Während viele Hersteller ihre Entwicklungszentren verkleinern, europäische Standorte konsolidieren oder Mitarbeiter entlassen, geht Hyundai in die entgegengesetzte Richtung. Mehr als 200 Millionen Euro sind in den neuen Square Campus in Rüsselsheim geflossen. Eine enorme Investition vor allem in Technik, aber auch in Köpfe und in ein Arbeitsumfeld, das in der europäischen Automobilindustrie derzeit seinesgleichen sucht.
Die Zahlen sprechen für sich: Über 500 Mitarbeiter aus 35 Nationen arbeiten derzeit im Hyundai Motor Europe Technical Center (HMETC). Von 2024 auf 2025 wuchs das Team um 25 Prozent, und allein bis Jahresende sollte es noch einmal um fast zehn Prozent erweitert werden. Die Zeit scheint günstig, denn auch wenn es im Allgemeinen einen Fachkräftemangel gibt, so stellen die Koreaner in einem Segment ein, in dem deutsche Wettbewerber wie Mercedes, Volkswagen, aber auch Stellantis ihre Entwicklungsbudgets zusammenstreichen und Belegschaften abbauen.
Für Hyundai ist das europäische Entwicklungszentrum ein Innovationsmotor. Denn der hiesige Markt hat es in sich, gilt er doch als einer der anspruchsvollsten und am härtesten umkämpften weltweit: komplexe Gesetzgebungen, unterschiedliche Regularien, extreme Klima- und Infrastrukturunterschiede stellen die Ingenieure vor große Herausforderungen. Kein Kontinent verlangt mehr Anpassung als Europa.
Wie selbstbewusst man dieser Aufgabe entgegentritt, belegt Stefan Fuchß, Leiter der Gesamtfahrzeugentwicklung: „Performance zeichnet uns aus“, und damit meint er nicht nur Fahrdynamik, sondern auch die Geschwindigkeit im Denken und Handeln. Der Vollblut-Ingenieur, der über ein Jahrzehnt in Stuttgart bei Mercedes in leitenden Entwicklerposten war und zuletzt bei Jaguar mit der Antriebsstrangsentwicklung der elektrischen Plattformen die Weichen für die Zukunft stellte, wirkt begeistert, wenn er vom Spirit seiner Mannschaft in Rüsselsheim erzählt.
Ihr neues eckiges Technikcenter ist die bedeutendste Erweiterung des HMETC seit der Gründung 2003 und umfasst 25.000 Quadratmeter modernste Labor- und Büroflächen. Schon die Architektur folgt keinem klassischen Industriebau, sondern einem Konzept, das sich an Google oder Apple orientiert: offene Etagen, frei wählbare Arbeitsplätze, Meeting-Zonen, Ruheräume und Dachterrassen. „Wir wollen, dass unsere Mitarbeiter hier das gleiche kreative Umfeld haben wie in den großen Tech-Zentren der Welt“, sagt HMETC-Geschäftsführer Tyrone Johnson. Man will deshalb nicht reagieren, sondern gestalten. Während die Konkurrenz ihre Kapazitäten zusammenzieht, baut Hyundai ein Ökosystem aus, das kurze Wege, cross-funktionale Zusammenarbeit und digitale Simulation unter einem Dach vereint.

Dass der moderne Ansatz Erfolg hat, zeigen die aktuellen Quartalszahlen. Zwar hat auch Hyundai im Gesamtergebnis empfindlich eingebüßt, das operative Ergebnis von 1,5 Milliarden Euro entspricht einem Rückgang von 29 Prozent, doch die Zahlen bleiben schwarz. Auch die Marge liegt mit 5,4 Prozent besser als bei weiten Teilen des Wettbewerbs.
Ein Geheimnis des Erfolges dürfte die Technologieoffenheit der Koreaner sein. Ein breiter Mix aus Otto- und Dieselmotoren, 48V-, Mild- oder Plug-in-Hybriden bis hin zu den Vollelektrischen, bei denen man mit 400V und 800V-Plattformen gleich zwei verschiedene Technologien anbietet. Und auch das Thema Wasserstoff wird bei Hyundai weiter vorangetrieben, wie etwa der neue Nexo mit seiner Brennstoffzelle beweist.
„Wir brauchen Menschen, die schnell sind im Kopf“, fasst es Dr. Michael Winkler zusammen, der die Antriebsstrangentwicklung leitet. Zwar ist sein Team verglichen mit der Mannschaftsstärke des Entwicklungshauptquartiers im koreanischen Namyang und den dortigen 15.000 Mitarbeitern kaum mehr als eine Randnotiz, doch das erweiterte Entwicklungszentrum in Europa ist neben den weiteren lokalen Standorten in den USA, Japan, Indien und China für Hyundai ein Schlüsselstandort in der globalen Strategie. Und das Rüsselsheim noch einmal ein Ausrufezeichen auf der Weltkarte der globalen Automobilentwicklung setzen wird, hätte man vor wenigen Jahren kaum für möglich gehalten.







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