Der europäische Automarkt steht unter zunehmendem Druck. Neue Wettbewerber drängen in den Markt, regulatorische Anforderungen steigen und gleichzeitig verschieben sich Nachfrage und Antriebsmix spürbar. Hersteller müssen ihre Strategien anpassen, ohne kurzfristig auf Volumenwachstum zu setzen. In diesem Umfeld wird deutlich, wie stark operative Entscheidungen, Produktplanung und Vertriebsstruktur ineinandergreifen.
Wie sich ein globaler Hersteller in dieser Lage positioniert, erläutert Xavier Martinet, Europachef von Hyundai, im Gespräch mit der Automobilwoche. Er ordnet die jüngste Entwicklung der Marke in Europa ein, beschreibt strukturelle Besonderheiten einzelner Märkte und gibt Einblick in die strategischen Prioritäten der kommenden Jahre.
Hyundai verzeichnete im vergangenen Jahr europaweit rund 535.000 Pkw-Neuzulassungen und stagnierte damit auf Vorjahresniveau. Martinet relativiert diese Entwicklung, indem er den erweiterten europäischen Markt inklusive Türkei und osteuropäischer Länder betrachtet. Dort habe Hyundai mit 603.000 Einheiten leicht zugelegt. Entscheidend sei für ihn jedoch nicht allein die Stückzahl, sondern die Qualität des Geschäfts. Besonders im Privatkundensegment sieht er die Marke mit einem Marktanteil von 4,7 Prozent gut positioniert, während im Flottengeschäft noch Entwicklungspotenzial bestehe.
Ein zentraler Punkt für Martinet ist die Elektrifizierung. Hyundai habe einen hohen Anteil elektrischer Autos verkauft und dabei die eigenen CO₂-Ziele erfüllt – ohne sich an Emissionspools mit anderen Herstellern zu beteiligen. Diese Eigenständigkeit wertet er als Ausdruck einer funktionierenden Strategie im Antriebsmix.
Für die kommenden Jahre kündigt Martinet eine Produktoffensive an. Innerhalb von 18 Monaten sollen fünf neue Modelle in den volumenstarken Segmenten B und C eingeführt werden. Kurzfristig rechnet er jedoch nicht mit einem deutlichen Absatzanstieg. Stattdessen erwartet er eine stabile Entwicklung im laufenden Jahr, während sich die Effekte der neuen Modelle erst ab 2027 im Volumen niederschlagen sollen.
Deutschland zwischen Struktur und Anpassung
Der deutsche Markt entwickelte sich zuletzt schwächer als der europäische Durchschnitt. Hyundai verzeichnete hier einen Rückgang von drei Prozent auf rund 94.000 Neuzulassungen. Martinet verweist dennoch auf die Position als stärkste asiatische Marke mit einem Marktanteil von 3,3 Prozent. Zudem liege der Anteil vollelektrischer Zulassungen über dem Marktdurchschnitt.
Als wesentlichen Faktor nennt er strukturelle Anpassungen im Vertrieb. In den Jahren zuvor habe Hyundai einen vergleichsweise hohen Anteil an Eigenzulassungen aufgebaut. Dieser sei 2025 gezielt reduziert worden und liege nun bei etwa 30 Prozent mit weiter sinkender Tendenz. Diese Entwicklung bewertet Martinet als bewusst gesteuerten Schritt hin zu einer nachhaltigeren Vertriebsstruktur.
Für das laufende Jahr erwartet er in Deutschland eine stabile Entwicklung auf dem Niveau des Vorjahres. Wachstum stellt er erst ab 2027 in Aussicht. Dabei betont er, dass Hyundai kein kurzfristiges Volumenziel verfolge, sondern auf kontinuierliche und belastbare Entwicklung setze.
Parallel nimmt der Wettbewerb zu. Hersteller wie SAIC und BYD gewinnen in Europa an Bedeutung und steigern ihre Zulassungszahlen deutlich. Martinet erkennt die zunehmende Intensität des Wettbewerbs an, sieht Hyundai jedoch strategisch gut aufgestellt. Entscheidend seien Produktqualität, Design, Service und die Breite der Antriebsangebote. Wettbewerb sei kein Risiko, solange er unter fairen Bedingungen stattfinde.
Händler als entscheidender Faktor im Markt
Eine zentrale Rolle schreibt Martinet dem Handel zu. Händler fungierten als Schnittstelle zum Kunden und seien damit maßgeblich für die Marktpräsenz der Marke verantwortlich. Hyundai setze auf eine enge Zusammenarbeit, bei der beide Seiten komplementäre Aufgaben erfüllten. Besonders im Aftersales sieht er einen entscheidenden Hebel, um Kunden langfristig zu binden.
Die Diskussion um den europaweiten Händlervertrag zeigt, wie sensibel dieses Verhältnis ist. Kritik aus dem Handel habe Hyundai aufgenommen. So wurde die Grundmarge von ursprünglich sechs Prozent auf acht Prozent erhöht. Martinet interpretiert diese Anpassung als Zeichen dafür, dass das Unternehmen auf Rückmeldungen reagiert und eine partnerschaftliche Lösung anstrebt.
Trotz dieser Anpassungen bleibt die wirtschaftliche Situation der Händler angespannt. In Deutschland lag die durchschnittliche Rendite 2025 bei 0,85 Prozent und damit unter dem europäischen Durchschnitt. Martinet führt dies auf strukturelle Besonderheiten zurück, etwa die hohe Dichte an Handelsstandorten und ein vergleichsweise hohes Gehaltsniveau. Diese Faktoren prägten das spezifische Marktumfeld in Deutschland.
Eine Reduzierung der Händlerzahl sieht er nicht als Lösung. Kunden erwarteten kurze Wege, insbesondere im Service. Entscheidend sei vielmehr, dass Händler bereit seien zu investieren und alle relevanten Geschäftsbereiche – vom Neuwagenverkauf über Gebrauchtwagen bis hin zum Service – professionell abzudecken.
Vor diesem Hintergrund bewertet Martinet auch Vergleiche mit anderen Herstellern wie Dacia als wenig zielführend. Unterschiedliche Geschäftsmodelle ließen sich nicht direkt gegenüberstellen. Für Hyundai stehe im Vordergrund, gemeinsam mit den Handelspartnern ein langfristig tragfähiges und profitables Modell zu entwickeln, das sowohl wirtschaftlich funktioniert als auch den Kund:innen ein passendes Angebot bietet.
Quelle: Automobilwoche – Hyundai-Europachef Martinet im Interview: „Ab 2027 werden wir wieder wachsen“








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