Ferrari 849 Testarossa im Test: unaufdringlich effektiv

Ferrari 849 Testarossa im Test: unaufdringlich effektiv
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Ferrari

Zaid Hamid
Zaid Hamid
  —  Lesedauer 4 min

Bei Testarossa denkt jeder an die 80er-Jahre-Flunder aus Miami Vice mit seinen gigantischen Lüftungseinlässen an den Flanken. Dabei reicht die Geschichte viel tiefer. Lange vor der Ikone von 1984 bezeichnete „Testa Rossa“ die rot lackierten Nockenwellenabdeckungen der Ferrari-Rennmotoren der 1950er-Jahre – eine Bezeichnung, die den rennstreckenerprobten Triebwerken der Marke vorbehalten war.

Der 4,72 Meter lange 849 Testarossa löst den SF90 an der Spitze von Ferraris Mittelmotor-V8-Palette ab und wirkt wie ein fertiges Produkt und nicht wie ein brillanter Prototyp. Sein überarbeiteter Biturbo-V8 leistet 819 PS, kombiniert mit einem Plug-in-Hybridsystem mit drei Motoren für eine Systemleistung von 761 kW / 1036 PS.

Optisch orientiert sich das Auto eher an Ferraris Tradition der Sportprototypen als an der Nostalgie klassischer Straßenwagen. Die scharfen, geometrischen Linien und die kantigen Formen verweisen auf die 1970er-Jahre, am deutlichsten am Heck, wo die Doppelheckarchitektur an 512 S und 512 M erinnert. Diese Doppelhecks sind nicht nur ein Designelement, sondern integrieren eine aktive Heckaerodynamik und erzeugen 415 kg Abtrieb bei 250 km/h.

Den Innenraum hat Ferrari bewusst auf das Wesentliche reduziert. Die Kabine ist fahrerorientierter gestaltet, mit einem mechanischen Gefühl, das durch physische Lenkradknöpfe und den klassischen roten Startschlüssel wiederkehrt. Das charakteristische Schaltkulissenmotiv taucht als haptischer Anker in einem ansonsten sehr modernen Cockpit wieder auf. Es wirkt zeitgemäß, aber unverkennbar Ferrari. Der vordere Kofferraum ist nach wie vor zu klein, aber der Platz hinter den Sitzen lässt sich nutzen, wenn man nur wenig Gepäck mitnimmt.

Ferrari / Press-Inform

So sieht ein moderner Ferrari aus. Die Bedienelemente sind äußerst präzise und dennoch genau abgestimmt, die Lenkung messerscharf und direkt. Die Sitzposition verstärkt diese Verbindung, indem sie den Fahrer nah an die Vorderachse und ihre Elektromotoren bringt, was dem Ansprechverhalten der Frontpartie ein besonderes Gefühl von Präzision verleiht. Unter Last erzeugt das Wastegate des Turboladers ein spielerisches Flattern, hörbar und faszinierend, ohne jemals aufdringlich zu wirken. Im rein elektrischen Betrieb erzeugt der Elektromotor ein sanftes, futuristisches Surren, das eher durchdacht als aufdringlich wirkt.

Die Leistung ist überwältigend, ohne jemals ruckartig zu wirken. Die Beschleunigung im Gang ist beinahe surreal, da das sofortige elektrische Drehmoment nahtlos mit der unbändigen Kraft des 819 PS starken V8 verschmilzt. Man dreht die Drehzahl so schnell hoch, dass man schwören könnte, die Übersetzung sei kurz – ist sie aber nicht. Der Antriebsstrang beschleunigt mit einem fast unwirklichen Schwunggefühl, das das eigene Tempogefühl neu justiert. Das Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe ist außergewöhnlich. Zieht man am übergroßen linken Schaltpaddel, liefert es unerwartete Herunterschaltungen und schießt mit einem satten V8-Heulen direkt in den Drehzahlbegrenzer. Auch die Hochschaltungen haben Charakter, denn der Schaltvorgang ist von einem kernigen, fast brutalen Ruck begleitet, der ihn zu einem echten Erlebnis macht. Die Bremsen verzögern brutal. Ferraris neuestes Brake-by-Wire-System mit ABS Evo liefert beeindruckende Bremskraft und -konstanz.

