Alpitronic-Chef: Ladeproblem ist kein Infrastrukturmangel

Alpitronic-Chef: Ladeproblem ist kein Infrastrukturmangel
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Mercedes-AMG | Blick auf Alpitronic-Charger

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

Philipp Senoner, CEO und Co-Founder von Alpitronic, zeichnet im Interview mit Electrive ein deutlich nüchterneres Bild der europäischen Ladeinfrastruktur-Debatte, als sie politisch oft geführt wird. Aus seiner Sicht ist das Problem weniger ein Mangel an Schnellladepunkten als vielmehr deren geringe Auslastung. In Europa liege diese aktuell je nach Region nur zwischen zwei und acht Prozent. „Das ist kein Henne-Ei-Problem mehr“, sagt Senoner, sondern ein Hinweis darauf, dass es noch zu wenige batterieelektrische Autos pro Ladepunkt gebe. Für viele Betreiber sei das wirtschaftlich kaum tragfähig.

Die politische Debatte lenkt vom eigentlichen Handlungsbedarf ab

Entsprechend fordert Senoner eine Versachlichung der Diskussion. Themen wie urbane Ladeinfrastruktur, die bessere Nutzung bestehender Parkflächen oder einzelne regionale Lücken müssten gezielt adressiert werden. Einen generellen Gegenwind gegen Elektromobilität sieht er nicht. Was der Branche hingegen fehle, sei ein verlässlicher und langfristig stabiler regulatorischer Rahmen. Wiederkehrende Grundsatzdebatten schwächten Investitionsentscheidungen und banden Ressourcen, die Europa aus seiner Sicht dringend für die industrielle Transformation brauche.

Kritisch bewertet Senoner den Vorschlag der Europäische Kommission, das Ziel von 100 Prozent emissionsfreien Neuwagen ab 2035 auf 90 Prozent abzusenken. Simulationen zeigten, dass dadurch faktisch bis zu 30 bis 40 Prozent der Neufahrzeuge weiterhin CO₂ emittieren könnten. Das schwäche das politische Signal und untergrabe Vertrauen und Investitionssicherheit, insbesondere wenn Emissionen über Kompensationsmechanismen ausgeglichen würden.

Positiv hebt er dagegen den stärkeren Fokus auf die Nachfrageseite hervor, etwa über verbindliche Vorgaben zur Elektrifizierung von Unternehmensflotten. Auch die Initiative „Small Affordable Cars“ bewertet Senoner als sinnvollen Ansatz, um europäische Wertschöpfung mit bezahlbaren Elektroautos zu verbinden.

Der eigentliche Markthochlauf beginnt bei elektrischen Nutzfahrzeugen

Beim Marktwachstum bleibt der Pkw-Bereich laut Senoner wichtig, auch wenn in Teilen Europas bereits eine gewisse Reife erreicht sei. In den USA sieht Alpitronic dagegen weiterhin eine hohe Dynamik, nicht zuletzt wegen bislang schlechter Ladeerfahrungen vieler E-Auto-Fahrer. Strategisch besonders relevant sei jedoch der Hochlauf im Nutzfahrzeugsegment. Zwar stehe dieser noch am Anfang, doch der Energiebedarf elektrischer Lkw werde bis 2030 mit rund 35,5 Terawattstunden deutlich über dem des Pkw-Bereichs liegen. Schon heute werde an über 100.000 DC-Ladepunkten in Europa mit Alpitronic-Technik geladen, etwa 1900 davon überwiegend von Lkw.

Im Nutzfahrzeugbereich gehe es weniger um die Anzahl der Ladepunkte als um hohe Ladeleistungen und leistungsfähige Netzanschlüsse. Der Großteil der Ladevorgänge werde in Depots stattfinden, ergänzt durch klar definierte Fernverkehrskorridore. Senoner warnt allerdings, dass fehlende Netzanschlüsse den Hochlauf bremsen könnten. Frühzeitige Planung sei entscheidend, um Fehler aus dem Pkw-Bereich nicht zu wiederholen. „Truck-Charging ist deutlich komplexer“, da Logistiker sehr spezifische Einsatzszenarien hätten, die von Beginn an berücksichtigt werden müssten.

Wirtschaftliche Anreize spielen dabei eine zentrale Rolle. Die verlängerte Mautbefreiung für schwere E-Lkw bezeichnet Senoner als „enorm wichtigen Hebel“. Deutschland habe mit der Befreiung bis 2031 ein klares Signal gesetzt. Gleichzeitig kritisiert er die Verschiebung des Emissionshandelssystems ETS2. Der CO₂-Preis hätte fossile Kraftstoffe spürbar verteuert und damit den Umstieg beschleunigt. Die Verzögerung koste vor allem Zeit und Dynamik in einem Sektor, der rund ein Viertel der EU-Treibhausgasemissionen verursache.

Förderung kann den Start erleichtern, ersetzt aber keinen Markt

Förderprogramme wie die Alternative Fuels Infrastructure Facility sieht Senoner dennoch als notwendig. Sie senkten die Risiken der ersten Investitionsphase und könnten privates Kapital mobilisieren. Langfristig müsse Ladeinfrastruktur aber ohne Subventionen auskommen. Technisch unterscheidet sich Lkw-Ladeinfrastruktur laut Senoner grundlegend von Pkw-Ladeparks. Höhere Dauerleistungen, nahezu voll ausgelegte Netzanschlüsse, Speicherlösungen und bauliche Anforderungen für schwere Fahrzeuge treiben die Kosten deutlich nach oben.

Auch technologisch setzt Alpitronic auf Skalierbarkeit. Systeme wie der modulare HYC1000 ergänzten das erfolgreiche All-in-One-Konzept, um flexible Leistungszuweisung und platzsparende Installationen zu ermöglichen. Für den Pkw-Bereich sieht Senoner Ladeleistungen von 200 bis 400 kW weiterhin als praxistauglich und zukunftssicher. Entscheidend sei nicht die Spitzenleistung, sondern die über einen relevanten Zeitraum abrufbare Ladeleistung. Parallel arbeite Alpitronic an Hochleistungs-Lösungen für kommende Fahrzeuggenerationen.

Abschließend plädiert Senoner für klare politische Leitplanken. Batterieelektrische Antriebe seien heute die effizienteste und kostengünstigste Lösung zur Dekarbonisierung des Straßenverkehrs. Alternative Antriebe könnten Nischen bedienen, sollten aber nicht dazu dienen, den Übergang zu emissionsfreien Lösungen zu verzögern. Planungssicherheit sei der Schlüssel, damit Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette weiter investieren.

Quelle: electrive.net – „Wir brauchen mehr E-Autos pro Ladepunkt“ – Philipp Senoner von Alpitronic

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Sebastian Henßler

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Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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