Europa braucht mehr Mut, nicht mehr Verbrenner

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Daniel Krenzer
Daniel Krenzer
  —  Lesedauer 4 min

Ein Kommentar von Daniel Krenzer

Es ist bemerkenswert: Ausgerechnet jene politischen Kräfte, die seit Jahren gebetsmühlenartig vor der chinesischen Konkurrenz warnen, tun derzeit alles dafür, Europas Automobilindustrie technologisch auszubremsen. Die Europäische Volkspartei (EVP) kämpft inzwischen beinahe leidenschaftlicher für den Verbrennungsmotor als manche Mineralölkonzerne – und auch die deutsche Bundesregierung wirkt zunehmend so, als wolle sie die Transformation zwar offiziell begleiten, praktisch aber möglichst lange vertagen.

Während chinesische Hersteller unbeirrt und staatlich unterstützt Milliarden in Batterietechnik, Software, Plattformen und günstige Elektromobilität investieren, diskutiert Europa in Teilen (und in möglichen Mehrheiten) lieber darüber, wie man den Verbrenner noch ein paar politische Ehrenrunden drehen lassen könnte. Mal geht es um gelockerte CO₂-Flottengrenzwerte, mal um E-Fuels als Rettungsanker für den Massenmarkt, mal um neue Ausnahmen für Plug-in-Hybride.

Besonders absurd wird die Debatte, wenn ausgerechnet jene Kreise, die ständig „Technologieoffenheit“ predigen, faktisch eine Technologie künstlich am Leben halten wollen, deren Ende sich längst wirtschaftlich abzeichnet. Denn das eigentliche Problem Europas ist nicht, dass zu wenige Menschen Elektroautos kaufen wollen. Das Problem ist vielmehr, dass man – vor allem in Deutschland – der eigenen Industrie permanent signalisiert: Investiert lieber vorsichtig, vielleicht drehen wir politisch ja doch nochmal um. In China und einigen anderen Ländern Europas wird man sich mancherorts vor Lachen kringeln.

Radikale Narrative werden legitimiert

Bei uns hingegen entsteht ein toxischer Schwebezustand. Viele Hersteller investieren halbherzig, Zulieferer zögern, Infrastrukturbetreiber schrauben ihre Pläne zurück. Und die Verbraucher werden verunsichert. Kein Wunder, erzählen doch politische Kräfte der Öffentlichkeit Tag für Tag, Elektromobilität sei irgendwie problematisch, riskant, ideologisch oder ohnehin zum Scheitern verurteilt. Das Ergebnis ist genau jene miesepetrige Stimmung, von der vor allem radikalisierte Parteien am rechten Rand profitieren.

Denn wenn selbst große Parteien und Teile der Bundesregierung permanent den Eindruck vermitteln, die eingeläutete Verkehrs- und Energiewende sei ein Fehler gewesen oder zumindest stark überambitioniert, dann legitimiert das zwangsläufig die weitestgehend absurden Narrative der definitiv schlechtesten Alternative für dieses Land, die bei diesen und vielen anderen Themen genau auf solche Engstirnigkeit und Ewiggestrigkeit setzen. Wer jahrelang direkt oder indirekt suggeriert, Elektroautos seien praktisch unbrauchbar, die Ladeinfrastruktur ein Desaster, die Energiewende in ihrer Reinform ein wirtschaftlicher Selbstmord und China ohnehin bei der Elektromobilität uneinholbar, darf sich irgendwann nicht wundern, wenn Menschen das am Ende glauben – und lieber gleich das politische Original statt der weichgespülten Kopie wählen.

Die EVP und Co. treiben Europa mit solch populistischen und ideologisch getriebenen Argumentationen weiter nach rechtsaußen – vielleicht unfreiwillig, aber dennoch ziemlich zuverlässig. Besonders bitter daran: Die Realität entwickelt sich bei der Elektromobilität längst in eine andere Richtung. Elektroautos werden günstiger, Batterien leistungsfähiger, Schnellladen alltäglicher, erschwingliche Gebrauchtwagen verfügbarer und erneuerbare Energien dominieren in immer mehr Ländern zeitweise bereits die Stromversorgung. Selbst große Teile der Automobilindustrie stellen intern längst nicht mehr die Frage, ob Elektromobilität kommt, sondern nur noch, wie schnell man im globalen Wettbewerb mithalten kann. Doch selbst vermeintlich gut informierte Politiker der angeblichen Mitte hängen bei ihrer Meinungsbildung oft an völlig veralteten Argumenten fest.

Wann werden Faxgeräte gefördert?

Statt diesen Wandel strategisch zu begleiten, diskutiert Europa vor allem auf das Drängen Deutschlands hin zunehmend darüber, wie man den Diesel noch ein paar Jahre durchfüttern könnte – notfalls mit unrealistischen Ideen zu für den Straßenverkehr sinnlosen, teuren und ineffizienten Wundermitteln wie E-Fuels und HVO. Politisch wirkt das wie der Versuch, eine Schreibmaschine gegen das Internet zu verteidigen – flankiert von Förderprogrammen für Faxgeräte.

Natürlich darf und muss man auch die Probleme der Elektromobilität benennen und angehen. Hohe Ladepreise, Rohstoffabhängigkeiten, fehlende Ladepunkte in urbanen Räumen an Mehrfamilienhäusern oder schwache Netze sind reale Herausforderungen. Aber auf der einen Seite solche Dinge (mitunter halbherzig) auszubessern und auf der anderen Seite „technologieoffen“ an einer Technik für Nostalgiker zu kleben, das passt einfach nicht zusammen.

Europas und vor allem Deutschlands Automobilindustrie droht nicht an der Elektromobilität zu scheitern, sondern an einer Politik, die aus Angst vor Veränderung (= mangelnde Technologieoffenheit) permanent Zweifel an der eigenen Zukunft sät. Warum nicht einfach an die eigene Stärken und Zukunft glauben, anstatt sich an seine Stärken aus der Vergangenheit zu klammern, die morgen (und mancherorts schon heute) niemand mehr braucht? So viel Mut wäre ja regelrecht patriotisch…

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Daniel Krenzer

Daniel Krenzer

Daniel Krenzer ist als studierter Verkehrsgeograf und gelernter Redakteur seit mehr als zehn Jahren auch als journalistischer Autotester mit Fokus auf alternative Antriebe aktiv und hat sich zudem 2022 zum IHK-zertifizierten Berater für E-Mobilität und alternative Antriebe ausbilden lassen.

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