Ende 2025 ließ Volkswagen-Chef Oliver Blume eine ungewöhnliche interne Erhebung durchführen. Im Rahmen anonymer „Belief Audits“ wurden die acht Konzernvorstände, der designierte Porsche-Chef Michael Leiters sowie Mitglieder des Aufsichtsrats gebeten, den Zustand des Unternehmens ehrlich zu bewerten. Die Ergebnisse flossen in ein gemeinsam mit der Beratungsfirma BCG erstelltes Transformationspapier ein, das Blume Ende April dem Aufsichtsrat präsentierte.
Das interne Stimmungsbild fiel düster aus. Sechs der neun befragten Vorstandsmitglieder stuften den Konzern als existenzgefährdet ein, die übrigen drei als angespannt. Die Option, die Lage als unkritisch zu bewerten, wählte niemand. Neun von neun Vorständen sprachen sich für eine grundlegende Neudefinition des Geschäftsmodells aus. Das bislang tragende Prinzip, Autos in Deutschland zu entwickeln, in Europa zu bauen und weltweit zu verkaufen, funktioniere nicht mehr, so die Einschätzung führender Konzernvertreter, wie das Manager Magazin berichtet.
Besonders kritisch wurde die Lage in zwei Schlüsselmärkten beurteilt. Die Strategien für Nordamerika und China galten einstimmig als nicht nachhaltig. Für China soll in der Befragung sogar eine Antwort vollständig gefehlt haben, möglicherweise ließ der zuständige Vorstand Ralf Brandstätter die entsprechende Frage aus.
Die jüngsten Quartalszahlen für das erste Quartal 2026 untermauern die Bedenken: Audi findet nicht aus der Schwächephase, die Marken VW und Seat/Cupra blieben in der Volumengruppe nur knapp über null, Bentley rutschte in die roten Zahlen. Aus Wolfsburg heißt es, die Zahlen seien seitdem nicht wesentlich besser geworden.
Einig im Dissens: Vorstand ohne gemeinsame Linie
Trotz der weitgehend übereinstimmenden Lageeinschätzung fehlt es offenbar an einem gemeinsamen Kurs. Gefragt nach dem Zusammenhalt im Vorstand, antworteten vier Mitglieder, man sei uneinig. Weitere vier bezeichneten sich als im Wesentlichen einig. Vollständige Einigkeit attestierte sich niemand. Der Aufsichtsrat erlebte die Situation ähnlich: Von 14 Aufsichtsratsmitgliedern, die zu dieser Frage antworteten, bezeichneten elf den Vorstand als uneinig.
Mit einigem Abstand betont man im Konzern, beim Transformationsprojekt eng zusammenzustehen. Blume hat inzwischen konkrete Schritte eingeleitet: Werke stehen infrage, die Wachstumserwartungen wurden deutlich gesenkt, und Nettoeinsparungen von sechs Milliarden Euro pro Jahr sind das erklärte Ziel. Am 9. Juli soll dem Aufsichtsrat ein weitreichendes Transformationskonzept vorgelegt werden.
Zentral dabei sind die Investitionspläne. Finanzchef Arno Antlitz hatte die Ausgaben für den Fünfjahreszeitraum bis 2030 bereits auf 160 Milliarden Euro gedrückt. Doch selbst dieses Ziel hielten fünf der neun befragten Vorstandsmitglieder für unrealistisch, nur vier für erreichbar. Im Aufsichtsrat sollen die Zweifel noch größer gewesen sein. Blume plant nun eine weitere Kürzung auf rund 130 Milliarden Euro. Um das zu erreichen, müssten nach Einschätzung von Insidern ganze Modellplattformen gestrichen werden.
Beraterfirmen sollen Pläne gegenseitig überprüfen
Das von BCG und den konzerninternen Strategen erstellte Papier wird zudem einer Gegenprüfung unterzogen. Roland Berger übernimmt diese Aufgabe für den Aufsichtsrat, was bei Weichenstellungen dieser Tragweite üblich ist. Ungewöhnlicher ist, dass auch auf Vorstandsebene Zweifel bestehen: Finanzchef Antlitz hat die Wirtschaftsprüfer von PwC beauftragt, die Zahlen des Transformationskonzepts noch einmal unabhängig zu prüfen.
In den vergangenen Vorstandssitzungen soll es bisweilen emotionale Debatten gegeben haben, vor allem über die Aufteilung der Sparbeiträge unter den Marken und die Zukunft der Softwaretochter Cariad. Ein Beteiligter gibt sich gelassen: Solche Auseinandersetzungen seien notwendig, am Ende stehe man zu dem Beschlossenen.
Quelle: Manager Magazin – Volkswagen-Bosse halten den Konzern für existenzgefährdet









Wird geladen...