Fahrbericht: So fährt sich der neue Jaguar E-GT

Fahrbericht: So fährt sich der neue Jaguar E-GT
Copyright:

Jaguar Land Rover / JLR

Stefan Grundhoff
Stefan Grundhoff
  —  Lesedauer 4 min

Der Schock vom ebenso bunten wie klobigen Neustart von Jaguar mit der Studie Type 00 im Dezember 2024 sitzt vielen Autofans noch in den Gliedern. Doch Jaguar bekräftigt, an Zeitplan, Positionierung und Produktstrategie unbeirrt festzuhalten. Wir haben dem Erprobungsteam über die Schulter geschaut und sehen mit dem Luxus-GT mehr als einen mutigen Neustart.

Jene Jaguar-Fans, die dem britischen Autobauer nach dem großen Aufschlag bei der Art Basel in Miami vor genau einem Jahr bislang die Stange gehalten haben, müssen sich noch etwas gedulden. Der offizielle Neustart der Marke nebst erstem Modell wird noch etwas auf sich warten lassen, denn vor kommendem Spätsommer dürfte das erste neue Modell, ein über 5,20 Meter langer Gran Turismo, geheim bleiben.

Die ersten Kunden dürften sogar erst im Frühjahr 2027 in einer Luxuslimousine Platz nehmen, die alles bisher dagewesene auf den Kopf stellt. Auch wenn viele protestieren und einige Marken gerade in Windeseile der alleinigen Elektromobilität abschwören: die kommende Katze wird nicht nur riesengroß, sondern auch rein elektrisch. Projektmanager Rawdon Glover: „Wir setzen weiterhin uneingeschränkt auf eine rein elektrische Zukunft und befinden uns in der finalen Entwicklungsphase unseres neuen vollelektrischen Jaguar GT. Da ich ihn selbst gefahren bin, kann ich Ihnen versichern, dass sich das Warten gelohnt hat.“

Ein erster Blick auf den Jaguar E-GT, der mehr einschüchtert als schmeichelt

Ein Ausflug nach Gaydon, in die streng gesicherte Entwicklungsabteilung von Jaguar Land Rover: Selbst unter der schwarz-weißen Tarnfolie ist der Auftritt des Viertürers imposant, mächtig – ja irgendwie auch gewaltig. Die Front mit schmalen LED-Schlitzen macht einem mehr Angst als der düstere Himmel, und die Heckansicht mit dem heftig herausgearbeiteten Radhäusern ist nicht weniger eindrucksvoll. In den Radkästen drehen sich stattliche 23-Zoll-Walzen auf geschundenen Prototypenfelgen, die schon einiges mitgemacht haben.

23 Zoll serienmäßig und nicht nur als Option, wie Glover betont. Dazu kommen technische Finessen wie Allradlenkung und Luftfederung, während für den Vortrieb drei Elektromotoren sorgen, einer vorne und zwei hinten. Die Gesamtleistung: rund 735 kW / 1000 PS und weit mehr als 1000 Nm maximales Drehmoment. Die Reichweite soll durch das rund 120 kWh große Batteriepaket bei 700 Kilometern liegen.

Jaguar Land Rover / JLR

Zu was dieses Antriebspaket im Stande ist, zeigt sich auf dem Beifahrersitz eines der rund 150 durch die Welt fahrenden Prototypen. Die Sitzposition ist ungewöhnlich flach, und ungemein leise geht es auf die Hochgeschwindigkeitsstrecke, auf der Testingenieur Navid Shamshiri nach ein paar seichten Einführungsrunden in wenigen Sekunden auf mehr als 200 km/h beschleunigt. Die Elektro-GT liegt wie ein Brett auf der Piste, der lange Radstand und die breite Spur – dieses Paket passt zum Briten, der im britischen Solihull von Band laufen wird.

„Um ein Auto zu entwickeln, das sich so gut fährt, wie es aussieht, haben wir das umfassendste Jaguar-Entwicklungsprogramm aller Zeiten durchgeführt“, erläutert Shamshiri und lässt die elektrisch surrende Katze nochmals von der Leine, bevor er den Kreisverkehr nahezu unbemerkt vorbeifliegen lässt und das ganze nochmals wiederholt.

Jaguar Type 00: Innenraum zwischen Understatement und offener Frage

Innen geht es hinter den dunklen Tarnmatten ebenso nüchtern wie edel zu. Leder allenthalben, weiche Teppiche und bequeme vier Einzelsitze – okay, das bieten wohl einige. Doch die Instrumente sind kleiner als erwartet, und das zentrale Bediendisplay könnte auch ein iPhone 17 Pro Max sein. Beifahrer- oder Head-Up-Display sucht man zumindest in diesem Erprobungsträger vergeblich. Ob das reicht, wird sich zeigen, denn Jaguar hat sich nicht nur neu erfunden und das eigene Image auf links gedreht. Auch bei den Preisen wurde die Schraube nicht nur leicht nach oben gedreht, sondern geradezu in eine andere Sphäre katapultiert. Unter 150.000 Euro dürfte beim kommenden Jaguar Elektro-GT kaum etwas gehen. Da wird die Luft dünn und alles muss passen.

