Die europäische Automobilindustrie steht unter Druck. Chinesische Automobilhersteller drängen mit wettbewerbsfähigen Elektroautos auf den Markt, die CO₂-Flottengrenzwerte zwingen zu beschleunigter Elektrifizierung, und geopolitische Spannungen sorgen für Unsicherheit bei Lieferketten und Rohstoffpreisen. Mittendrin steht Volkswagen als größter europäischer Automobilhersteller vor der Aufgabe, die Transformation wirtschaftlich tragfähig zu gestalten und gleichzeitig Marktanteile zu verteidigen. Martin Sander, Vertriebsvorstand von VW Pkw, ordnet im Gespräch mit der Autogazette ein, wie die Marke das vergangene Jahr bewertet, welche Rolle neue Modelle spielen und wo die Grenzen des aktuellen Wachstums liegen.
Sander zeigt sich mit dem Start ins Jahr zufrieden. Die Marke Volkswagen habe ihren Absatz in Europa deutlich gesteigert und sei sowohl bei Verbrennern als auch bei Elektroautos Marktführer. Die Auftragseingänge im Januar und Februar lägen über den Erwartungen. Besonders der Golf erweise sich weiterhin als stark, wobei mittlerweile jeder zweite verkaufte Golf in Deutschland ein GTI- oder R-Modell sei. Auch der neue T-Roc wird als Verkaufserfolg genannt. Gleichzeitig räumt Sander ein, dass die Rahmenbedingungen herausfordernd bleiben: „Der Wettbewerbsdruck ist riesig, neue chinesische Wettbewerber drängen auf den Markt und setzen alle Hersteller unter Druck.“
Beim Thema Elektromobilität sieht der Vertriebsvorstand kein Krisenszenario, wohl aber eine Korrektur überzogener Erwartungen. Das Wachstum sei anfangs zu optimistisch bewertet worden, entwickle sich aber weiterhin deutlich. Märkte wie Norwegen und Dänemark hätten den Wandel bereits vollzogen, in Deutschland, Frankreich und Großbritannien steige der Anteil kontinuierlich. Entscheidend sei ein Erfahrungswert: „Kunden, die einmal elektrisch gefahren sind, sind überwiegend so überzeugt von der Technologie, dass sie nie wieder zurück zum Verbrenner wollen.“ Damit dieses Momentum anhalte, brauche es die richtigen Autos in den richtigen Preissegmenten und eine bessere Ladeinfrastruktur in weiten Teilen Europas.
Dass die Transformation langsamer verläuft als politisch eingeplant, macht Sander an der Diskussion um die CO₂-Flottengrenzwerte deutlich. Die Industrie brauche mehr Flexibilität. Volkswagen rege einen Ausgleichszeitraum von 2028 bis 2032 an, in dem die Vorgaben erreicht werden müssten. Strafzahlungen seien kontraproduktiv, weil sie Investitionsmittel bänden. Grundsätzlich hält Sander wenig davon, Menschen über Verbote von einer neuen Technologie zu überzeugen: Wichtiger sei die persönliche Überzeugung der Kund:innen.
VW: Neue Modelle sollen das Volumenwachstum beschleunigen
Die größten Erwartungen ruhen auf dem ID. Polo und dem ID. Cross, die ab einem Preisniveau von rund 25.000 Euro einer deutlich breiteren Käufergruppe den Einstieg in die Elektromobilität ermöglichen sollen. Sander bezeichnet beide Modelle als „extrem wichtig“, auch wenn er sich bei Superlativen zurückhält. Die Fahrzeuge erschließen laut dem Vertriebsvorstand nicht nur neue Kundensegmente, sondern schaffen über die markenübergreifende Produktion innerhalb der Brand Group Core erhebliche Skaleneffekte. Gebaut werden sie in Spanien, wo bereits bestehende Strukturen aus der Polo-Verbrenner-Fertigung genutzt werden können. Gemeinsam mit Schwestermodellen von Cupra und Škoda entstehe so ein Produktionsverbund auf der iberischen Halbinsel, der Synergien hebt und Kosten senkt.
Auf den Einwand, dass Wettbewerber wie Renault mit dem R5 oder Citroën mit dem ë-C3 bereits im Markt sind, reagiert Sander gelassen: „Naja, der Nachzügler ist mit weitem Abstand Marktführer in Europa.“ Volkswagen komme genau zum richtigen Zeitpunkt, weil sich die Märkte für kompakte E-Autos in Südeuropa gerade erst entwickelten. Beim Absatz rechnet er damit, dass der ID. Cross das volumenstärkere der beiden Modelle wird. Sein volles Potenzial entfalte das Duo allerdings erst 2027.
Ein weiterer Akzent des Gesprächs liegt auf der Designstrategie. Die Zeit, in der sich E-Autos optisch von konventionell angetriebenen Modellen abheben mussten, sei vorbei. Ein Volkswagen solle wie ein Volkswagen aussehen. Die Rückkehr zu etablierten Namen wie Polo spielt dabei eine bewusste Rolle: Markenbekanntheit in die Elektromobilität zu übertragen, gebe Kund:innen Orientierung und Vertrauen.
Geopolitische Risiken und regionale Unterschiede prägen den Ausblick
Regional differenziert Sander deutlich. Europa entwickle sich positiv, in Deutschland erwartet er für das laufende Jahr einen E-Auto-Anteil in Richtung 25 Prozent. In China habe Volkswagen bei Verbrennern die Marktführerschaft, bei New Energy Vehicles jedoch bislang kein ausreichendes Produktangebot gemacht. Das ändere sich ab diesem Jahr: Bis Ende 2026 sollen mehr als zehn neue Modelle auf den chinesischen Markt kommen. Wachstumschancen sieht der Vertriebsvorstand auch in Lateinamerika, etwa in Mexiko, Brasilien und Chile. Das geplante Mercosur-Freihandelsabkommen bewertet er als große Chance für die Marke. Nordamerika hingegen bleibe aufgrund der politischen Gemengelage schwierig.
Die geopolitischen Spannungen rund um den Iran-Krieg beschäftigen auch Volkswagen. Sander verweist auf Mitarbeiter:innen vor Ort, für die das Unternehmen Verantwortung trage, und auf laufende Überprüfungen der Auswirkungen auf Teileversorgung, Absatz und Ölpreisentwicklung. Einen kurzfristigen Push für die Elektromobilität durch steigende Spritpreise erwartet er nicht, da die Preisausschläge krisenbedingt und temporär seien. Was es stattdessen brauche, seien „verlässlich günstige und einheitliche Ladestrompreise für die Fahrer eines E-Autos.“
Zur neuen E-Prämie der Bundesregierung äußert sich Sander grundsätzlich positiv. Die Mechanik sei bekannt und habe funktioniert. Kritik formuliert er an einer Stelle: Gebrauchte Elektroautos seien nicht einbezogen worden, obwohl gerade zurückkommende Leasingfahrzeuge für Kund:innen mit mittleren und kleinen Einkommen preislich attraktiv seien. Eine Prämie für Gebrauchte könnte laut Sander Vertrauen in einen Markt schaffen, der sich gerade erst entwickelt.
Quelle: Autogazette – „Der Nachzügler ist mit weitem Abstand Marktführer in Europa“








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