Hyundai Ioniq 6N im Fahrbericht: Krawall mit Stil

Hyundai Ioniq 6N im Fahrbericht: Krawall mit Stil
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Wolfgang Hörner
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Sportlichen E-Autos fehlt es oftmals an Emotionen. Doch Hyundai zeigt es mit seinem Ioniq 6N, dass es auch ganz anders geht: mit Krawall und Kurvendynamik. Ein Elektroauto fährt leise – das ist unterm Strich auch gut so. Anwohner und Langstreckenfahrer lieben das. Wo wird es normalerweise richtig laut? Klar, wenn die Verbrenner-Kerle Gas geben.

Im Extremfall in der Formel 1. Da gehört der Krach einfach dazu. Kein Wunder also, dass das hochfrequente Surren der elektrischen Formel-E-Rennserie eher abtörnt. Denn Schnelligkeit ist akustisch nicht mehr wahrnehmbar – für die Umwelt genauso wenig wie für den Fahrer. Die Folge ist, dass es Fahrern sportlicher E-Autos oftmals an jener Emotionalität fehlt, die entscheidend zum Erlebnis beiträgt.

Hyundai Ioniq 6N: Elektro-Sportler mit Ansage

Genau in dieses Segment prescht jetzt der Hyundai Ioniq 6N. Mit 257 km/h Spitzengeschwindigkeit, was im E-Segment überdurchschnittlich ist. In elektrotypischen 3,2 Sekunden spurtet der 2,1 Tonnen schwere Allradler von 0 auf 100 km/h. Möglich machen das 448 kW / 609 PS, die kurzzeitig im Boost auf 650 PS gesteigert werden können. Das sind allesamt Werte, die Daten-Freaks in Verzückung versetzen, zumal der anvisierte Preis von rund 77.000 Euro zwar nicht unbedingt billig, angesichts des Gebotenen aber ein guter Deal ist.

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Zum Vergleich: Ein ähnlich performanter Porsche Taycan GTS steht mit 148.800 Euro in der Preisliste, die noch eine lange Liste an zahlungspflichtigen Optionen umfasst. Bei Hyundai gibt es gerade mal zwei, drei Extras, die gesondert berechnet werden. Ähnlicher sind sich beide Modelle beim Karosseriekonzept. Jeweils viertürige Limousinen; der Taycan natürlich etwas größer. Doch der knapp fünf Meter lange Ioniq 6N wartet auch mit fast drei Meter Radstand auf. Platz im Inneren gibt daher reichlich.

Äußerlich polarisiert dagegen der Hyundai mehr, als man es von den Südkoreanern kennt. Nicht jeder mag die glatte, extrem aerodynamische Bonbonform, die in der N-Ausführung noch zusätzlich zwei streitbare Extras besitzt: eine am Heck nach oben verlaufende Schwarzfläche unabhängig von der Wagenfarbe und einen Schwanenhals-Heckflügel. Im Vergleich dazu fallen die kraftvollen Kotflügelverbreiterungen geradezu dezent aus.

Bei so viel Zierrat könnte man vorschnell glauben, der Wagen sei vor allem auf Show getrimmt. Doch Manfred Harrer, Chef der Performance-Abteilung von Hyundai, stellt klar: „Es ging uns um reales Track-Driving.“ Beim Fahren auf der Rennstrecke herrschen besondere Bedingungen. Da braucht es zum Beispiel eine besonders starke Kühlung der Batterie und des elektrischen Systems. Hat der Ioniq 6N natürlich, erprobt auf der Nürburgring-Nordschleife. Aber auch hier rückt Manfred Harrer das Bild von Elektrosportwagen etwas zurecht: „Viel Leistung zu haben, ist in der heutigen Zeit kein Problem. Es geht vielmehr um Haltbarkeit, Bremsen und Kurvenverhalten.“

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Konkret heißt das beim Ioniq 6N unter anderem: Üppig dimensionierte Bremsscheiben für hohe Konstanz und verschiedene Ansprechverhalten in Abhängigkeit vom gewählten Fahrmodus, was beim radikal-performantem Fahren ein echter Gewinn ist. Die Verzögerung ist fein dosierbar und gibt dem Fahrer Vertrauen. Apropos Verzögerung: Je nach gewähltem Modus ist die Rekuperation bis zu 0,6 g stark – was heißt, dass man schon beim Vom-Gas-gehen einen den Druck der Sicherheitsgurte spürt.

