Der europäische Markt für Elektroautos steht vor einem deutlichen Wachstumsschub. Laut der aktuellen European Electric Car Study von Matthias Schmidt dürften vor allem neue Modelle im mittleren SUV-Segment, die Rückkehr staatlicher Kaufprämien in Deutschland und strengere Regulierung in Großbritannien dafür sorgen, dass sich die Absatzzahlen in der Region spürbar nach oben bewegen.
Besonders die Premiumhersteller planen eine Offensive. BMW hat mit der Produktion des iX3 bereits begonnen, Auslieferungen in nennenswertem Umfang werden allerdings erst in der zweiten Jahreshälfte erwartet. Vorstandschef Oliver Zipse bestätigte im Rahmen der Quartalszahlen, dass bereits 50.000 Bestellungen für das Modell vorliegen. Für das Gesamtjahr hält Schmidt 60.000 Einheiten für realistisch. Bei Mercedes läuft die Produktion des elektrischen GLC ebenfalls an, auch hier rechnet er mit rund 50.000 Auslieferungen. Volvo-CEO Håkan Samuelsson erklärte im Rahmen der Q4-Ergebnisse, dass 2026 rund 40.000 Einheiten des EX60 gefertigt werden sollen – Kundenauslieferungen beginnen voraussichtlich Ende des Sommers. Zusammengenommen könnten diese drei Modelle allein 150.000 zusätzliche E-Autos in die Region bringen.
Ein Blick auf die Margen zeigt, dass sich die wirtschaftliche Seite zunehmend verbessert. Volvo-Finanzchefin hat bereits erklärt, die Margen des EX60 würden über denen des vergleichbaren XC60 als Plug-in-Hybrid liegen. Volkswagen-Finanzvorstand Arno Antlitz bezifferte den Margenrückstand aktueller E-Autos gegenüber Verbrennern zuletzt auf 80 Prozent, erwartet aber eine deutliche Annäherung durch die kommende ID.Polo-Familie mit LFP-Zellen. Dass Lithium-Eisenphosphat-Batterien den Preisdruck weiter verstärken, belegen aktuelle Zahlen von BloombergNEF: Die Preise für Lithium-Ionen-Akkupacks sanken 2025 um acht Prozent auf rund 93 Euro pro Kilowattstunde – in China sogar auf etwa 72 Euro.
Neue Einstiegspreise westlicher Automobilhersteller unterstreichen diesen Trend. Citroën bietet den ëC3 in Deutschland mittlerweile ab 16.990 Euro an. Auch Tesla-Modelle könnten mit allen verfügbaren Förderungen auf knapp 30.000 Euro fallen – einschließlich der 3000 Euro, die Tesla selbst als Nachlass gewährt.
Deutschland und Großbritannien treiben das Wachstum
Deutschland dürfte dabei eine Schlüsselrolle spielen. Die Rückkehr der Kaufprämie, die Haushalten mit einem gemeinsamen Einkommen von unter 80.000 Euro offensteht – bei zwei Kindern steigt die Grenze auf 90.000 Euro –, soll insbesondere kompakte Modelle anschieben. Profitieren dürften vor allem die neuen B-Segment-Modelle des Volkswagen-Konzerns, die ab der zweiten Jahreshälfte ausgerollt werden, sowie Crossover wie der Škoda Elroq, der im Schlussquartal 2025 beinahe am Tesla Model Y vorbeigezogen war.
Der Verband der Automobilindustrie rechnet mit einem Anstieg der E-Auto-Zulassungen um 30 Prozent, was knapp 700.000 Einheiten entspräche – ein Marktanteil von 24,9 Prozent, rund 5,8 Prozentpunkte mehr als 2025. Allein das wären 155.000 zusätzliche E-Autos und damit fast ein Drittel des gesamten regionalen Volumenwachstums.
Großbritannien steuert weitere 110.000 Einheiten bei. Dort verschärft sich das ZEV-Mandat weiter, und die staatliche Kaufprämie für Elektroautos bleibt bestehen. Der britische Branchenverband SMMT prognostiziert für 2026 einen E-Auto-Marktanteil von 28,5 Prozent – gegenüber 23,4 Prozent im Vorjahr. Das ZEV-Mandat sieht zwar 33 Prozent vor, doch Flexibilitätsregeln ermöglichen es den Herstellern, die Differenz auszugleichen. Zusammen dürften Deutschland und Großbritannien rund 265.000 zusätzliche E-Autos generieren – die Hälfte des regionalen Wachstums.
Regulierung als Taktgeber am (E-)Automarkt
Auch die Regulatorik sorgt für Dynamik. Die Studie erwartet, dass Automobilhersteller, die ihre CO2-Flottenziele 2025 verfehlten, in diesem Jahr übererfüllen werden, statt auf regulatorisches Pooling zu setzen. Neue Pools wurden bislang für 2026 nicht bestätigt. Mercedes etwa könnte versuchen, die Zielvorgaben allein durch höhere E-Auto-Volumina zu erreichen – gestützt auf die volle Marktverfügbarkeit des CLA und die Einführung weiterer Modelle auf der MBEA-Plattform.
Hinzu kommt ein erwarteter Vorzieheffekt im Juni. Vor dem Inkrafttreten neuer GSR-Typgenehmigungsvorschriften Anfang Juli dürften Händler Lagerfahrzeuge beschleunigt zulassen. Das von der EU-Kommission im Dezember vorgelegte Automobilpaket, das inzwischen beim Europaparlament und Rat liegt, sieht derweil eine Aufweichung des faktischen Verbrenner-Ausstiegs 2035 um zehn Prozent vor. Der CO2-Flottenzielwert soll bei elf Gramm pro Kilometer liegen, kompensiert durch Maßnahmen wie den Einsatz europäisch produzierten grünen Stahls und synthetischer Kraftstoffe. Ab 2030 greift zudem eine Banking-und-Borrowing-Flexibilität mit einem Dreijahresdurchschnitt bis 2032. Und schließlich plant die Kommission eine Elektroquote für große Unternehmensflotten – ein relevanter Hebel, da Firmenzulassungen rund 60 Prozent aller europäischen Neuzulassungen ausmachen.
Quelle: Matthias Schmidt – European Electric Car Study Nr. 01/26, Januar 2026








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