Betrachtung: Zeitvariable Stromtarife – zeitgemäße Lösung für die E-Mobilität

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Besitzerinnen und Besitzer von Elektroautos sind die Pioniere einer integrierten Energiewende. Sie sorgen dafür, dass emissionsfreie Autos auf den Straßen unterwegs sind, die im Idealfall mit grünem Strom geladen werden. Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass die Elektromobilität in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Mit über 43.000 neu zugelassenen Elektroautos verzeichnete das Kraftfahrt-Bundesamt im Dezember 2020 ein Rekordhoch.

Der Boom der Elektromobilität bringt vor allem aber auch die Herausforderung, die hohe Anzahl der flexiblen Verbraucher*innen ins Netz zu integrieren. Aktuell gibt es die Chance, das Gesamtsystem eines zukunftsorientierten, grünen Energiemarkts so zu gestalten, dass es flexibel auf Nachfragespitzen reagieren kann. Zeitvariable Stromtarife sind dafür die Lösung.

Regierung schlägt Modell der Spitzenlastglättung vor

Erneuerbare Energien wie Solar- und Windenergie können nur dann Strom erzeugen, wenn Sonne bzw. Wind vorhanden sind. Deshalb ist das Energieangebot zu sonnigen und windigen Zeiten höher als bei Dunkelheit und Windstille.

Mit dem Ziel, die Stromnachfrage besser an die Schwankungen im Stromangebot der erneuerbaren Energien anzupassen, hatte das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie Ende letzten Jahres einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der diese Problematik zu lösen versucht. Das im Entwurf vorgestellte Steuerbare-Verbrauchseinrichtungen-Gesetz (SteuVerG) führt die Spitzenlastglättung als Lösung für die Entlastung des Stromnetzes in Zeiten hoher Nachfrage an.

Die Angst vorm Abschalten – eine anstrengende Scheindebatte

Das bedeutet, dass Netzbetreiber in Zeiten starker Stromnachfrage unangekündigt in Ladevorgänge eingreifen könnten, um das Netz vor Überlastung zu schützen. Verbraucher*innen mit steuerbaren Verbrauchseinrichtungen sollten dafür zukünftig entscheiden dürfen, ob sie für ihre Wärmepumpe oder ihre Wallbox erlauben wollen, dass die Entnahmeleistung in Zeiten hoher Nachfrage unvorhergesehen begrenzt werden darf. Im Gegenzug würde ihnen dafür von den Netzbetreibern eine Netzentgeltersparnis angeboten. Wer das Risiko eines plötzlichen, unangekündigten Abbrechens des Ladevorgangs nicht eingehen wollte, müsste also mehr bezahlen.

Das vorgeschlagene Modell verhindert netzdienliches Verhalten und bietet für Verbraucher*innen keinerlei Anreize. Der Einführung eines solchen bestrafenden Instruments, das die eigentlichen Probleme nur scheinbar löst, wurde deshalb von vielen Seiten, u. a. auch vom Verband der Automobilindustrie und dem Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) in diversen Stellungnahmen kritisiert, woraufhin der Gesetzesentwurf zurückgezogen wurde. Was an der Diskussion besonders frustrierend ist: Das reine Abschalten der Ladevorgänge verhindert die wichtigere Debatte um die Frage, wie das System intelligent und kostengünstig ausgestaltet werden kann.

Zeitvariable Netzentgelte – eine zukunftsorientierte Alternative

Wenn Besitzer*innen von E-Autos jederzeit befürchten müssen, dass unerwartet in ihren Ladevorgang eingegriffen werden könnte, birgt dies die Gefahr, dass die elektrische Alternative zum Verbrennungsmotor als sehr viel umständlicher und unbequemer wahrgenommen wird. Damit wird genau das Gegenteil von dem erreicht, was eigentlich das erklärte Ziel der Bundesregierung ist: Die Förderung der Elektromobilität. Statt Verbraucher*innen in ihrer Freiheit einzuschränken, braucht es eine Lösung, bei der die Entscheidungsmacht bei den Verbraucher*innen liegt. Und diese Lösung gibt es bereits und sie lautet: zeitvariable Netzentgelte.

Zeitvariable Netzentgelte zielen darauf ab, dass sich das Netzentgelt und damit auch der Strompreis nach der jeweiligen Stromnachfrage richtet. Netzentgelte machen bis zu einem Drittel des Strompreises aus. Das heißt, dass in der Nacht oder zu Nebenzeiten wären deutlich günstigere Tarife möglich als in Zeiten hoher Nachfrage. Auf diese Weise wird Kund*innen ein Anreiz geschaffen, sich so zu verhalten, dass das Stromnetz stabilisiert wird. Zeitvariable Netzentgelte stellen damit eine innovative und zeitgemäße Alternative zur Spitzenlastglättung dar und werden In anderen Ländern wie Dänemark und Großbritannien bereits erfolgreich umgesetzt.

Vielversprechende Aussichten für die Zukunft der Elektromobilität

Um die Elektromobilität tatsächlich zu fördern, sollte sie nicht verkompliziert, sondern vereinfacht werden. Dafür wäre es hilfreich, wenn zukünftig kein zweiter Stromzähler mehr nötig wäre, um von vergünstigten Netzentgelten profitieren zu können. In Zukunft wird es außerdem möglich sein, dass Elektroautos auch als Stromspeicher genutzt werden können. Bidirektionales Laden ermöglicht den Stromfluss in beide Richtungen – aus dem Stromnetz ins E-Auto und aus dem E-Auto zurück ins Stromnetz oder zur Nutzung im Haushalt. Auf diese Weise können E-Autos in Zeiten von vergleichsweise niedriger Nachfrage, bzw. hoher Stromproduktion durch Wind und Solarkraft, Strom laden und in Zeiten hoher Nachfrage sogar Strom an das Netz zurückgeben. Kund*innen werden damit zu flexiblen Verbraucher*innen, die das Netz stabilisieren und damit Geld sparen können.

Ausblick: Wie geht es jetzt weiter?

Die Politik sollte die Kritik von Verbraucherschützer und von Seiten der Automobilindustrie ernstnehmen und zielstrebig eine intelligente und effiziente Lösung für das Stromnetz entwickeln, die sich der Digitalisierung bedient. Es ist an der Zeit, die Netzentgelte zu reformieren und damit den Grundstein für einen integrierten, zukunftsorientierten Energiemarkt zu legen. Zeitvariable Netzentgelte sind ein kluger Baustein, um Fahrer*innen von Elektroautos für ihren Beitrag zur Verkehrs- und Energiewende zu belohnen. Sie sollten deshalb zeitnah umgesetzt werden.


Verfasst wurde dieser Expertenartikel von Ulrich Setzermann, Principal Consultant bei Lumenaza

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