Während viele europäische Automobilhersteller unter dem Druck chinesischer Wettbewerber und schwankender Absatzzahlen leiden, meldet Renault für das erste Halbjahr 2026 das siebte Wachstumssemester in Folge. Im Rahmen eines digitalen Round Tables, an dem auch Elektroauto-News teilnahm, stellte Ivan Segal, Global Sales and Operations Director der Marke Renault, die Zahlen vor und ordnete sie in die neue Konzernstrategie „futuREady“ ein, die bis 2030 auf drei Ebenen wirken soll: die Ausschöpfung des Markenpotenzials in Europa, eine umfassende Elektrifizierung und eine ausgewogenere globale Präsenz.
Mit 829.500 verkauften Autos erzielte Renault ein Plus von 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr, getragen von einer ausgewogenen Entwicklung zwischen Europa (plus 2,6 Prozent) und den internationalen Märkten (plus 2,8 Prozent). „Dies ist der siebte aufeinanderfolgende Semesteranstieg“, betonte Segal. Auch leichte Nutzfahrzeuge trugen mit einem Plus von 4,1 Prozent zum Ergebnis bei.
Ein Blick auf den Konzernkontext relativiert das Bild leicht: Die Renault Group, zu der neben der Marke Renault auch Dacia und Alpine zählen, verkaufte im ersten Halbjahr 2026 weltweit über 1,1 Millionen Fahrzeuge und damit 0,4 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Dacia verzeichnete global einen Rückgang von 8,1 Prozent, in Europa waren es minus 8,7 Prozent. Alpine hingegen meldete mit 8500 verkauften Autos ein Plus von 69,1 Prozent und nach eigenen Angaben das stärkste Halbjahr der Markengeschichte, getragen vom anhaltenden Erfolg der A290 und den ersten Auslieferungen der A390. Das Wachstum der Marke Renault trägt damit den größten Teil zur Stabilität des Konzerns bei, während Dacia die Gesamtentwicklung derzeit bremst.
Wachstum durch Elektrifizierung setzt sich bei Renault fort
Zentral für die Entwicklung ist die sogenannte Zwei-Wege-Strategie, die auf zwei parallele Modellreihen setzt: Vollhybride und reine Elektroautos. Nach Unternehmensangaben stammen inzwischen 66 Prozent der Verkäufe aus elektrifizierten Modellen, ein Anstieg um sieben Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahressemester. „Wir begannen vor vier Jahren quasi bei null. Heute sind 66 Prozent unserer Verkäufe elektrifiziert. Zwei von drei Kunden entscheiden sich für Hybride oder Elektroautos“, so Segal.
Besonders deutlich zeigt sich der Effekt in Nordeuropa. Deutschland, Großbritannien und die nordischen Länder wuchsen laut Renault gemeinsam um 14 Prozent und damit deutlich schneller als der übrige europäische Markt. Getragen wurde dieser Anstieg von einem Plus von 81 Prozent bei den E-Auto-Verkäufen in der Region. Beim reinen Elektroanteil verweist Renault europaweit auf einen Marktanteil von 6,5 Prozent, ein Zuwachs von 63 Prozent in einem selbst schon dynamischen Gesamtmarkt (plus 34 Prozent).
Der R5 führt nach Unternehmensangaben das B-Segment bei E-Autos an, der R4 das B-SUV-Segment im Privatkundengeschäft. Auch Megane (plus 27 Prozent) und Scenic (plus 23 Prozent) legten zu, während der neu eingeführte Twingo E-Tech mit 9300 Zulassungen startete, deren größere Wirkung laut Segal erst in der zweiten Jahreshälfte erwartet wird.
Neue Kundengruppen ohne interne Konkurrenz
Die Frage, ob sich Hybride- und Elektro-Modelle gegenseitig Kunden abnehmen verneinte Segal mit Blick auf das B-Segment, in dem Clio (Hybrid) und R5 (Elektro) gemeinsam einen Marktanteil von 16,7 Prozent erreichten. „Wir haben keine Kannibalisierung zwischen R5 und Clio“, sagte er. Stattdessen zögen beide Modelle unterschiedliche, neue Kundengruppen an. Ähnliches Potenzial sieht Renault im B-SUV-Segment, das mit einem Marktanteil von 8,1 Prozent noch am Anfang einer vergleichbaren Entwicklung stehe, wie sie das B-Segment vor zwei Jahren durchlaufen habe.
