Das deutsche Schnellladenetz ist für viele E-Autofahrer noch ein Nadelöhr – nicht unbedingt hinsichtlich der Anzahl an Schnellladepunkten, sondern vor allem mit Blick auf die Preise und die Anbieterstruktur: Zu teuer und zu unübersichtlich lauten die wohl häufigsten Vorwürfe.
In einem kürzlich geführten Interview zeichnet Ionity-Chef Jeroen van Tilburg allerdings ein anderes, differenzierteres Bild der deutschen Schnellladelandschaft. Die Ladeinfrastruktur sei vielerorts bereits weiter, als es die öffentliche Wahrnehmung vermuten lasse – und mit jedem neuen E-Auto auf den Straßen verbessere sich die Lage weiter, so van Tilburg.
Dem Bild einer grundsätzlich schlechten Ladeinfrastruktur widerspricht der Ionity-Chef deutlich – das sei zumindest nicht überall der Fall. „Gerade auf Autobahnen funktioniert Schnellladen heute sehr zuverlässig“, so van Tilburg. „Europaweit gibt es inzwischen über eine Million öffentliche Ladepunkte, davon knapp 130.000 Ultra-Schnelllader mit mindestens 150 kW. E-Fahrer finden entlang wichtiger europäischer Verkehrskorridore alle 120 bis 150 Kilometer eine Ionity-Station.“
Tatsächlich gebe es an 70 Prozent der europäischen Schnellladeparks sogar noch eine zu niedrige Auslastung mit durchschnittlich weniger als 2,5 Ladevorgängen pro Tag. „Dennoch bestehen Unterschiede zwischen Autobahnen und Städten“, räumt der Ionity-Chef ein. „Dort bauen wir aktuell gezielt aus, um E-Fahrer ohne eigene Wallbox besser zu erreichen, an Orten wie Supermärkten, Gastronomie und Pendlerstrecken. Unser Ziel ist, das schnelle Laden verlässlicher und komfortabler in den Alltag zu integrieren.“
Reservierte Ladesäulen könnten für Frust statt Entlastung sorgen
E-Autofahrer fordern immer wieder eine Möglichkeit, Schnellladesäulen reservieren zu können, um längere Wartezeiten zu vermeiden. Van Tilburg hält allerdings wenig von der Idee: Wartezeiten seien selten und treten dem Ionity-CEO zufolge vor allem an wenigen Spitzentagen während der Urlaubssaison auf, „ähnlich wie Staus an Tank- oder Mautstellen“, so van Tilburg weiter. Das Ladeunternehmen Elvah habe in einer Analyse zeigen können, dass die Wahrscheinlichkeit, auf eine überlastete Ladestation zu treffen, im ersten Quartal 2025 bei lediglich 0,025 Prozent lag.
„Reservierungen klingen auf den ersten Blick hilfreich, doch Reisesituationen sind unvorhersehbar“, gibt van Tilburg zu bedenken. „Wenn jemand im Stau steht oder später losfährt, blockiert ein reservierter Ladepunkt eine Säule für eine Person, die noch gar nicht da ist – während jemand vor Ort sie nicht nutzen darf. Das sorgt für Frust statt für Entlastung.“
Ionity zielt stattdessen darauf, die Auslastung an Schnellladesäulen über eine möglichst hohe Ladeleistung zu verbessern. Ionity baue gezielt aus und arbeite nicht mit geteilter, sondern dedizierter Leistung pro Ladepunkt. „Das heißt: Jede Säule liefert ihre volle Power, ohne dass sich Fahrzeuge die Leistung teilen müssen. Dadurch verkürzt sich die reale Ladezeit deutlich und die verfügbare Anzahl an Ladevorgängen pro Standort steigt.“ Im Lkw-Verkehr, wo Ladepausen aufgrund fester Ruhezeiten planbarer seien, könne eine Möglichkeit zur Reservierung sinnvoll sein, so van Tilburg. „Aber für den Pkw-Bereich, wo Reisen spontan bleiben, ist die beste Lösung: ankommen, einstecken, weiterfahren. Auch intelligentes Routing, das E-Fahrern frühzeitig freie Alternativen vorschlägt sowie dynamische Preismodelle können helfen, Lastspitzen besser zu verteilen.“
Mehr E-Autos, geringere Kosten: „Jede zusätzliche Kilowattstunde hilft, die Fixkosten zu verteilen“
Apropos dynamische Preismodelle: Auch auf die vergleichsweise hohen Ladepreise bei Ionity geht van Tilburg in dem Gespräch ein. Die häufig zitierten 79 Cent pro Kilowattstunde seien vor allem Preise für die spontane Einzelnutzung, so der Ionity-Chef. Viele Elektroautofahrer laden jedoch über Abos oder spezielle Tarife deutlich günstiger. Zudem sei der Vergleich mit dem Laden an der heimischen Wallbox nur bedingt sinnvoll, meint van Tilburg – unterwegs gehe es um Zeit. Ultraschnelllader mit Leistungen von bis zu 500 Kilowatt seien technisch aufwendig und entsprechend kostenintensiv in Aufbau und Betrieb.
Langfristig sieht van Tilburg jedoch die Chance auf sinkende Preise: Je mehr E-Autos unterwegs laden, desto günstiger könne Schnellladen werden. „Jede zusätzliche Kilowattstunde hilft, die Fixkosten zu verteilen“, so der Ionity-CEO. „Mit steigender E-Auto-Flotte können die Preise daher sinken.“
Van Tilburg: Praktische Lade-Erfahrung schlägt öffentliche Wahrnehmung
Mit Blick auf das Dickicht der Anbieter und Tarife sagt van Tilburg: „Wir wissen, dass Laden heute gerade für neue E-Fahrer manchmal kompliziert wirken kann.“ Die Branche, inklusive der Hersteller und Netzbetreiber, trage eine Verantwortung, das Laden einfacher zu machen. „Gleichzeitig muss man realistisch sagen: Wir sind hier auf einer Reise. Die Reife, die man vom Tanken kennt, entsteht nicht über Nacht“, erklärt van Tilburg. „Und selbst dort ist die Preisstruktur nicht so simpel: Warum kostet Kraftstoff an der Autobahn deutlich mehr als im Ort?“
Die Branche habe allerdings bereits viel vereinfacht, etwa durch transparente Jahrestarife oder digitale Lösungen. Anders als das Tanken sei Laden ein vollständig digitales Produkt – ein klarer Vorteil für den Ionity-Boss: „Vieles kann langfristig sogar einfacher werden: Plug-and-Charge oder intelligentes Routing zur nächsten freien oder günstigeren Säule.“
Dass viele Interessenten dennoch skeptisch sind, weiß van Tilburg – und empfiehlt das Einholen praktischer Erfahrungen: „Vor dem Kauf eines E-Autos macht sich noch rund die Hälfte der Menschen Gedanken, ob das Laden wirklich gut funktioniert. Sobald sie aber einige Zeit elektrisch unterwegs sind, bleibt diese Unsicherheit nur noch bei etwa jedem Zehnten. Und 92 Prozent der E-Fahrer sagen sogar, dass sie nicht mehr zum Verbrenner zurückwollen. Das zeigt deutlich, dass die Alltagserfahrung besser ist als die öffentliche Wahrnehmung.“
Quelle: Firmenauto.de – Ionity-CEO über Preise, Tempo und Ladealltag






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