Der deutsche Automobilhersteller Volkswagen erhöht den Druck auf die Arbeitnehmerseite deutlich. Der Konzern hat – wie bereits am Mittwoch berichtet – zum Jahresende gleich eine ganze Reihe von Tarifverträgen gekündigt und will damit nach eigenen Angaben zusätzlichen Spielraum für Verhandlungen über niedrigere Kosten schaffen. Während Volkswagen den Schritt mit einem nochmals verschärften Wettbewerbsumfeld begründet, sprechen IG Metall und Betriebsrat von einem tiefen Bruch mit der bisherigen Tarifkultur bei Europas größtem Automobilhersteller.
Volkswagen selbst verweist vor allem auf die schwierigere wirtschaftliche Lage. Geopolitische Spannungen, Handelsbarrieren und insbesondere der wachsende Konkurrenzdruck durch chinesische Hersteller hätten die Rahmenbedingungen in den vergangenen 18 Monaten erheblich verändert. Personalvorstand Arne Meiswinkel bezeichnet die Veränderungen als „strukturell und tiefgreifend“. Die bereits vereinbarten Sparmaßnahmen müssten deshalb konsequent umgesetzt und weitere Möglichkeiten für einen sozialverträglichen Personalabbau ausgeschöpft werden.
Die Kündigung der Tarifverträge sei dabei ausdrücklich dazu gedacht, „den Verhandlungsraum“ zu öffnen. Konkrete Forderungen zu einzelnen Punkten nennt Volkswagen bislang allerdings nicht. Klar ist lediglich: Aus Sicht des Unternehmens reichen die bestehenden Kostenstrukturen nicht mehr aus. Auch die Forderung der IG Metall nach fünf Prozent mehr Geld in der kommenden Tarifrunde weist Volkswagen angesichts der wirtschaftlichen Situation zurück.
Die WirtschaftsWoche meldet zudem, dass bei der VW-Software-Tochter Cariad abermals 1000 Stellen gestrichen werden sollen. Das entspricht beinahe einem Viertel der verbliebenen Belegschaft. VW hatte mangels durchschlagender Erfolge bei eigenen Software-Lösungen zuletzt verstärkt auf die internationale Partner Rivian und Xpeng gesetzt.
Zehn Tarifverträge auf dem Verhandlungstisch
Erst die detaillierte Aufstellung der IG Metall zeigt, wie weitreichend der Schritt ist. Nach Gewerkschaftsangaben hat Volkswagen insgesamt zehn Vereinbarungen gekündigt. Dazu gehören der Entgelt- und Manteltarifvertrag, die tarifliche Zulage und Zusatzvergütung sowie Regelungen zur Eingruppierung, Leistungs- und Personalbemessung und zu besonderen Arbeitszeiten. Hinzu kommen Teile des Ausbildungstarifvertrags sowie zwei Tarifverträge für Beschäftigte in Spezialisten- und Führungsfunktionen im Tarif-Plus-System.
Damit geht es potenziell um deutlich mehr als einzelne Sonderzahlungen. Im Manteltarifvertrag sind beispielsweise Arbeitszeit und tariflicher Urlaub von 30 Tagen geregelt. Auch Schutzrechte für ältere Beschäftigte oder Mitarbeiter, die ihre bisherige Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben können, gehören nach Angaben der IG Metall dazu. Bei Auszubildenden und dual Studierenden steht zudem die bislang geregelte Übernahme nach Abschluss der Ausbildung zur Debatte.
Das Handelsblatt verweist zudem darauf, dass Volkswagen auch längere Arbeitszeiten als eine Möglichkeit zur Kostensenkung betrachtet. Für viele Beschäftigte gilt derzeit eine 35-Stunden-Woche. Eine Verlängerung bei gleichem Monatsentgelt könnte rechnerisch die Arbeitskosten je Stunde reduzieren. Ob Volkswagen eine solche Forderung tatsächlich zum Gegenstand der kommenden Verhandlungen macht, ist bislang allerdings offen.
Für Beschäftigte ändert sich zunächst nichts
Die Kündigungen bedeuten allerdings nicht, dass zum 1. Januar automatisch Urlaubstage, Zulagen oder andere tarifliche Leistungen entfallen. Volkswagen weist ausdrücklich darauf hin, dass die gekündigten Tarifverträge nach den gesetzlichen Regeln zunächst nachwirken. Die konkreten Folgen hängen daher von den kommenden Verhandlungen und teilweise auch von den jeweiligen Regelungen der einzelnen Verträge ab.
Ebenfalls nicht betroffen ist die Beschäftigungssicherung aus dem Zukunftstarifvertrag von Ende 2024. Betriebsbedingte Kündigungen bleiben damit bis Ende 2030 ausgeschlossen. Gleichzeitig sollen allerdings ohnehin bereits 35.000 Stellen in Deutschland bis 2030 sozialverträglich entfallen, etwa durch Altersteilzeit, natürliche Fluktuation und Abfindungsprogramme.
