Oldtimerszene wandelt sich und setzt auf E-Mobilität

Oldtimerszene wandelt sich und setzt auf E-Mobilität
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Mercedes-Benz

Stefan Grundhoff
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Die Oldtimerszene wandelt sich – nirgends sieht man dies besser als auf der Mille Miglia, der bekanntesten Veranstaltung ihrer Art weltweit. Auch hier setzen sich Elektroautos zunehmend in Szene. Doch es gibt für neuen Technologien in der Klassikszene noch viel zu tun.

Bernd Schneider sitzt in seinem silbernen Mercedes 300 SL mit der Startnummer 320 und bereitet sich in aller Ruhe auf die nächste Wertungsprüfung vor. Acht Aufgaben am Stück, bei denen es nicht um Schnelligkeit geht, sondern darum, auf die Hundertstel Sekunde eine zentimetergenau ausgemessene Strecke zurückzulegen.

Die Mille Miglia – das Hochamt der internationalen Klassikszene – hat Weltruf. Die Teilnehmer kommen längst nicht allein aus Europa, auch aus China, Mexiko, Paraguay oder den USA kommen die Autofans jedes Jahr im späten Frühjahr nach Italien. Seit vielen Jahren ist die Neuauflage des einstigen Oldtimerrennens von Brescia nach Rom und wieder zurück eine Gleichmäßigkeitsfahrt mit Spaß- und Kultfaktor.

Mercedes-Benz

Erlaubt sind bei der Neuauflage der einstigen Rennveranstaltung nur jene Autos, die seinerzeit auch an der originalen Mille Miglia von 1927 bis 1957 teilgenommen hatten – so wie der Flügeltürer mit Rennfahrer Bernd Schneider am Steuer. Doch die mehr als 400 Teilnehmer in ihren Legendenklassikern vom Alfa Romeo 6C 1750 über den Porsche 356 oder einen Mercedes SSK bekommen immer mehr Konkurrenz auf der eigenen Veranstaltung. Vorbei sind jene Zeiten, in denen oldtimerverrückte Klassikfans mit Vollgas im öffentlichen Straßenverkehr drei Tage lange durch den Norden Italiens donnerten.

Die Veränderung der Oldtimerszene: Elektroautos erobern die Mille Miglia

Selbst in Italien ist mittlerweile die Nachhaltigkeit in der Autoszene angekommen. Die wiederverwerteten Taschen der Teilnehmer aus Recycling-Patchwork oder Ökobecher sind dabei noch der kleinste Schritt. Denn die Mille Miglia hat im Jahr 2023 längst auch eine eigene Ökoklasse – die Mille Miglia Green. Hier brabbeln und bollern am Start nicht Bentley Blower, Sunbeam Super Sports oder BMW 328, sondern es surren vor wehenden Mille-Miglia-Fähnchen Elektroautos modernster Bauart.

Wenn Mercedes etwas macht, dann entsprechend professionell. So haben die Schwaben nicht nur W-198-Flügeltürer von 1955 und den SS der Baureihe W 06 von 1930 im Renngepäck, sondern auch das wohl exklusivste Pferd im Stall, das aktuellen einen Stern auf der Haube trägt: den Mercedes EQXX – Jahrgang 2022. An sich nur als rollende Machbarkeitsstudie für den kommenden Mercedes CLA gedacht, hat die Elektroflunder mittlerweile zahllose Rekordfahrten hinter sich. Und weil die so gut liefen und der silberne EQXX trotz Prototypenstatus mittlerweile rund 18.000 Testkilometer auf der Uhr hat, sponn das eingeschworene Mercedes-Entwicklungsteam herum und schickte ihn auf die Mille Miglia – zugegeben, die Grüne.

