Ein kalter Märzmorgen in Leipzig, doch im Porsche Center herrscht bereits reges Treiben. Installateure, Projektentwickler, Energieberater und Vertreter aus Industrie und Mobilitätsbranche kamen Anfang März zum Sungrow Power Connect Day zusammen. Die Veranstaltung widmet sich einer Frage, die in der Energiewende zunehmend an Bedeutung gewinnt: Welche Rolle spielen Energiespeicher in Gewerbe und Industrie – und wie verändern sie die Art, wie Unternehmen Energie nutzen, einkaufen und managen?
Während die öffentliche Debatte über die Energiewende häufig von privaten Solaranlagen oder großen Windparks geprägt ist, entsteht ein anderer Teil der Transformation im Hintergrund: in Logistikzentren, Produktionshallen oder Unternehmensstandorten. Dort steigen Strombedarf und Komplexität zugleich. Ladepunkte für Elektroautos, Wärmepumpen oder Photovoltaikanlagen verändern die Energiebilanz vieler Betriebe. Gleichzeitig erhöhen volatile Strompreise und eine angespannte Netzsituation den Druck, Energie flexibler zu steuern.
Die Energiewende erreicht zunehmend Industrie und Gewerbe
Vor diesem Hintergrund rücken Batteriespeicher stärker in den Fokus. Sungrow, weltweit als Anbieter von Wechselrichtern, Energiespeichersystemen und Ladeinfrastruktur aktiv, hat nach eigenen Angaben bereits mehr als tausend Projekte im Gewerbe- und Industriebereich umgesetzt. Der Power Connect Day in Leipzig dient deshalb nicht nur als Produktpräsentation, sondern auch als Austauschplattform für Erfahrungen aus realen Anwendungen.
Zu den zentralen Programmpunkten zählt die Keynote von Robert von Wahl, Director C&I Distribution Europe bei Sungrow. Sein Vortrag trägt den Titel „Vom Speicher zur Strategie: C&I ESS als Wendepunkt“ und greift damit eine Entwicklung auf, die viele Unternehmen derzeit beschäftigt: Energiespeicher werden zunehmend nicht mehr nur als technische Ergänzung betrachtet, sondern als strategischer Bestandteil der Energieinfrastruktur.
Zu Beginn wählt von Wahl einen pragmatischen Einstieg. Er bittet das Publikum um ein kurzes Handzeichen: Wer habe bereits ein Gewerbespeicherprojekt mit mehr als 200 Kilowattstunden umgesetzt? Nur wenige Hände gehen nach oben. „Alle reden über Gewerbespeicher und es ist ein herausforderndes Thema“, sagt er. Gleichzeitig sieht er darin einen Hinweis darauf, dass sich der Markt gerade erst formiert.
Warum Energiespeicher für Unternehmen plötzlich strategisch werden
Die Gründe für das wachsende Interesse an Speichern sind vielfältig. Viele Unternehmen suchen nach Möglichkeiten, ihre Energieversorgung unabhängiger zu gestalten. Stromausfälle, geopolitische Unsicherheiten und volatile Preise haben das Thema Resilienz stärker in den Mittelpunkt gerückt. Wer Energie zumindest teilweise lokal erzeugen und speichern kann, verringert seine Abhängigkeit von externen Faktoren.
Parallel verändert der Ausbau erneuerbarer Energien die Dynamik im Stromsystem. Photovoltaikanlagen wachsen weiterhin stark. Laut von Wahl steigt die installierte Leistung monatlich um rund ein Gigawatt. Diese Entwicklung führt zu deutlichen Preisunterschieden im Tagesverlauf: tagsüber häufig niedrige Preise durch hohe Solarproduktion, morgens und abends dagegen deutlich höhere Kosten.
„Das eröffnet natürlich Möglichkeiten, Stromkosten zu reduzieren“, erklärt er. Speicher erlauben es, den Energiefluss zeitlich zu verschieben und damit Preisunterschiede zu nutzen. Unternehmen können Strom dann verbrauchen, wenn er im Betrieb benötigt wird, unabhängig davon, wann er produziert oder günstig eingekauft wurde.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Viele Stromnetze erreichen zunehmend ihre Kapazitätsgrenzen. Besonders in Regionen mit hoher Industriekonzentration oder starkem Ausbau erneuerbarer Energien stoßen Netzanschlüsse an technische Limits. Gleichzeitig steigen Netzentgelte weiter an, was die Energiekosten vieler Betriebe zusätzlich erhöht.
