Kia EV4 im Test: Der Sparsame mit dem gewagten Hintern

Kia EV4 im Test: Der Sparsame mit dem gewagten Hintern
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Daniel Krenzer

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  —  Lesedauer 5 min

Mit dem Kia EV4 hat der südkoreanische Automobilhersteller Kia ein spannendes neues Elektroauto in der (noch) sogenannten „Golfklasse“ auf den Markt gebracht, das bereits bei der ADAC e-Competition auf dem Hockenheimring mit guten Ergebnissen seine Effizienz bewies. Nun konnten wir uns den EV4 als Fastback mit dem größeren Akku (knapp 80 kWh netto) für zwei Wochen intensiver anschauen.

Bewegt wird der Testwagen von einem 150 kW (204 PS) starken Frontantrieb, mit 4,73 Metern Länge streckt sich der Fastback schon aus der Kompaktklasse heraus in die Mittelklasse. Das windschnittig designte Modell kommt dabei optisch mitunter ungewöhnlich daher. Lobte seinerzeit noch ein Kollege das Heck des Verbrenner-Geschwisters Proceed als „ausgesprochen schöner Hintern“, so muss beim EV4 Fastback wohl eher von einem gewagten Allerwertesten die Rede sein.

Das liegt vor allem am Lichtdesign, die Scheinwerfer sind ganz am Rand des Hecks positioniert, das dadurch halbwegs nackt wirkt. Im Dunkeln wirkt der EV4 zudem so deutlich breiter als er eigentlich ist.

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Folgende Dinge sind uns darüber hinaus während des Testzeitraums besonders aufgefallen:

Die Pluspunkte des Kia EV4

Effizienz: Der EV4 lässt sich dank seines geringen Windwiderstandes auch auf der Autobahn sehr sparsam bewegen. Trotz tiefen Minusgraden pendelte sich der Verbrauch auf Autobahnfahrten mit maximal 130 km/h bei unter 20 kWh ein. Bei wärmeren Temperaturen und/oder geringerer Geschwindigkeit sanken sie auf um die 17 kWh. Auf Landstraßen und im Stadtverkehr lässt sich der EV4 auch locker unterhalb der 15 kWh bewegen – im Winter wohlgemerkt. Kombiniert standen bei uns am Ende bei sehr hohem Autobahnanteil 19,5 kWh inklusive Ladeverlusten zu Buche, was reale Reichweiten von etwas mehr als 400 Kilometern mit sich bringt. Im Sommer sollten 500 Autobahn-Kilometer ohne Zwischenladen gut machbar sein.

Ladetugenden: Mit maximal 135 kW ist der EV4 nun wahrlich kein Schnelllader, erst recht nicht, wenn man auf seine 800-Volt-Geschwister EV6 und EV9 schaut, die weit über 200 kW Ladeleistung aus dem Stecker ziehen können. Allerdings ist die Ladekurve erfreulich flach und beträgt im Schnitt zwischen 10 und 80 Prozent mehr als 100 kW, was auch im Winter dank Vorkonditionierung erreichbar ist. Nach gut einer halben Stunde Ladezeit sind also auch im Winter bereits wieder knapp 300 Kilometer reale Autobahnreichweite nachgeladen, im Sommer entsprechend mehr. Für die meisten, die nur ab und an sehr lange Strecken fahren, reicht das locker. Auch wenn viele den Verzicht auf 800-Volt-Technik beim EV4 besser sehen, ist die Entscheidung mit Blick auf die Auswirkung auf den Preis wohl die richtige.

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Raumangebot: Für ein Fahrzeug, das offiziell der Kompaktklasse zugerechnet wird, hat man im EV4 ordentlich Platz. Die Beinfreiheit stimmt vorne wie hinten, lediglich sehr große Menschen könnten mit ihrem Kopf auf der Rückbank an ihre Grenzen stoßen. Zudem gibt es ausreichend viele Ablagemöglichkeiten. Der Kofferraum ist für die Fahrzeugform durchaus geräumig und bietet bis zu 490 Litern Platz. Zwar ist die Ladeluke nicht allzu hoch, ein großer Kinderbuggy hat – wohlgemerkt auseinandergebaut – aber bequem Platz gefunden. Ein Frunk fehlt allerdings.

