Die derzeit diskutierte und dem Vernehmen nach weit fortgeschrittene Aufweichung der europäischen CO₂-Flottengrenzwerte könnte nach Berechnungen des International Council on Clean Transportation (ICCT) erhebliche negative Auswirkungen auf die Beschäftigung in der europäischen Automobilindustrie haben. Bis 2035 könnten bei einer Verzögerung der bisherigen Vorgaben um fünf Jahre rund 185.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Zu diesem Ergebnis kommt die jüngst veröffentlichte englischsprachigen Studie „Arbeitsplätze sichern: Beschäftigung unter den EU-CO₂-Vorgaben für neue Pkw“.
Damit widerspricht die unabhängige Forschungsorganisation der vielfach aus der Automobilindustrie vorgetragenen Argumentation, wonach die geltenden CO₂-Vorgaben und insbesondere das faktische Verbrenner-Aus ab 2035 zahlreiche Arbeitsplätze gefährden würden. Zwar könnte eine langsamere Elektrifizierung kurzfristig Beschäftigung in der Verbrennerproduktion sichern. Gleichzeitig würden jedoch deutlich weniger neue Arbeitsplätze in der Elektroauto-Produktion, der Batterieherstellung und dem Recycling sowie beim Aufbau und Betrieb von Ladeinfrastruktur entstehen.
Drei Szenarien mit deutlich unterschiedlichen Ergebnissen
Für ihre Untersuchung haben die Forscher drei mögliche Entwicklungspfade bis 2035 modelliert. Bei einer Beibehaltung der derzeit geltenden CO₂-Grenzwerte würde die Beschäftigung in den untersuchten Bereichen gegenüber 2025 weitgehend stabil bleiben. Arbeitsplatzverluste in der Verbrennerproduktion könnten demnach durch neue Stellen entlang der elektrischen Wertschöpfungskette aufgefangen werden.
Deutlich positiver fällt ein zweites Szenario aus, in dem die bisherigen CO₂-Vorgaben zusätzlich durch industriepolitische Maßnahmen zur Stärkung der europäischen Produktion ergänzt werden. Dazu zählen beispielsweise gezielte Förderungen für die Fertigung von Elektroautos und Batterien sowie Vorgaben für europäische Wertschöpfungsanteile. In diesem Fall könnte die Beschäftigung bis 2035 um rund zehn Prozent beziehungsweise 321.000 Arbeitsplätze gegenüber 2025 steigen.
Im dritten Szenario unterstellt das ICCT eine Verschiebung der CO₂-Ziele um fünf Jahre. Dadurch würde der Anteil batterieelektrischer Fahrzeuge an den Neuzulassungen 2030 lediglich 33 statt 60 Prozent erreichen. Bis 2035 wären es 60 statt 100 Prozent. Die Beschäftigung könnte unter diesen Voraussetzungen um rund sechs Prozent beziehungsweise 185.000 Stellen gegenüber 2025 sinken. Allerdings ist dieses Szenario sehr pessimistisch, da sich schon in den vergangenen Monaten die Zulassungszahlen in Europa nah an dem hier angenommenen Wert für 2030 annäherten.
Zwischen dem Szenario mit zusätzlichen industriepolitischen Maßnahmen und jenem mit verzögerten CO₂-Vorgaben liegt damit eine Differenz von gut einer halben Million Arbeitsplätzen.
Deutschland wäre besonders stark betroffen
Besonders gravierend wären die Auswirkungen der Studie zufolge und wenig überraschend für Deutschland als größten europäischen Automobilstandort. Gegenüber einer Fortführung der geltenden CO₂-Vorgaben könnten bei einer Verzögerung rund 77.000 Arbeitsplätze weniger vorhanden sein, davon knapp 55.000 in der Fahrzeugproduktion. Für Frankreich errechnet das ICCT einen Unterschied von etwa 28.000 Stellen, für Polen und Italien jeweils rund 21.000.