Nachhaltigkeit trifft auf Tradition: Die Mille Miglia Green

Die Wertungsprüfungen sind die gleichen, doch die Etappen sind etwas kürzer, auch wenn der Elektrosilberpfeil mehr als 1000 Kilometer ohne Ladestopp schafft. Schade drum, denn gerade an der Ladesäule hätte man den Tausenden von Besuchern an der Strecke die Elektromobilität näherbringen können. Italien gilt in Europa in dieser Hinsicht nach wie vor als Entwicklungsland – Schnelllader sind unterhalb der Schiene Venedig – Mailand Mangelware. Nicht zuletzt deshalb gibt es neben den grandiosen Klassikern vergangener Jahrzehnte eben auch die neuen Elektromodelle. Die laufen problemloser als die meisten der knatternden Preziosen – werden jedoch nicht annähernd so bejubelt.

Bisweilen geht am Straßenrand beim Mille-Publikum schon einmal ein Daumen runter, wenn die Teilnehmer in Mercedes EQS, VW ID.Buzz oder Tesla Model Y vorbeizischen. Keine Frage: das Publikum will die sprotzenden und spotzenden Klassiker, bekannte Rennfahrer hinter dem Steuer und Vorkriegspiloten, denen man am Steuer von Bugatti T37, Lancia Torpedo oder Aston Martin Le Mans die Strapazen der diesmal mehr als 2000 Kilometer ansieht.

Nur am futuristischen Mercedes EQXX glotzen sich die Zuschauer in Desanzano, Rom oder Mailand die Augen aus. Die Elektromobilität hat nicht nur in Italien noch ein Akzeptanzproblem – und was für eines. Die Mille Miglia hat in diesem Jahr wieder mehr als 400 Teilnehmer – die Wartelisten sind dabei so lang wie die Spanische Treppe im Herzen von Rom und dann donnern noch mehr als 100 Ferraris vor dem Mille-Miglia-Feld vorweg.

Akzeptanzprobleme und Begeisterung: Die Mille Miglia im Zeitalter der Elektromobilität

Auf der Mille Miglia Green sieht es ganz anders aus, denn hier sind gerade einmal 15 Fahrzeuge unterwegs. In Sachen Professionalität hat Mercedes keine Konkurrenz. Die einen nutzen die grüne Mille als spielerische Marketingaktion, die anderen als professionelle Ausfahrt und haben ein Profi-Rallye-Team engagiert, damit das Ergebnis im Ziel in Brescia stimmt.

Mit der grandiosen Historie der Klassiker von vorgestern können die Teams in den ebenfalls mehr als flott surrenden Elektromobilen nicht dienen; sitzen sie doch wohl klimatisiert und sind auch nicht dem Dauerregen vor Rom in einem offenen Volant ausgesetzt. Doch ohne Ökologie hat die Oldtimerszene auf lange Sicht keine Chance. Viele italienische Innenstädte haben längst grüne Cityzonen mit Einfahrtsbeschränkungen.

Als die Tankanzeige des silbernen Mercedes 300 SL mit der Startnummer 320 noch knapp ein Viertel zeigt, biegt Bernd Schneider in der italienischen Po-Ebene zu einer unscheinbaren Tankstelle ab. Hier wartet ein paar Meter von den Zapfsäulen entfernt ein Spezialtransporter mit E-Fuel. Der silberne Flügeltürer genehmigt sich stattliche 92 Liter Öko-Kraftstoff und fährt nach dem kurzen Zwischenstopp in die Nacht hinein. So bekommen auch die Klassiker ihren grünen Anstrich ab. Und eines ist sicher – dabei dürfte es in den kommenden Jahren kaum bleiben.

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Stefan Grundhoff

Stefan Grundhoff

Stefan Grundhoff ist seit frühester Kindheit ausgemachter Autofan. Die Begeisterung für den Journalismus kam etwas später, ist mittlerweile aber genau so tief verwurzelt. Nach Jahren des freien Journalismus gründete der Jurist 1994 das Pressebüro press-inform und 1998 die Beratungsfirma press-inform consult.

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