Assistenzsysteme: Der EV4 liegt ordentlich auf der Straße und bietet rundum solide Fahrtugenden, wozu auch die meist sauber arbeitenden Assistenzsysteme beitragen. Spurhalte- und Spurwechselassistent arbeiten zuverlässig und unaufgeregt und zeigen sich im Zusammenspiel mit dem Fahrer auch sehr kooperativ. Das wäre noch schöner, wenn nicht alles immer mit fröhlichem Piepen begleitet werden würde. Die Verkehrsschilderkennung funktioniert zwar nicht fehlerfrei, aber überdurchschnittlich gut. Die scharfen Kamerabilder machen jedes Parkmanöver zu einer Leichtigkeit, auch wenn beim Testwagen keine automatische Einparkhilfe vorhanden war.

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Die Minuspunkte des Kia EV4

Infotainment: Das Infotainment im Kia wirkt ein wenig in die Jahre gekommen und ist mitunter etwas unübersichtlich und umständlich zu bedienen. Das führt zum Beispiel auch dazu, dass man sich den vielen Warntönen und Hinweisgepiepe irgendwann wehrlos ergibt, weil man nicht während der Fahrt in den Menüs herumsuchen möchte. Besonders anstrengend ist dabei die Aufmerksamkeitskontrolle, die sofort anspringt, wenn man auch nur einen Moment zu lange in den Rückspiegel oder auf das Navi schaut. Das ist vielleicht gut gemeint, aber absolut nervtötend. Zudem agierte die Ladeplanung zwar zuverlässig, aber sehr ängstlich. So wurden Ladestopps eingeplant, obwohl auch ohne am Ziel noch gut 30 Prozent im Akku gewesen wären.

Komfort: Zumindest als Fahrer mit 1,90 Metern Körperlänge gab es gewisse Abstriche beim Komfort zu machen – mal abgesehen von der engen Ladeluke im Kofferraum. Die sportlich geschnittenen Sitze in der GT-Line sind für viele Mitteleuropäer vielleicht eine Spur zu eng. Zudem liegt der Wagen recht tief, was ab einem gewissen Alter vielleicht doch eher zu einer der E-SUVs EV3 oder den EV5 locken dürfte.

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Fazit

Bei Startpreisen ab etwas mehr als 47.000 Euro ist der EV4 Fastback mit großer Batterie nun wahrlich kein Schnäppchen, das Preis-Leistungs-Verhältnis geht aber durchaus in Ordnung. Ohne Fastback-Heck sind die Preise etwa 4000 Euro günstiger, mit kleinem Akku starten sie dann bei 37.590 Euro. In unserem Testwagen mit GT-Line, zu der unter anderem die sportlichen Sitze, hübsche Designelemente und 19-Zöller statt 17-Zöller gehören, klettern die Preise dann bereits auf 51.330 Euro. Wer dazu noch Einparkassistent, Glasdach und zusätzlichen Komfort wie beheizbare Sitze hinten möchte, landet dann bei fast 56.000 Euro.

Geeignet ist der EV4 Fastback für alle, die effizient unterwegs sein wollen und gerne in einem auffälligen Fahrzeug sitzen, das vielleicht nicht jedem gefällt, aber viele Blicke auf sich zieht. Im Einzelfall sollte vorher gecheckt werden, ob der Kofferraum den eigenen Anforderungen gerecht wird – denn Platz ist reichlich vorhanden, aber das Gepäck will auch verstaut werden. Da gibt es praktischere Alternativen. Als Familienauto mit bis zu zwei Kindern können wir uns den EV4 vor allem dann gut vorstellen, wenn die Kinder nicht mehr auf einen Buggy oder Reisebetten angewiesen sind.

Transparenzhinweis: Das Testfahrzeug wurde uns von Kia für zwei Wochen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Einfluss auf unsere ehrliche Bewertung des Fahrzeuges hat dieser Umstand jedoch nicht.

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Daniel Krenzer

Daniel Krenzer ist als studierter Verkehrsgeograf und gelernter Redakteur seit mehr als zehn Jahren auch als journalistischer Autotester mit Fokus auf alternative Antriebe aktiv und hat sich zudem 2022 zum IHK-zertifizierten Berater für E-Mobilität und alternative Antriebe ausbilden lassen.

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