VW-Führung sieht Konzern als existenzgefährdet

VW-Führung sieht Konzern als existenzgefährdet
Copyright:

Volkswagen

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 3 min

Ende 2025 ließ Volkswagen-Chef Oliver Blume eine ungewöhnliche interne Erhebung durchführen. Im Rahmen anonymer „Belief Audits“ wurden die acht Konzernvorstände, der designierte Porsche-Chef Michael Leiters sowie Mitglieder des Aufsichtsrats gebeten, den Zustand des Unternehmens ehrlich zu bewerten. Die Ergebnisse flossen in ein gemeinsam mit der Beratungsfirma BCG erstelltes Transformationspapier ein, das Blume Ende April dem Aufsichtsrat präsentierte.

Das interne Stimmungsbild fiel düster aus. Sechs der neun befragten Vorstandsmitglieder stuften den Konzern als existenzgefährdet ein, die übrigen drei als angespannt. Die Option, die Lage als unkritisch zu bewerten, wählte niemand. Neun von neun Vorständen sprachen sich für eine grundlegende Neudefinition des Geschäftsmodells aus. Das bislang tragende Prinzip, Autos in Deutschland zu entwickeln, in Europa zu bauen und weltweit zu verkaufen, funktioniere nicht mehr, so die Einschätzung führender Konzernvertreter, wie das Manager Magazin berichtet.

Besonders kritisch wurde die Lage in zwei Schlüsselmärkten beurteilt. Die Strategien für Nordamerika und China galten einstimmig als nicht nachhaltig. Für China soll in der Befragung sogar eine Antwort vollständig gefehlt haben, möglicherweise ließ der zuständige Vorstand Ralf Brandstätter die entsprechende Frage aus.

Die jüngsten Quartalszahlen für das erste Quartal 2026 untermauern die Bedenken: Audi findet nicht aus der Schwächephase, die Marken VW und Seat/Cupra blieben in der Volumengruppe nur knapp über null, Bentley rutschte in die roten Zahlen. Aus Wolfsburg heißt es, die Zahlen seien seitdem nicht wesentlich besser geworden.

Einig im Dissens: Vorstand ohne gemeinsame Linie

Trotz der weitgehend übereinstimmenden Lageeinschätzung fehlt es offenbar an einem gemeinsamen Kurs. Gefragt nach dem Zusammenhalt im Vorstand, antworteten vier Mitglieder, man sei uneinig. Weitere vier bezeichneten sich als im Wesentlichen einig. Vollständige Einigkeit attestierte sich niemand. Der Aufsichtsrat erlebte die Situation ähnlich: Von 14 Aufsichtsratsmitgliedern, die zu dieser Frage antworteten, bezeichneten elf den Vorstand als uneinig.

Mit einigem Abstand betont man im Konzern, beim Transformationsprojekt eng zusammenzustehen. Blume hat inzwischen konkrete Schritte eingeleitet: Werke stehen infrage, die Wachstumserwartungen wurden deutlich gesenkt, und Nettoeinsparungen von sechs Milliarden Euro pro Jahr sind das erklärte Ziel. Am 9. Juli soll dem Aufsichtsrat ein weitreichendes Transformationskonzept vorgelegt werden.

Zentral dabei sind die Investitionspläne. Finanzchef Arno Antlitz hatte die Ausgaben für den Fünfjahreszeitraum bis 2030 bereits auf 160 Milliarden Euro gedrückt. Doch selbst dieses Ziel hielten fünf der neun befragten Vorstandsmitglieder für unrealistisch, nur vier für erreichbar. Im Aufsichtsrat sollen die Zweifel noch größer gewesen sein. Blume plant nun eine weitere Kürzung auf rund 130 Milliarden Euro. Um das zu erreichen, müssten nach Einschätzung von Insidern ganze Modellplattformen gestrichen werden.

Beraterfirmen sollen Pläne gegenseitig überprüfen

Das von BCG und den konzerninternen Strategen erstellte Papier wird zudem einer Gegenprüfung unterzogen. Roland Berger übernimmt diese Aufgabe für den Aufsichtsrat, was bei Weichenstellungen dieser Tragweite üblich ist. Ungewöhnlicher ist, dass auch auf Vorstandsebene Zweifel bestehen: Finanzchef Antlitz hat die Wirtschaftsprüfer von PwC beauftragt, die Zahlen des Transformationskonzepts noch einmal unabhängig zu prüfen.

In den vergangenen Vorstandssitzungen soll es bisweilen emotionale Debatten gegeben haben, vor allem über die Aufteilung der Sparbeiträge unter den Marken und die Zukunft der Softwaretochter Cariad. Ein Beteiligter gibt sich gelassen: Solche Auseinandersetzungen seien notwendig, am Ende stehe man zu dem Beschlossenen.

Quelle: Manager Magazin – Volkswagen-Bosse halten den Konzern für existenzgefährdet

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Volkswagen (VW) Elektroautos

Gabardi, VW: „Erfolge der Vergangenheit garantieren nichts“

Gabardi, VW: „Erfolge der Vergangenheit garantieren nichts“

Sebastian Henßler  —  

Dr. Erwin Gabardi hat VW Anhui aufgebaut und leitet jetzt die Produktstrategie der Brand Group Core. Ein Gespräch über China, Tempo und den neuen ID. Polo.

„Made in Europe“: VW, Stellantis und Renault fordern simple EU-Regeln

„Made in Europe“: VW, Stellantis und Renault fordern simple EU-Regeln

Tobias Stahl  —  

Volkswagen, Stellantis und Renault wenden sich in einem gemeinsamen Schreiben an die EU – und fordern möglichst simple Regeln zum Schutz der hiesigen Automobilindustrie.

Blume, VW: Stellenabbau läuft, erste Milliarde gespart

Blume, VW: Stellenabbau läuft, erste Milliarde gespart

Sebastian Henßler  —  

VW-Chef Blume kündigt zur Hauptversammlung an: Bis Jahresende sinkt die Belegschaft um 19.000. Mehr als 28.000 Abgänge sind bis 2030 verbindlich vereinbart.

Xpeng: Kein VW-Werk im Blick, aber mehr Europa-Ambitionen

Xpeng: Kein VW-Werk im Blick, aber mehr Europa-Ambitionen

Sebastian Henßler  —  

Xpeng will den Absatz in Europa 2026 verdoppeln. Vizechef Gu sprach in London über Produktionspläne und dementierte Berichte über VW-Werkverhandlungen.

Blume, VW: EU braucht fairen Wettbewerb für Autobranche

Blume, VW: EU braucht fairen Wettbewerb für Autobranche

Sebastian Henßler  —  

Die EU bestraft chinesische Elektroautos mit Strafzöllen, Hybride bleiben ausgenommen. VW-Chef Blume sieht darin ein strukturelles Problem für Europa.

VW ID.Polo und Cupra Raval ab sofort in Serienproduktion

VW ID.Polo und Cupra Raval ab sofort in Serienproduktion

Michael Neißendorfer  —  

Das Stammwerk von Seat / Cupra in Martorell hat die Produktion des Cupra Raval und des Volkswagen ID. Polo aufgenommen.