Gerade dieser Punkt ist für die Arbeitnehmerseite zentral. Beim Tarifkompromiss Ende 2024 hatten die Beschäftigten bereits erhebliche Zugeständnisse gemacht. Nach Angaben der IG Metall summieren sich diese Beiträge seit 2025 auf rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr. Im Gegenzug hatte Volkswagen Investitionen, Produkte und Zukunftsperspektiven für die deutschen Standorte zugesagt.
Nun bestehen aus Sicht der Gewerkschaft Zweifel, ob alle damaligen Zusagen tatsächlich Bestand haben. Genau deshalb hatte sie das im Zukunftstarifvertrag vorgesehene Überprüfungsgespräch eingefordert. Ausgerechnet bei diesem Treffen übergab Volkswagen nun die Kündigungen der weiteren Tarifverträge. Sauer stößt Teilen der Arbeitnehmerseite auf, dass VW noch im Juni 2,6 Milliarden Euro an seine Aktionäre als Dividende ausgeschüttet hat, nun aber offenbar abermals drastischere Sparmaßnahmen einleitet.
Betriebsrat spricht von „Erpressungsversuch“
Entsprechend scharf fällt die Reaktion der Arbeitnehmervertreter aus. IG-Metall-Verhandlungsführer Thorsten Gröger bezeichnete den Schritt als „übles Foul an der Belegschaft“. Volkswagen versuche, die wirtschaftlichen Herausforderungen erneut auf die Beschäftigten abzuwälzen. Gesamtbetriebsratschefin Daniela Cavallo wirft dem Vorstand vor, zunächst mit der Zukunft von Werken Druck aufzubauen und anschließend weitere tarifliche Zugeständnisse durchsetzen zu wollen. Sie rechnet mit einer „heftigen Auseinandersetzung zum Jahreswechsel“.
Auch außerhalb der Arbeitnehmervertretung wird die nun drohende Eskalation kritisch gesehen. Der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer sagte der Nachrichtenagentur Reuters, Kostensenkungen allein würden Volkswagen nicht auf die kommenden Herausforderungen vorbereiten. Ein „Krieg gegen die Belegschaft“ sei kein Weg in die Zukunft.
Mehrere andere Medien weisen darauf hin, dass die Kündigung von Tarifverträgen vor Neuverhandlungen grundsätzlich nichts Ungewöhnliches ist. Bemerkenswert sei diesmal jedoch der Umfang. Beim Konflikt im Jahr 2024 hatte Volkswagen deutlich weniger Vereinbarungen gekündigt; insbesondere der Manteltarifvertrag blieb damals unangetastet. Nun steht ein Großteil des VW-Haustarifs zur Neuverhandlung.
Ab Januar wären auch Streiks möglich
Damit dürfte die eigentliche Auseinandersetzung erst beginnen. Volkswagen und IG Metall wollen sich in der zweiten Oktoberhälfte erneut treffen. Parallel steht die reguläre Tarifrunde an, in der die Gewerkschaft fünf Prozent mehr Entgelt fordert, während Volkswagen weitere Kostensenkungen anstrebt. Die Ausgangspositionen könnten damit kaum weiter auseinanderliegen.
Bis Jahresende gilt noch die Friedenspflicht. Ab dem 1. Januar 2027 wäre die IG Metall nach eigenen Angaben allerdings auch für die Wiedereinsetzung der gekündigten Tarifverträge streikfähig. Schon 2024 hatten Warnstreiks den damaligen Tarifkonflikt begleitet.
Entscheidend dürfte am Ende nicht allein sein, wie viel Volkswagen bei seinen Beschäftigten einsparen kann. Ebenso wichtig wird sein, ob Vorstand und Arbeitnehmerseite noch einmal einen Kompromiss finden, der Kosten senkt, ohne das bisherige System aus Beschäftigungssicherung, tariflichen Zugeständnissen und Investitionszusagen grundsätzlich infrage zu stellen. Und dass allzu schlechte Stimmung auf der Arbeitnehmerseite selbst ohne laufenden Streik nicht unbedingt produktionsförderlich sein dürfte, kann sich jeder leicht ausmalen. Der Herbst und Winter dürften bei Volkswagen nun von einem der härtesten Tarifkonflikte der deutschen Automobilindustrie geprägt sein.
Quelle: Volkswagen und IG Metall – Pressemitteilungen vom 30. September 2026; Handelsblatt – VW kündigt Tarifverträge: Was heißt das für Beschäftigte?; Reuters – Angry VW union to ratchet up dispute after labour deals cut short









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