Speicher können hier eine doppelte Funktion übernehmen. Einerseits glätten sie Lastspitzen und senken damit die maximale Leistungsaufnahme aus dem Netz. Andererseits ermöglichen sie eine flexiblere Nutzung vorhandener Anschlusskapazitäten. Für Unternehmen bedeutet das: Mehr Energie kann genutzt werden, ohne dass sofort ein teurer Netzausbau notwendig wird.
Gleichzeitig schreitet die Elektrifizierung anderer Bereiche voran. Elektroautos, elektrische Nutzfahrzeuge und Wärmepumpen erhöhen den Strombedarf vieler Standorte. Auch dieser Trend verstärkt das Interesse an lokalen Energiesystemen, in denen Photovoltaik, Batteriespeicher und Ladeinfrastruktur miteinander kombiniert werden. „Mobilität wird immer stärker elektrifiziert“, sagt von Wahl. Daraus entstehe ein wachsender Bedarf, Energie lokal zu managen und flexibel bereitzustellen.
Vom Nischenmarkt zum wachsenden Energiespeichermarkt
Der Blick auf die Marktentwicklung zeigt, dass sich der Bereich der gewerblichen Energiespeicher derzeit in einer Phase beschleunigten Wachstums befindet. Noch vor wenigen Jahren galt der Einsatz größerer Batteriesysteme im industriellen Umfeld als Speziallösung für einzelne Pilotprojekte. Inzwischen betrachten viele Energieversorger, Projektentwickler und Unternehmen solche Systeme als festen Bestandteil moderner Energieinfrastruktur.
Auch Robert von Wahl beschreibt diesen Wandel als Übergang von der Nische zum Wachstumsmarkt. „Der Markt hat die Relevanz von Gewerbespeichern erkannt“, sagt er während seiner Präsentation. Zwar seien die Rahmenbedingungen noch nicht in allen Punkten optimal, doch grundsätzlich sei die Grundlage für eine breitere Nutzung bereits vorhanden.
Die Entwicklung lässt sich auch an den Installationszahlen ablesen. Zu Beginn der 2020er-Jahre lag die Anzahl gewerblicher Batteriespeicher noch im niedrigen vierstelligen Bereich. In den folgenden Jahren stieg die Zahl zunächst moderat. Seit etwa 2023 beschleunigt sich das Wachstum jedoch deutlich. Prognosen gehen davon aus, dass bis Anfang 2026 mehr als 20.000 Systeme installiert sein könnten.
Für viele Beobachter folgt dieser Verlauf einem bekannten Muster aus anderen Technologiebranchen. Nach einer längeren Phase mit begrenzter Marktdurchdringung erreicht eine Technologie irgendwann einen Punkt, an dem wirtschaftliche und regulatorische Rahmenbedingungen besser zusammenpassen. Sobald dieser Moment erreicht ist, steigt die Nachfrage deutlich schneller.
In Leipzig wird dieser Wandel auch in den Gesprächen zwischen den Teilnehmern spürbar. Installationsunternehmen berichten von wachsendem Interesse bei Industriekunden, Projektentwickler diskutieren neue Geschäftsmodelle, während Softwareanbieter Werkzeuge vorstellen, mit denen sich Speicherprojekte wirtschaftlich planen lassen.
Wie Unternehmen mit Energiespeichern Geld sparen können
Ein zentraler Aspekt dabei ist die Frage, wie sich Batteriespeicher wirtschaftlich betreiben lassen. Anders als bei klassischen Photovoltaikanlagen, deren Erlösstruktur lange Zeit stark von Einspeisevergütungen geprägt war, entstehen im Speicherbereich mehrere parallel nutzbare Geschäftsmodelle.
Das derzeit häufigste Einsatzfeld ist die sogenannte Lastspitzenkappung. In vielen Stromtarifen richtet sich ein Teil der Kosten nach der maximalen Leistungsaufnahme eines Unternehmens. Wird in einem kurzen Zeitraum besonders viel Strom aus dem Netz bezogen, steigt dieser leistungsabhängige Anteil deutlich. Batteriespeicher können in solchen Momenten Energie bereitstellen und so verhindern, dass zusätzliche Leistung aus dem Netz gezogen werden muss.
Von Wahl beschreibt dieses Prinzip anhand eines einfachen Rechenbeispiels. Wenn ein Unternehmen seine maximale Netzleistung um 100 Kilowatt senkt und der Leistungspreis etwa 150 Euro pro Kilowatt beträgt, ergibt sich daraus eine jährliche Einsparung von rund 15.000 Euro. „Hier besteht richtig viel Potenzial, auch die Stromkosten für unsere Kunden zu senken“, sagt er.