Entscheidend ist nach Einschätzung der Forscher nicht allein das Tempo der Elektrifizierung, sondern auch, wo die entsprechenden Fahrzeuge und Komponenten künftig produziert werden. Während im Szenario mit unveränderten CO₂-Grenzwerten 2035 rund 68 Prozent der in der EU verkauften batterieelektrischen Pkw und Plug-in-Hybride aus europäischer Produktion stammen würden, wären es bei einer verzögerten Transformation lediglich 56 Prozent. Mit zusätzlichen industriepolitischen Maßnahmen könnte der Anteil dagegen auf 75 Prozent steigen.
Studienleiterin Sandra Wappelhorst kritisiert entsprechend: „Die Abschwächung der CO₂-Vorgaben wird als Möglichkeit dargestellt, Arbeitsplätze zu schützen. Doch unsere Analyse zeigt genau das Gegenteil.“. Statt am Verbrennungsmotor festzuhalten, müsse Europa seine eigene Wertschöpfung rund um Elektroautos stärken. Weiterhin führt sie aus: „Stattdessen sollte die EU erwägen, ihre Vorgaben durch Maßnahmen zur Stärkung der europäischen Lieferketten für Elektroautos zu ergänzen. Das Festhalten an einer überholten Technologie wie dem Verbrennungsmotor wird den Beschäftigten langfristig nicht helfen.“
EU-Politik steuert dennoch auf weitere Lockerungen zu
Die EU stellt ihre bisherigen Vorgaben zunehmend infrage. Die EU-Kommission hatte bereits Ende 2025 vorgeschlagen, das bisherige CO₂-Reduktionsziel von 100 Prozent für Neuwagen ab 2035 auf 90 Prozent abzusenken. Inzwischen haben sich die großen Fraktionen im Europaparlament auf einen Kompromiss verständigt, der unter bestimmten Voraussetzungen sogar eine Reduktion um lediglich 87,5 Prozent ermöglichen würde. Erste Parlamentsausschüsse haben diesen Kurs bereits unterstützt.
Parallel dazu zeichnet sich auch bei den geplanten verbindlichen Elektroquoten für große Unternehmensflotten ein Rückzug ab. Konservative, Sozialdemokraten und Liberale wollen die ursprünglich vorgesehenen verpflichtenden nationalen Zielwerte offenbar durch freiwillige Vorgaben ersetzen. Damit könnten sowohl die regulatorischen Anforderungen an die Hersteller als auch ein wichtiger Anreiz zur Nachfrage nach Elektroautos abgeschwächt werden.
Die ICCT-Ergebnisse liefern dieser Diskussion eine zusätzliche wirtschaftspolitische Perspektive. Während Befürworter gelockerter Vorgaben auf die hohen Transformationskosten und die derzeit schwierige Lage vieler europäischer Hersteller und Zulieferer verweisen, legt die Untersuchung nahe, dass eine Verlängerung der Verbrennerproduktion lediglich kurzfristig Entlastung schaffen könnte. Langfristig besteht dagegen das Risiko, dass neue Produktionskapazitäten und Arbeitsplätze verstärkt außerhalb Europas entstehen.
Allerdings handelt es sich bei den ICCT-Zahlen um modellierte Szenarien und nicht um eine konkrete Prognose der Folgen des derzeit diskutierten EU-Kompromisses. Die Forscher haben bewusst eine pauschale Verschiebung um fünf Jahre angenommen. Andere Einflussfaktoren wie Automatisierung, Digitalisierung und allgemeine wirtschaftliche Entwicklungen wurden nicht berücksichtigt. Die zentrale Schlussfolgerung des ICCT bleibt dennoch deutlich: Für die langfristige Beschäftigung in der europäischen Automobilindustrie könnte eine entschlossene Elektrifizierung in Verbindung mit einer Stärkung der heimischen Produktion erheblich vorteilhafter sein als eine weitere Lockerung bestehender Klimaschutzvorgaben.
Quelle: ICCT – Pressemitteilung vom 27. Oktober 2026








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