Ein Kommentar von Daniel Krenzer
Die Energiewende steht angeblich immer wieder vor demselben Problem: Es fehle an Geld. Für den Netzausbau. Für die Modernisierung der Infrastruktur. Für die Digitalisierung der Stromnetze. Wer die jüngsten Zahlen des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft (bne) liest, könnte allerdings zu einem anderen Schluss kommen.
Denn während häufig von einer Netzkrise und Überforderung durch Elektroautos, Wärmepumpen und Co. die Rede ist, erzielen deutsche Verteilnetzbetreiber Renditen, von denen zahlreiche Unternehmen anderer Branchen nicht mal annähernd träumen können. Laut einer aktuellen Analyse des bne lag die marktanteilsgewichtete Eigenkapitalrendite der größten Verteilnetzbetreiber im Jahr 2024 bei durchschnittlich 30,1 Prozent. Einzelne Unternehmen kamen sogar auf deutlich höhere Werte.
Diese Zahlen sind zunächst kein Skandal. Wer investiert, darf Geld verdienen. Stromnetze sind kritische Infrastruktur, deren Ausbau enorme Summen verschlingt. Niemand erwartet von Netzbetreibern, dass sie ohne Gewinn arbeiten. Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem.
Hohe Gewinne, aber weiterhin Engpässe
Denn gleichzeitig klagen jene am anderen Ende der Leitung – Unternehmen, Kommunen und Projektentwickler – seit Jahren über lange Wartezeiten bei Netzanschlüssen, Ladeparks verzögern sich, Batteriespeicher warten auf Genehmigungen oder Kapazitäten. Industrieunternehmen berichten von langwierigen Anschlussprozessen, auch der Ausbau erneuerbarer Energien wird vielerorts durch fehlende Netzkapazitäten gebremst. Der bne spricht deshalb von einer Netzkrise – trotz der hohen Renditen: „Wer in einem regulierten Monopolmarkt hohe Renditen erzielt, muss mindestens auch bei Netzausbau, Digitalisierung und Kundenservice liefern. Die aktuelle Netzkrise zeigt, dass genau hier erheblicher Nachholbedarf besteht.“
Das wirft zwangsläufig die Frage auf, warum Deutschland beim Ausbau einer der wichtigsten Infrastrukturen des 21. Jahrhunderts noch immer nicht deutlich weiter ist. Wenn Netzbetreiber Eigenkapitalrenditen von teils mehr als 30 oder sogar 40 Prozent erzielen, dann kann jedenfalls niemand ernsthaft behaupten, für den Netzausbau fehle grundsätzlich das Geld. Die finanziellen Mittel scheinen im System vorhanden zu sein. Umso wichtiger wäre es, dass diese Mittel schneller und konsequenter in den Ausbau und die Modernisierung der Netze fließen.
Die Energiewende braucht Netze statt Ausreden
Für die Elektromobilität ist die Situation besonders relevant. Jede neue Schnellladestation, jeder Ladehub für Nutzfahrzeuge, jeder Batteriespeicher und jede bidirektionale Ladeanwendung benötigt leistungsfähige Netzanschlüsse. Das gleiche gilt für Wärmepumpen, Rechenzentren und die Elektrifizierung industrieller Prozesse.
Seit Jahren ist bekannt, dass Deutschland deutlich mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugen wird und gleichzeitig Verkehr, Wärme und Teile der Industrie elektrifiziert werden sollen, also diese zusätzliche Energie auch benötigen wird – zur rechten Zeit am rechten Ort. Die Herausforderungen sind also keineswegs überraschend entstanden.
Trotzdem entsteht bisweilen der Eindruck, als würden Politik und Teile der Branche immer noch auf die Folgen reagieren, statt ihnen vorauszuarbeiten. Besonders irritierend wirkt deshalb die aktuelle energiepolitische Debatte. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) setzt überbetont stark auf neue Gaskraftwerke als Absicherung des Energiesystems. Versorgungssicherheit ist zweifellos wichtig, doch die eigentliche Baustelle liegt an anderer Stelle.
Denn zusätzliche Gaskraftwerke lösen weder Netzengpässe noch Anschlussprobleme. Sie beschleunigen weder die Digitalisierung der Verteilnetze noch den Ausbau der Infrastruktur für Elektromobilität oder Speicher. Sie sind Verlegenheitslösungen für bisher Versäumtes und sollten so sparsam wie möglich eingesetzt werden.
Die Prioritäten müssen sich ändern
Die entscheidendere Frage ist längst nicht mehr, ob die Energiewende funktioniert. Laut Simulationen sind in Deutschland sogar 100 Prozent erneuerbare Energien perspektivisch möglich, wofür überhaupt keine Gaskraftwerke mehr benötigt würden. Die Kernfrage lautet inzwischen, ob die Infrastruktur mit ihr Schritt halten kann.
Der Ausbau erneuerbarer Energien kommt vielerorts voran. Die Zahl der Elektroautos steigt, Batteriespeicher erleben einen Boom, Wärmepumpen werden zunehmend zum Standard im Neubau. Doch all diese Entwicklungen sind auf leistungsfähige Stromnetze angewiesen.
Wenn gleichzeitig von Netzkrise die Rede ist und Netzbetreiber Rekordrenditen erzielen, dann läuft offensichtlich etwas nicht optimal. Die Politik sollte deshalb weniger Energie darauf verwenden, immer neue fossile Brückentechnologien zu diskutieren, und stattdessen den Netzausbau zur absoluten Priorität erklären und dafür sorgen, dass genügend Gelder in den dringenden Ausbau der Netze investiert werden.
Deutschland braucht keine Debatte darüber, ob die Zukunft elektrisch und von erneuerbaren Energien angetrieben sein wird. Diese Entscheidung treffen Verbraucher und Unternehmen längst jeden Tag neu. Deutschland braucht vielmehr Netze, die dieser Zukunft gewachsen sind. Und zwar nicht irgendwann, sondern so schnell wie möglich.
Quelle: bne – Pressemitteilung vom 16. Juni 2026








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