Diess: Europa kann Führung bei bidirektionalem Laden sichern

Diess: Europa kann Führung bei bidirektionalem Laden sichern
Copyright:

Shutterstock / 2238649587

Laura Horst
Laura Horst
  —  Lesedauer 3 min

Für Herbert Diess ist die Mobilität der Zukunft ganz klar elektrisch. Dabei sieht er in Elektroautos weitaus mehr Potenzial als ihre lokale Emissionsfreiheit. Nutzt man die Batterie als Stromspeicher und setzt zudem auf bidirektionales Laden, profitieren nicht nur die Elektroautobesitzer, sondern alle Beteiligten, wie der ehemalige Volkswagen-Chef im Interview mit dem Spiegel erklärt. Elektroautos können so zu einem stabileren Stromnetz und günstigeren Preisen beitragen.

Diess, der von 2018 bis 2022 Volkswagen-Chef war, sitzt heute im Aufsichtsrat des Chipkonzerns Infineon und führt zudem den Verwaltungsrat des Technologieunternehmens The Mobility House, das laut Diess „als Ladedienstleister extrem stark“ wächst. Gemeinsam mit einem chinesischen Partner entwickelt das Unternehmen derzeit eine spezielle Wallbox für bidirektionales Laden, bei dem zum einen Energie in das Elektroauto eingespeist und umgekehrt überschüssige Energie zurück ins Stromnetz eingespeist werden kann.

Günstiger Strom treibt Mobilitätswende voran

In China spiele bidirektionales Laden momentan keine Rolle, da den gesamten Tag über feste Strompreise gelten und keine Strombörse existiert. Der ehemalige VW-Chef sieht daher eine große Chance für Europa, zum Vorreiter zu werden. „Deswegen ist das ein Thema, bei dem Europa die Führung übernehmen und zeigen kann, dass es einige Dinge besser kann als China“, erklärt er.

Umgekehrt könne sich Europa ein Beispiel an China nehmen. „Die konventionelle Autoindustrie leidet dort genauso wie in Deutschland, aber China ist damit durch. Nicht, weil sie die Welt retten wollen, sondern weil der Strom so günstig ist“, merkt Diess an. Die Kombination aus Solarstrom, Batteriespeicher und Elektroauto sei als System viel effizienter.

Elektroautofahrer profitieren vom Stromhandel

„Mit den zwei Millionen E-Autos auf deutschen Straßen hätten wir heute genug Strom, um den überschüssigen Sonnenstrom aufzunehmen und nachts wieder abzugeben, statt die Anlagen tagsüber abzuregeln“, erklärt Diess. Durch die flexible Nutzung der Akkus komme man einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien auch ohne einen teuren Netzausbau näher.

Auf individueller Ebene können Autofahrer laut dem Verwaltungsratsvorsitzenden von The Mobility House von den Gewinnen im Stromhandel profitieren. Viele Elektroautos sind bereits fürs bidirektionale Laden ausgerüstet, während es bei neuen Modellen zunehmend Standard wird. Die Elektroautofahrer müssten ihr Auto lediglich an eine geeignete Wallbox anschließen. „Dabei können sie einstellen, welchen Akkustand sie zu einer bestimmten Uhrzeit benötigen, um den Rest kümmern sich Anbieter wie wir“, so Diess.

Die Befürchtung, das häufige Be- und Entladen verkürze die Lebensdauer der Batterie drastisch, entkräftet er. Über einen Zeitraum von zehn Jahren liege die zusätzliche Degradation unter fünf Prozent. „In der Regel überdauern die Batterien sogar die Autos, in denen sie verbaut sind“, ergänzt der Ex-VW-Chef.

Deutschland braucht eine Reform des Netzbetriebs

Anhand des französischen Markts, wo The Mobility House seit dem vergangenen Jahr vertreten ist, erklärt Diess, dass die Kunden etwa 11.000 Kilometer im Jahr umsonst fahren. „Die Stromrechnung fürs Auto fällt praktisch weg. Und wir machen trotzdem noch ein Geschäft damit“, merkt er an. Profitabel werde es für das Unternehmen, das in Frankreich mit Renault und der Firma Mobilize zusammenarbeitet, sobald es auf ein paar Tausend Autoakkus zugreifen kann.