Anstelle der festen Multimatic-Abstimmung, die bisher die Fiorano-Modelle prägte, können Käufer diese adaptive passive Federung nun zusammen mit einem Vorderachs-Lift-System wählen, wodurch die optimierteste Version des 849 Testarossa im Alltag deutlich alltagstauglicher wird. Viele empfanden die Abstimmung des SF90 als etwas überhastet, als ob die Systeme nie richtig aufeinander abgestimmt wären. Im 849 Testarossa fühlt sich alles geradezu perfekt an. Das Auto ist ruhig, unglaublich schnell und bemerkenswert gut zu beherrschen. Man spürt die Elektronik, aber sie arbeitet mit einem zusammen, anstatt einen zu dominieren. Rein elektrisch kann der Norditaliener mit seinem 7,4 kWh großen Batteriepaket in Wohngegenden und Innenstädten 25 Kilometer rein elektrisch rollen.

Ferrari

Das Auto vermittelt ein Gefühl von Geschwindigkeit, animiert zum Ausreizen und schützt einen unauffällig im Hintergrund. Variable Traktionskontrolle und Seitenführungssysteme ermöglichen es, das Drehmoment optimal zu nutzen, die Kurvenlage auszunutzen und kleine, präzise Korrekturen vorzunehmen. Man spürt die vorderen Elektromotoren auf der Rennstrecke. Beim Einlenken und in engeren Kurven zieht die Vorderachse subtil, was das Auto in den Scheitelpunkt zieht, das Ansprechverhalten verbessert und die Rotation unterstützt, bevor die Hinterachse die Kraft übernimmt. Es fühlt sich nie künstlich an, sondern einfach nur unaufdringlich effektiv.

Das Getriebe auf der Rennstrecke ist beinahe telepathisch. Kein Zögern, kein Grübeln. Es gibt den gewünschten Gang, wann immer man ihn braucht, selbst wenn das bedeutet, direkt in den Drehzahlbegrenzer herunterzuschalten. Die Kehrseite all dieser Kontrolle und dieses Vertrauens ist, dass der 849 Testarossa nicht das aufregendste oder intensivste Ferrari-Erlebnis bietet. Er lässt einen nicht schweißgebadet und mit klingelnden Ohren aussteigen. Wer das sucht, findet bei Ferrari andere Lösungen.

Technische Daten: Ferrari 849 Testarossa

  • Allrad-Layout: 4-Liter-V8 mit Turboaufladung (819 PS) und zwei Elektromotoren (217 PS)
  • Gesamtleistung: 761 kW / 1036 PS
  • Max. Drehmoment: 842 Nm
  • Beschleunigung 0 – 100 km/h: 2,3 Sekunden
  • Höchstgeschwindigkeit: 330 km/h
  • Normverbrauch: 9,3 Liter / 100 km / 212 g CO2
  • Akkugröße 7,4 kWh
  • Leergewicht: ca. 1700 kg
  • Preis: 460.000 Euro (netto)
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Zaid Hamid

Zaid Hamid

Zaid Hamid arbeitet in der Automobilindustrie, seit er Teenager war und berichtet von den spannendsten Fahrzeugen und Testfahrten aus aller Welt. Für Zaid geht es nicht um das Produkt allein oder nur die Informationen des Herstellers. Er sucht auch die kleinen Geschichten dahinter – je bunter, je besser und gerne auch skurril! Zwar lebt er in London, doch unterwegs ist der Sportwagenfan an sich fast immer – die Geschichten kommen eben nicht von allein auf den Computer.

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