Deutschlands Klimaziele geraten zunehmend außer Reichweite. Zu diesem Ergebnis kommt der Expertenrat für Klimafragen in seinem neuen Prüfbericht 2026. Die unabhängigen Klimaexperen der Bundesregierung warnen darin vor „dringendem politischen Handlungsbedarf“ und stellen fest, dass Deutschland seine Ziele für 2030 wohl nur knapp, die Vorgaben für 2040 jedoch deutlich verfehlen dürfte, wenn die aktuelle Politik fortgeführt wird.
Der Expertenrat verweist darauf, dass die bisherigen Emissionsminderungen teils auf Sondereffekte wie die Corona-Pandemie, die schwache Konjunktur und hohe Energiepreise zurückzuführen gewesen seien. Diese Puffer würden nun zunehmend wegfallen. Gleichzeitig seien insbesondere im Verkehrs- und Gebäudesektor weiterhin erhebliche Defizite sichtbar. Die Wissenschaftler sehen deshalb Nachbesserungsbedarf bei zentralen Klimaschutzmaßnahmen.
Besonders brisant ist der Bericht auch mit Blick auf die neue Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Denn seit dem Regierungswechsel mehren sich die Signale, dass kurzfristige wirtschaftliche Entlastung und Versorgungssicherheit deutlich stärker priorisiert werden als ein konsequenter Klimaschutz. Reiche hatte zuletzt unter anderem gefordert, die europäischen Klimaziele flexibler auszulegen und statt „100-Prozent-Lösungen“ auch Zielabweichungen zu akzeptieren, sofern dadurch energieintensive Industrie in Europa gehalten werden könne.
Zu starker Fokus auf fossile Energien?
Kritiker sehen darin jedoch die Gefahr, dass Deutschland den Anschluss bei Zukunftstechnologien verliert. So werfen Umweltverbände und Oppositionspolitiker der Bundesregierung vor, den Ausbau erneuerbarer Energien auszubremsen und stattdessen stärker auf fossile Gaskraftwerke zu setzen. Auch die Diskussionen um mögliche Kürzungen bei der Photovoltaik-Förderung oder eine stärkere Fokussierung auf Gas-Infrastruktur sorgen für Kritik.
Der Bericht verweist darauf, dass die deutschen Treibhausgasemissionen im Jahr 2025 zwar erneut gesunken seien, dies aber keineswegs als struktureller Erfolg missverstanden werden dürfe. Wörtlich heißt es sinngemäß, dass ein erheblicher Teil der Emissionsminderungen auf „temporäre Faktoren“ zurückzuführen sei. Dazu zählen insbesondere die weiterhin schwächelnde Industrieproduktion, hohe Energiepreise sowie konjunkturelle Effekte. Gerade in energieintensiven Branchen seien die Emissionen deshalb auch gesunken, weil weniger produziert worden sei – nicht primär wegen erfolgreicher Transformation. Der Expertenrat warnt daher davor, kurzfristige Rückgänge als Beleg für eine dauerhaft erfolgreiche Klimapolitik zu interpretieren.
Besonders kritisch bewerten die Fachleute die langfristige Perspektive bis 2040 und 2045. Zwar könne Deutschland die Klimaziele bis 2030 nach aktuellem Stand „knapp erreichen“, allerdings nur unter günstigen Annahmen. Für die Zeit danach öffne sich laut Bericht jedoch eine „deutliche Zielverfehlung“. Vor allem in den Bereichen Verkehr und Gebäude fehlten weiterhin ausreichend wirksame Maßnahmen. Im Verkehrssektor stagnierten die Emissionen trotz wachsender Elektromobilität auf hohem Niveau, während im Gebäudebereich die Sanierungsquote und der Heizungstausch deutlich hinter den notwendigen Werten zurückblieben. Der Expertenrat macht damit indirekt deutlich, dass eine Politik, die wieder stärker auf Verbrenner, fossile Energieträger oder abgeschwächte Klimavorgaben setzt, die ohnehin schwierige Zielerreichung zusätzlich erschweren dürfte.
Maßnahmen reichen nicht aus
Der Expertenrat selbst formuliert zwar keine direkten politischen Empfehlungen, zeigt aber auf, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen werden. Laut Tagesspiegel handelt es sich um einen „ersten Warnschuss“ an die Bundesregierung. Sollten die Klimaziele erneut verfehlt werden, könnte die Regierung gesetzlich zu weitergehenden Maßnahmen verpflichtet werden.
Für die Automobilindustrie und die Energiewirtschaft dürfte die Debatte ebenfalls relevant werden. Denn während Teile der Politik aktuell wieder stärker über Technologieoffenheit, E-Fuels und längere Übergangsfristen für Verbrenner diskutieren, betont der Expertenrat indirekt, dass Deutschland für seine Klimaziele weiterhin auf eine schnelle Elektrifizierung, mehr erneuerbare Energien und sinkende Emissionen angewiesen bleibt. Die Politik der aktuellen Bundesregierung lässt hier bislang aber definitiv Wünsche – oder eher Notwendigkeiten – offen. Die nächsten Klagen gegen die Klimapolitik der Bundesregierung dürften folglich nicht allzu lange auf sich warten lassen.
Quelle: Expertenrat für Klimafragen – Pressemitteilung vom 18. Mai 2026; Tagesspiegel – Verwarnung vom Expertenrat









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