Die Fensterflächen des Jaguar GT sind klein, die Karosserieflächen ungewöhnlich groß, und immer wieder fallen diese mächtigen Walzen ins Auge, die den verkleideten Prototypen wie eine nicht gerade realitätsnahe Studie erscheinen lassen. Auch auf der Handlingstrecke glänzt der Zukunfts-Brite in den Händen von Navid Shamshiri trotz schlechten Wetters mit seiner ausgewogenen Abstimmung – straff, aber alles andere als hart.

Jaguar Land Rover / JLR

Gefedert wird vorne wie hinten mit Luft. „So einen Jaguar hat es noch nicht gegeben“, unterstreicht Rawdon Glover, „2026 erleben wir die Rückkehr von Jaguar und schlagen ein neues, mutiges Kapitel auf. Der erste einer neuen Generation luxuriöser Elektroautos ist ein GT – der technisch fortschrittlichste Jaguar aller Zeiten und ein Auto, das in Aussehen und Fahrgefühl unvergleichlich ist.“ Jetzt müssen nur noch Marketing und Neupositionierung der Marke klappen, denn diese Baustelle scheint größer als noch jede so komplexe Fahrzeugentwicklung.

Worthy not set for this post
Stefan Grundhoff

Stefan Grundhoff

Stefan Grundhoff ist seit frühester Kindheit ausgemachter Autofan. Die Begeisterung für den Journalismus kam etwas später, ist mittlerweile aber genau so tief verwurzelt. Nach Jahren des freien Journalismus gründete der Jurist 1994 das Pressebüro press-inform und 1998 die Beratungsfirma press-inform consult.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Erfahrungsberichte

Maxus eTerron 9 im Alltag: Größe als Stärke und Schwäche

Maxus eTerron 9 im Alltag: Größe als Stärke und Schwäche

Sebastian Henßler  —  

Der Maxus eTerron 9 ist eines der größten E-Autos Europas. Im Alltag überzeugt er mit Nutzwert und Komfort, verlangt aber Planung beim Laden und Rangieren.

Kia EV4 im Test: Der Sparsame mit dem gewagten Hintern

Kia EV4 im Test: Der Sparsame mit dem gewagten Hintern

Daniel Krenzer  —  

Optisch ungewöhnlich, auch auf der Autobahn sehr sparsam und für seine Klasse sehr lang kommt der Kia EV4 daher. Wo liegen seine Stärken und Schwächen?

Smart #5 Summit: Zwischen Performance und Gelassenheit

Smart #5 Summit: Zwischen Performance und Gelassenheit

Sebastian Henßler  —  

Smart #5: In Porto fuhr ich die Brabus Performance Version, jetzt muss sich die Summit Edition im Alltag beweisen, wo Komfort, Nutzwert und 800 Volt zählen.

Suzuki e Vitara: Viel Vertrautes, wenig Fortschritt

Suzuki e Vitara: Viel Vertrautes, wenig Fortschritt

Sebastian Henßler  —  

Demnächst startet der e Vitara als erstes Elektroauto von Suzuki. Allrad, fairer Preis und vertrautes Konzept treffen auf langsames Laden und alte Software.

Erster Kontakt mit Kia PV5 Passenger in Barcelona

Erster Kontakt mit Kia PV5 Passenger in Barcelona

Sebastian Henßler  —  

Der Kia PV5 Passenger zeigt im ersten Test, was ein Elektro-Kleinbus leisten kann. Viel Raum, hoher Komfort und klare Grenzen bei Dynamik und Geräuschkomfort.

So fährt sich der Kia EV5 GT-Line: Komfort vor Dynamik

So fährt sich der Kia EV5 GT-Line: Komfort vor Dynamik

Sebastian Henßler  —  

Zwischen ID.4, Enyaq und Smart #5 positioniert sich der Kia EV5 klar: weniger Sport, mehr Ruhe, starke Rekuperation und ein Innenraum mit Lounge-Charakter.

Was der Cupra Born VZ besser kann als der normale Born

Was der Cupra Born VZ besser kann als der normale Born

Sebastian Henßler  —  

Kälte, Nässe und kurze Tage: Der Cupra Born VZ wurde unter winterlichen Bedingungen gefahren. Wie sportlich, effizient und alltagstauglich er sich dabei zeigt.