Neben den Verkaufszahlen legte Segal Wert auf die sogenannte Qualität der Verkäufe, ein Konzept, das Renault als Grundlage für langfristige Profitabilität und Markenwert versteht. Dazu gehört ein bewusster Fokus auf den margenstarken Retailkanal bei gleichzeitiger Reduktion von Kurzzeitvermietung und Vorführwagen. „Wir haben bewusst den Druck in der Kurzzeitvermietung reduziert, um einen Überschuss an jungen Gebrauchten zu vermeiden“, erklärte Segal. Auch Demonstrationsfahrzeuge bei Händler würden künftig länger für echte Probefahrten gehalten, statt frühzeitig in den Gebrauchtmarkt zu wandern.
Das Ergebnis ist ein Restwert von 53,4 Prozent, den Renault etwa fünf Prozentpunkte über dem Wettbewerbsdurchschnitt verortet. Ergänzt wird die Strategie durch Finanzierungsmodelle wie PCP (Personal Contract Purchase), mit denen Kund:innen kurz vor Vertragsende gezielt ein neues Angebot unterbreitet werden soll. Perspektivisch soll künstliche Intelligenz diesen „goldenen Moment“ anhand von Fahrzeugdaten wie Laufleistung und Servicehistorie präziser bestimmen. „Heute rufen wir zwölf Monate vorher an. Morgen personalisieren wir den Zeitpunkt“, kündigte Segal an.
Chinesischer Preisdruck ohne Rabattschlacht
Auf Nachfrage nach der Preisentwicklung in Europa, insbesondere angesichts wachsender chinesischer Konkurrenz in Märkten wie Großbritannien, Spanien, Italien und Polen, positionierte Segal die eigene Strategie bewusst gegen Rabattaktionen. „Wir wollen kein großes Discounting, sondern Nettopreise im Retail und starke Restwerte“. Der stabile Restwert ermögliche wettbewerbsfähige monatliche Raten, ohne die Fahrzeugwerte langfristig zu belasten. Zudem verwies Segal auf den bestehenden Kundenstamm der Marke als strukturellen Vorteil gegenüber neuen Anbietern, die noch keinen etablierten „Park“ an Bestandskunden hätten.
Die aktuell hohe Nachfrage nach E-Autos erklärte Segal zusätzlich mit geopolitischen Entwicklungen. Steigende Kraftstoffpreise infolge der Nahost-Krise hätten viele Kund:innen dazu gebracht, die Gesamtbetriebskosten neu zu berechnen, wodurch frühere Vorbehalte gegenüber Reichweite und Ladeinfrastruktur schneller in den Hintergrund träten. Dies verschaffe der Branche kurzfristig mehr Planungssicherheit mit Blick auf die europäischen Flottengrenzwerte bis 2027, auch wenn sich die geopolitische Lage jederzeit wieder ändern könne, schränkte Segal ein.
Zur Frage, wie schnell die nächste Million in Frankreich gefertigter E-Autos erreicht werden könne, verglichen mit der ersten Million seit 2010, antwortete Segal auf eine explizite Nachfrage von Elektroauto-News, Renault stehe vor einem „positiven Problem“: der Notwendigkeit, Produktionskapazitäten an die gestiegene Nachfrage anzupassen. Parallel dazu passe der Automobilhersteller seine Batteriestrategie an europäische Herkunftsanforderungen an, um weiterhin von staatlichen Förderungen zu profitieren. „Wir arbeiten mit einem europäischen Batterie-Ökosystem“, so Segal.
Blick nach vorn: neue Modelle, neue Märkte
International verweist Renault auf Frankreich als größten Einzelmarkt, gefolgt von der Türkei (74.100 Einheiten) und Brasilien (63.800 Einheiten, plus 5 Prozent). Indien wuchs laut Unternehmensangaben um 61 Prozent, Mexiko um 16 Prozent und Marokko um 11 Prozent, getragen von jüngeren Modelleinführungen wie Boreal und Duster. Bei leichten Nutzfahrzeugen erreichte Renault mit einem Zuwachs von knapp 12 Prozent und einem Marktanteil von 14,3 Prozent den zweiten Platz in Europa, wobei die batterieelektrischen Varianten mit plus 48 Prozent überdurchschnittlich zulegten.
Für die zweite Jahreshälfte kündigte Segal den weiteren Rollout des Clio 6, ein neues Modelljahr des Megane, den Marktstart des Traffic Van E-Tech Electric sowie die Enthüllung eines Pick-ups für Lateinamerika an. Ergänzend verwies er auf die Entwicklungsmethodik des Twingo, der in 21 Monaten und mit Unterstützung chinesischer Partner entstand. Dieses beschleunigte Verfahren solle künftig konzernweit angewendet werden, zunächst auch auf ein kommendes Modell der Marke Dacia, mit dem Ziel, neue Autos künftig innerhalb von 24 Monaten zu entwickeln.
Quelle: Renault – Pressemitteilung / Teilnahme am digitalen Round Table mit Ivan Segal, Global Sales and Operations Director Renault








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