Der belgische Mobilitätsforscher Prof. Dr. ir. Joeri Van Mierlo sieht die Elektromobilität in Europa an einem strategischen Wendepunkt. Im Interview für The Smarter E ordnet der Leiter des ETEC-Departments der Vrije Universität Brüssel und Gründungsdirektor des Forschungszentrums MOBI zentrale Technologie- und Marktentwicklungen ein – mit klaren Aussagen zu Chancen, Risiken und politischen Hebeln.
Kurzfristig, also bis Ende 2026, erwartet Van Mierlo Fortschritte in mehreren Technologiefeldern. Am sichtbarsten dürften jedoch Megawatt-Ladesysteme für schwere Nutzfahrzeuge werden. „Die europäischen Güterverkehrskorridore bereiten sich auf Hochleistungsladen vor, um Langstrecken-Elektro-Lkw zu ermöglichen“, so Van Mierlo. Parallel dazu werde der Einsatz von Elektro-Lkw-Flotten in der urbanen Logistik zunehmen – getrieben durch Umweltzonen und sinkende Betriebskosten.
Auch bidirektionales Laden gewinnt aus seiner Sicht an Relevanz, weil Flexibilität im Stromnetz zunehmend zur Systemanforderung wird. Ergänzend verweist er auf Festkörperbatterien und KI-gestützte Energiemanagementsysteme, deren Einfluss zwar eher gegen Ende des Jahrzehnts spürbar werde, aber strukturell wichtig sei.
Europas industrielle Stärken sind da, doch Zeit wird knapp
Dem zunehmenden Druck aus Asien zum Trotz sieht Van Mierlo weiterhin substanzielle Stärken in Europa. Dazu zählen die Fertigung hochwertiger Autos, Kompetenzen im Batterierecycling sowie Lösungen für Kreislaufwirtschaft. Auch bei Smart Grids und Interoperabilitätsstandards sei die EU gut positioniert. Um diese Potenziale auszuschöpfen, müsse Europa jedoch schneller werden: bei Genehmigungen für intelligentes und bidirektionales Laden, beim Hochlauf von Batteriefabriken sowie bei Investitionen in Batterien und Leistungselektronik der nächsten Generation.
Deutlich kritischer fällt seine Einordnung zur Rolle Chinas aus. Dessen nachhaltig angelegte Industriestrategie, geprägt durch vertikale Integration und automatisierte Massenproduktion, verschaffe chinesischen Herstellern erhebliche Kostenvorteile. „Die wettbewerbsfähigen Preise und die rasche Expansion chinesischer Marken in Europa erhöhen den Druck auf europäische Hersteller“, sagt Van Mierlo. Gleichzeitig gingen europäische Exporte nach China zurück, da dort zunehmend heimische Marken bevorzugt würden. Ohne Diversifizierung der Lieferketten und einen Ausbau lokaler Produktion drohe Europa, strategische Autonomie in der Energiewende zu verlieren.
Eine mögliche Antwort sieht er in einer klug ausgestalteten „EU-first“-Strategie, die nicht auf reinen Protektionismus setzt. Dazu zählen globale Partnerschaften zur Sicherung kritischer Rohstoffe, industrielle Allianzen für zentrale E-Auto-Komponenten sowie CO2-basierte Einfuhrzölle zur Herstellung fairer Wettbewerbsbedingungen. Innovation und Nachhaltigkeitsstandards müssten dabei der Kern bleiben. Ein Festhalten am Verbrennungsmotor bewertet Van Mierlo hingegen als wirtschaftliches Risiko: „Das könnte die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen“, insbesondere da Unternehmensflotten – als größter Hebel bei Neuzulassungen – eine Schlüsselrolle bei der Einführung emissionsfreier Autos spielen.
Bidirektionales Laden als unterschätzter Hebel der Energiewende
Großes Potenzial sieht er im bidirektionalen Laden. Elektroautos könnten als dezentrale Speicher überschüssige erneuerbare Energie aufnehmen und bei Spitzenlasten wieder abgeben. Das entlaste Netze und senke Infrastrukturkosten. Zusätzlich seien Anwendungen wie Frequenzregelung oder Notstromversorgung denkbar. Noch bremsen allerdings regulatorische Fragen, Zertifizierungen und Unsicherheiten bei Batteriegarantien. Werden diese Hürden überwunden, könne V2G zu einem zentralen Baustein der europäischen Energiewende werden.
Für die nächsten fünf bis zehn Jahre nennt Van Mierlo mehrere Beschleuniger der Elektromobilität. Sinkende Batteriekosten – laut seiner Einschätzung bis 2030 unter 70 US-Dollar pro Kilowattstunde – dürften Elektroautos schon beim Kaufpreis günstiger machen als Verbrenner. Technologische Fortschritte wie kobaltfreie Batterien und Festkörperzellen verbesserten Reichweite und Haltbarkeit, während ultraschnelle Ladeinfrastruktur Reichweitenängste weiter abbauen dürfte.
Politisch seien strengere CO₂-Ziele, emissionsfreie Zonen und das geplante EU-Verbrenner-Aus ab 2035 entscheidend, sofern es Bestand habe. Ebenso wichtig: Netzausbau, intelligentes Laden und der Ausbau erneuerbarer Energien. Für gesellschaftliche Akzeptanz seien zudem Gebrauchtmärkte und soziale Leasingmodelle notwendig.
Quelle: the smarter E – Europa unter Strom: Prof. Joeri Van Mierlo über Chancen, Risiken und die nächsten Technologiesprünge








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