Spätestens mit Kindern ist die Vorstellung, man fahre 600 Kilometer am Stück durch, ohnehin eher ein Fall für Stammtisch-Physik als für Familienrealität. Toilette, Kaffee, belegtes Brötchen, Wickeltasche, Bewegung, Streit um die letzten Gummibärchen – irgendetwas ist immer. Währenddessen lädt das Auto, wenn es sowieso steht.
Genug Ladestationen in den allermeisten Ländern
Der Verbrenner ist in dieser Disziplin nicht überlegen, er ist nur vertrauter. Man fährt an die Zapfsäule, steht daneben, riecht nach Kraftstoff, zahlt einen gerne zur Ferienzeit und insbesondere an Autobahnen teilweise schamlos hochgezogenen Preis und fährt weiter. Beim Elektroauto steckt man an, geht weg und kommt zurück mit mehr Reichweite. Das ist kein Drama, sondern ein Komfortgewinn – vorausgesetzt, man hat den Vorgang wenigstens einmal ausprobiert, bevor man ihn am Stammtisch „fachkundig“ für unmöglich erklärt.
Dazu kommt der Fahrkomfort. Elektroautos sind leise, gleichmäßig, vibrationsarm und auf langen Strecken weniger ermüdend. Viele lassen sich vorklimatisieren, bevor die Familie überhaupt einsteigt. Kein aufgeheizter Innenraum, keine Lenkrad-Brandblasen, kein röhrender morgendlicher Kaltstart auf dem Hotelparkplatz, kein lautes Dröhnen auf der Autobahn. Das klingt banal, ist aber genau jene Alltagserfahrung, die die meisten Verbrenner ziemlich schnell wie völlig aus der Zeit gefallene Fossilmaschinen wirken lässt.
Auch das alte Argument von der angeblich fehlenden Ladeinfrastruktur verliert immer mehr an Substanz. Ja, es gibt noch Lücken. Ja, es gibt defekte Säulen, schlechte Tarifmodelle und Länder mit Nachholbedarf. Aber europaweit ist öffentliches Laden längst kein Pionierabenteuer mehr. Der Ayvens Mobility Guide zeigt, wie stark die Infrastruktur inzwischen gewachsen ist. Wer nach Frankreich, in die Niederlande, nach Österreich, Italien, Skandinavien oder Spanien fährt, fährt nicht mehr in ein elektrisches Niemandsland. In vielen Ländern lädt man zudem günstiger als in Deutschland. Ausgerechnet der deutsche E-Auto-Fahrer, der daheim an teils absurden öffentlichen Tarifen verzweifelt, erlebt im Ausland bisweilen eine angenehme Überraschung: Es geht auch einfacher und günstiger.
Spritpreise steigen, Stromkosten fallen
Besonders hübsch ist inzwischen der Preisvergleich zur Ferienzeit. Während Autofahrer an Tankstellen zur Hauptreisezeit regelmäßig das Gefühl bekommen, der Literpreis werde von einem Algorithmus anhand von Sommerferienkalender und Zynismus-Modul berechnet, passiert beim Ladestrom zunehmend das Gegenteil. Anbieter senken Preise, starten Sommeraktionen, locken Kunden an ihre Ladepunkte. Schnelllade-Primus EnBW etwa gibt im Sommer 2026 für mehrere Monate 5 Cent Rabatt je Kilowattstunde an eigenen Ladestationen. Andere Anbieter arbeiten mit Aktionen, Abos oder vergünstigten Tarifen. Natürlich muss man auch beim Laden vergleichen. Aber der Trend ist bemerkenswert: Während der Verbrenner-Fahrer im Ferienverkehr gerne abkassiert wird und auf der Autobahn knapp die Hälfte mehr zahlt für Benzin und Diesel, wird der E-Auto-Fahrer zunehmend umworben.
Und dann wären da noch die Plug-in-Hybride, diese rollenden Angsthasenmobile für Menschen, die elektrisch fahren wollen, aber dem eigenen Taschenrechner misstrauen – oder einfach nur Steuern sparen, aber weiter Verbrenner fahren wollen. Im Alltag können diese Stecker-Verbrenner in eher wenigen Fällen funktionieren, wenn sie konsequent geladen werden. Auf der Urlaubsfahrt sind sie jedoch oft der schlechteste Kompromiss aus beiden Welten. Elektrisch kommen sie nicht weit genug, Schnellladen können viele gar nicht oder nur quälend langsam, und sobald der Akku leer ist, schleppen sie Batterie, E-Motor und Verbrennertechnik als Zusatzgewicht durch Europa. Das Ergebnis: mehr Verbrauch als nötig, weniger Effizienz als versprochen und eine ziemlich teure Antwort auf eine Angst, die man mit einem reinen Elektroauto längst hätte überwinden können.
Am Ende bleibt eine einfache Erkenntnis: Die E-Auto-Urlaubsfahrt ist vor allem für jene furchteinflößend, die sie noch nie gemacht haben. Wer sie ausprobiert, merkt schnell, dass der Akku selten das Problem ist. Die Blase, der Kaffee, der Hunger und die Kinder sind meistens schneller pausenreif als die Batterie. Dafür gibt es viel Komfort und nahezu überall mehr als genug Lademöglichkeiten zu zunehmend feinem Preis. Wer heute noch glaubt, das E-Auto sei im Urlaub ein Risiko, der sollte seine veralteten Annahmen einmal überprüfen – und es am besten selbst einmal elektrisch ausprobieren.









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