Im nächsten Jahr will der Ladedienstleister auch in Deutschland starten. Aktuell lohne sich ein Markteintritt aufgrund der doppelten Entgelte beim Laden und Entladen nicht. Diese fallen aufgrund einer Gesetzesänderung ab 2026 weg, was Diess als „echten Durchbruch“ bezeichnet. Zudem sieht er dringenden Handlungsbedarf in Hinblick auf die Organisation des Stromnetzes in Deutschland mit zahlreichen Betreibern.

„Natürlich brauchen wir eine Reform des Netzbetriebs. Da ist Deutschland grottenschlecht aufgestellt: privatwirtschaftlich, kleinteilig, überbürokratisch. Das ist Steinzeit. Es ist offensichtlich, dass es so nicht geht. Da müsste das Energieministerium ran, das kostet kein Steuergeld, nur Mühe und Aufwand“, sagt Diess.

Quelle: Der Spiegel – Ex-VW-Chef Herbert Diess: Die Stromrechnung fürs Auto fällt praktisch weg

Worthy not set for this post

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Elektroauto laden

BYD und Eon starten smartes Laden mit Bonus

BYD und Eon starten smartes Laden mit Bonus

Daniel Krenzer  —  

BYD und Eon starten in Deutschland ein gemeinsames Angebot für intelligentes Laden. E-Auto-Fahrer sollen damit Geld sparen können.

Bundesnetzagentur korrigiert Smart-Meter-Zahlen von 2025

Bundesnetzagentur korrigiert Smart-Meter-Zahlen von 2025

Sebastian Henßler  —  

Die Zahlen zum 31. Dezember 2025 waren wegen Mehrfachzählungen fehlerhaft und wurden korrigiert. Die Quoten der laufenden Aufsichtsverfahren bleiben unberührt.

Autoindustrie warnt: Neue Regeln könnten Bidi-Laden ausbremsen

Autoindustrie warnt: Neue Regeln könnten Bidi-Laden ausbremsen

Daniel Krenzer  —  

Auto- und Energiewirtschaft kritisieren die geplanten MiSpeL-Regeln der Bundesnetzagentur. Zusätzliche Zähler und Vorgaben könnten demnach V2G ausbremsen.

Ladepark Zusmarshausen: Warum das E-Auto überzeugt

Ladepark Zusmarshausen: Warum das E-Auto überzeugt

Daniel Krenzer  —  

Der Ladepark Zusmarshausen bietet 76 Ladepunkte, Gastronomie und weitere Angebote. Nutzer berichten von Vorteilen, aber auch Verbesserungsbedarf.

Cubos übernimmt Scapo: Ladenetz wächst auf 16.000 Punkte

Cubos übernimmt Scapo: Ladenetz wächst auf 16.000 Punkte

Sebastian Henßler  —  

Cubos übernimmt den Mainzer Ladeinfrastruktur-Anbieter Scapo und baut sein Ladepunkt-Portfolio auf über 16.000 Standorte deutschlandweit aus.

Porsche startet induktives Laden mit dem Cayenne Electric

Porsche startet induktives Laden mit dem Cayenne Electric

Sebastian Henßler  —  

Porsche stattet den Cayenne Electric erstmals mit induktivem Laden aus: Bis zu 11 kW werden kabellos übertragen, der Wirkungsgrad liegt bei rund 90 Prozent.

Genug Ladepunkte in Deutschland, aber am falschen Ort

Genug Ladepunkte in Deutschland, aber am falschen Ort

Sebastian Henßler  —  

Rein rechnerisch hat Deutschland genug Ladepunkte, trotzdem verdienen 95 Prozent der Betreiber kein Geld. Stefan Pagenkopf-Martin erklärt, woran es hakt.