Hyundai: Kunden sind nicht bereit für E-Auto-Tempo

Hyundai: Kunden sind nicht bereit für E-Auto-Tempo
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Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
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Hyundai-Europa-Chef Xavier Martinet spricht sich im Interview mit T-Online für mehr Flexibilität bei den europäischen Klimavorgaben ab 2035 aus. Elektroautos seien wichtig, aber der Markt entwickle sich langsamer als vorhergesagt. „Die Kunden sind nicht so weit, wie die Politik glaubt“, sagt Martinet. Prognosen, die den politischen Entscheidungen zugrunde lagen, hätten sich nicht erfüllt: „Experten sagten für 2025 einen E-Auto-Anteil von 31 Prozent voraus – tatsächlich liegt die EU heute bei 16 Prozent.“ Gründe sieht er in hohen Energiepreisen, geopolitischen Krisen und wirtschaftlicher Unsicherheit. Wenn Menschen sich Sorgen um ihre Zukunft machten, kauften sie keine teuren Autos – und E-Modelle seien häufig noch teurer als Verbrenner.

Aus seiner Sicht braucht die Branche Stabilität und klare politische Rahmenbedingungen. „Ohne verlässliche Subventionen bleibt das Vertrauen in die Einführung von E-Autos begrenzt.“ Hyundai selbst verfolgt eine breit angelegte Antriebsstrategie: Verbrenner, Hybride und Elektroautos. Der Elektroanteil der Marke liegt in Europa bei 19 Prozent und damit knapp über dem Marktschnitt. Gleichzeitig müsse das Unternehmen global flexibel agieren. Während Europa und China stark elektrifizierten, dominierten in Indien, den USA und Südamerika weiter Verbrenner und Hybride. „Wir müssen auf jedes Szenario vorbereitet sein, denn am Ende entscheiden die Kunden – nicht die Politik.“

Hyundais Stärke erwächst aus radikaler Eigenständigkeit

Eine besondere Stärke sieht Martinet in Hyundais vertikaler Integration. Der Konzern stelle seinen Stahl selbst her, baue Roboter und betreibe eigene Transportschiffe. „Wir kontrollieren die Wertschöpfungskette von Grund auf“, sagt er. Das habe Hyundai auch in der Chipkrise widerstandsfähig gemacht. Während andere nicht produzieren konnten, blieb der Konzern lieferfähig und wuchs weiter. Diese Struktur sei ein entscheidender Faktor dafür, dass Hyundai in weniger als fünf Jahrzehnten zum drittgrößten Autohersteller der Welt aufgestiegen ist.

Allerdings kämpft Hyundai auch mit Gegenwind. Im dritten Quartal meldete das Unternehmen einen Rekordumsatz und steigende Verkaufszahlen – aber einen um 30 Prozent niedrigeren Betriebsgewinn. „Das lag auch an den Auswirkungen der US-Zölle“, erklärt Martinet. Deutschland bleibt für Hyundai ein Schlüsselmarkt. Die Zentrale in Offenbach, das Entwicklungszentrum in Rüsselsheim und die Nähe zum Nürburgring prägen die europäische Ausrichtung. Gleichzeitig müsse er seinen Kollegen in Korea immer wieder erklären, dass Deutschland nicht mit Europa gleichzusetzen sei: „Die Kunden haben hier ganz andere Erwartungen.“ In Deutschland fehle ein CO₂-Preissystem, weshalb der Markt „derjenige in Europa ist, der sich am wenigsten um CO₂ kümmert“. Deutsche Käufer bevorzugten größere und leistungsstärkere Autos, während in Südeuropa kompakte Modelle gefragt seien.

Hyundai positioniert sich deshalb bewusster als Qualitäts- und Designmarke. „Wenn das einzige Argument einer Marke ist, billig zu sein, ist sie extrem verwundbar“, sagt Martinet. Heute kauften Kunden Hyundai wegen Technik, Design und Qualität. Auch die Premiumtochter Genesis bleibe ein strategisches Projekt. In Europa liefere sie bisher nur geringe Stückzahlen, doch das soll sich ändern. „Wir werden unsere Präsenz ausbauen und stärker auf Händler vor Ort setzen.“ Künftig werde Genesis nicht mehr nur direkt verkaufen, sondern mit lokalen Partnern arbeiten. Ziel sei, in fünf Jahren nicht mehr vierstellige, sondern fünfstellige Verkaufszahlen zu erreichen.

i10 wird eingestellt: „Solche Fahrzeuge können künftig nur noch elektrisch sein“

Beim Thema Wasserstoff bleibt Martinet realistisch: Der Pkw-Markt in Europa sei klein, aber das Thema habe Zukunft im Nutzfahrzeugsegment. Hyundai habe bereits über 2,2 Milliarden Kilometer mit Brennstoffzellen zurückgelegt und in den USA ein eigenes Wasserstoff-Ökosystem aufgebaut. „Für lange Strecken spielt Wasserstoff schon heute eine stärkere Rolle“, betont er.

Mit Blick auf chinesische Hersteller räumt Martinet eine zunehmende Bedrohung ein, sieht darin aber auch Ansporn. Die Wettbewerber aus China seien „stark, staatlich subventioniert und technologisch weit“. Hyundai wolle den Druck nutzen, um seine eigenen Produkte weiter zu verbessern und Marktanteile zu verteidigen. Mit dem Inster habe Hyundai bereits „den meistverkauften E-Kleinwagen in Deutschland“ im Angebot. Gleichzeitig kündigt Martinet an, dass der beliebte i10 im kommenden Jahr eingestellt wird. „Solche Fahrzeuge können künftig nur noch elektrisch sein“, erklärt er. Der Inster übernehme die Rolle als Stadtauto.

Hyundai produziere schon heute rund 80 Prozent seiner in Europa verkauften Autos in Werken in Tschechien und der Türkei. Sollten Nachfrage und Marktbedingungen steigen, seien zusätzliche Kapazitäten möglich. Ein besonderes Kompliment für die Marke sah Martinet zuletzt in Vergleichen des Ioniq 5 N mit deutschen Premiumherstellern: „Wir seien der einzige Hersteller, der eine perfekte Mischung aus Leistung und E-Antrieb geschaffen hat.“ Wichtiger sei aber die Kundenentscheidung: „Das größte Kompliment ist, wenn ein Kunde sich bei einem unserer Händler für einen Hyundai entscheidet.“

Quelle: t-online.de – „Deutsche Kunden haben ganz andere Erwartungen“

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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