Fahrwerk und Lenkung: Präzision statt Härte

Radikaler gegenüber dem normalen Ioniq 6 änderte sich das Fahrwerkwerk, das eigentlich kaum noch etwas mit der Basisversion zu tun hat – allein schon, weil die Aufhängungspunkte neu gesetzt wurden und elektrisch gesteuerte Performance-Dämpfer zum Einsatz kommen. Gleichzeitig sank durch die Maßnahmen auch der Fahrzeugschwerpunkt – noch stärker als beim Schwestermodell Ioniq 5N. Das Ergebnis ist ein Fahrverhalten, über das man nur staunen kann. Auf holprigen Landstraßen bügelt es Schlaglöcher aus und sorgt für angenehmes Reisen.

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Und auf der Rennstrecke wird es nicht bretthart, lässt aber trotzdem kaum Wankbewegungen der Karosserie zu. Wird bei hoher Geschwindigkeit über die Randsteine geräubert, wird mit unfassbarer Präzision die Rüttelfrequenz absorbiert. Dass der Wagen über alle vier Räder angetrieben wird, es dabei eine Betonung der Hinterachskraft gibt und ein sensibel arbeitendes Toque Vectoring die insgesamt 770 Newtonmeter Drehmoment verteilt, sorgt für ein phänomenales Ein- und Auslenkverhalten in Kurven – und gibt dem Fahrer viel Vertrauen in das Fahrzeug.

Bis hierhin ist der 4,93 Meter lange Ioniq 6N vor allem eines: ein schnelles Auto. Doch anders als andere – zum Beispiel der Taycan – ist er auch ein Spaßauto. Dafür sorgen elektronische Systeme, die aus dem Wagen eine Art rasende X-Box machen. Ganz wichtig ist dabei das Soundmodul. Zugegeben, es macht den Ioniq 6N objektiv nicht schneller, vermittelt beim Fahren aber eindringlicher das Gefühl von Geschwindigkeit. Die röhrende, manchmal auch leicht rotzig klingende Geräuschkulisse wirkt in erster Linie nach innen und etwas nur nach außen. Das reicht, dass sich beim Fahrer das Gefühl einstellt, in etwas richtig Bösem zu sitzen.

Virtuelle Schaltung und Sound für mehr Gefühl

Gut, dass der Sound manuell ein- und ausgeschaltet werden kann – auf Dauer könnte es sonst ein bisschen nervig werden. In die gleiche Kerbe schlägt das N e-Shift. Diese in der Sache völlig unnötige virtuelle Schaltung per Lenkradwippen sorgt für einen Spaßfaktor, wie es ihn in der E-Mobilität bislang kaum gab. Auch sie hilft, dem Fahrer ein besseres Fahrgefühl zu vermitteln – ein bisschen vergleichbar mit einem Arcade-Modus in einer hochklassigen Rennsimulation.

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Der im Infotainment enthaltene N-Track-Manager wird die allermeisten Autofahrer überfordern, die Herzen von Nerds aber höherschlagen lassen. Da gibt es zum Beispiel ein Ghost-Car im Display, das auf der Rennstrecke visualisiert, ob man besser oder schlechter als bisher unterwegs ist. Auch gibt es eine Fülle von Driftparametern, mit deren selbst Laien atemberaubende und vor allem sicher ausgeführte Quersteher hinkriegen. Und auch wenn die rund 77.000 Euro nicht wenig sind: Ab sofort hat U30 einen Traum-Sportwagen, der ihre Welt aus der X-Box auf die Straße bringt.

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Wolfgang Hoerner

Wolfgang Hoerner

Dr. Wolfgang Hörner verantwortet den Beratungsbereich press-inform consult und ist neben seiner journalistischen Expertise deren PR-Experte. Der promovierte Naturwissenschaftler arbeitet seit 1994 als Journalist und ist seither in Funktionspositionen wie Chefredakteur oder Ressortleiter für zahlreiche Fach- und Lifestyle-Magazine tätig gewesen. Darüber hinaus ist der Mittelmotorfan Autor von knapp einem Dutzend unterschiedlichster Automobilbücher.

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