Neben der Lastspitzenkappung gewinnt auch die Strompreisoptimierung an Bedeutung. Batteriespeicher laden Strom zu Zeiten niedriger Preise und stellen ihn später wieder zur Verfügung, wenn der Bedarf im Unternehmen steigt oder die Preise am Markt höher liegen. Gerade in Stromsystemen mit wachsendem Anteil erneuerbarer Energien entstehen solche Preisschwankungen immer häufiger.
Ein weiteres Modell ergibt sich aus der Kombination von Photovoltaikanlagen und Energiespeichern. Überschüssiger Solarstrom, der tagsüber erzeugt wird, kann gespeichert und später im Betrieb genutzt werden. Dadurch steigt der Eigenverbrauch der selbst produzierten Energie, während der Bezug aus dem Netz sinkt.
Darüber hinaus ermöglichen Speicher eine flexiblere Netznutzung. Unternehmen können ihren Stromverbrauch gezielt in Zeiten verlagern, in denen das Netz weniger ausgelastet ist. Auch der Handel mit Strom oder die Teilnahme an Märkten für Systemdienstleistungen gehört zu den möglichen Einsatzfeldern.
Ein besonders interessantes Szenario entsteht im Zusammenhang mit Ladeinfrastruktur. Viele Logistikunternehmen oder Flottenbetreiber möchten Ladepunkte für Elektroautos oder elektrische Nutzfahrzeuge installieren. Häufig scheitert dies jedoch zunächst an der verfügbaren Netzleistung am Standort. Batteriespeicher können hier kurzfristig zusätzliche Leistung bereitstellen und so den Aufbau von Ladeinfrastruktur ermöglichen, ohne dass der Netzanschluss sofort erweitert werden muss.
Ein Praxisbeispiel zeigt das wirtschaftliche Potenzial
„Gerade im Depotladen sehen wir enormes Potenzial“, erklärt von Wahl und verweist auf Projekte, bei denen Photovoltaik, Speicher und Ladepunkte in einem integrierten System zusammenarbeiten. Dass sich diese verschiedenen Anwendungen kombinieren lassen, zeigt auch ein Praxisbeispiel, das im Rahmen der Veranstaltung durch Lumera Energy vorgestellt wird. Ausgangspunkt sind jährliche Energiekosten von rund 110.000 Euro für einen Unternehmensstandort ohne Energiespeicher.
Durch mehrere Maßnahmen lassen sich diese Kosten schrittweise verringern. Ein erster Beitrag entsteht durch die Nutzung überschüssiger Energie aus einer Photovoltaikanlage. Der gespeicherte Strom kann später im Betrieb genutzt werden und senkt so den Netzbezug. In der Beispielrechnung entspricht dies einer Einsparung von rund 2000 Euro pro Jahr.
Deutlich stärker wirkt die Lastspitzenkappung. Wenn der Speicher kurzfristig Energie bereitstellt und dadurch hohe Leistungsabrufe aus dem Netz vermeidet, sinken die leistungsabhängigen Netzkosten. In dem dargestellten Szenario verringert sich der Energieaufwand dadurch um etwa 10.000 Euro jährlich.
Weitere Einsparungen ergeben sich durch die Nutzung dynamischer Stromtarife. Der Speicher lädt Energie, wenn Preise niedrig sind, und stellt sie bereit, sobald sie steigen. In der Modellrechnung entstehen daraus zusätzliche Vorteile von rund 10.000 Euro.
Hinzu kommen mögliche Erlöse durch die Teilnahme an Energiemärkten oder durch die Bereitstellung von Flexibilität für das Stromsystem. In der Beispielanalyse ergeben sich daraus weitere Einnahmen von etwa 17.000 Euro.
Insgesamt reduziert sich der jährliche Energieaufwand damit von rund 110.000 auf etwa 71.000 Euro. Das entspricht einer Kostensenkung von rund 35 Prozent. Für das dargestellte Szenario wird ein Batteriespeicher mit einer Leistung von 66 Kilowatt und einer Kapazität von 126 Kilowattstunden eingesetzt. Unter diesen Annahmen ergibt sich eine Amortisationszeit von etwa 4,6 Jahren.
Neue Regulierung könnte Energiespeichern zusätzlichen Schub geben
Neben technologischen und wirtschaftlichen Faktoren rückt im Verlauf der Veranstaltung ein weiterer Aspekt in den Mittelpunkt: die regulatorische Entwicklung. Denn wie schnell sich Energiespeicher im industriellen Umfeld durchsetzen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie der Strommarkt strukturiert ist und welche Regeln für Speicher, Stromhandel oder Ladeinfrastruktur gelten.
In seinem Vortrag verweist von Wahl auf eine Initiative, die derzeit in der Branche intensiv diskutiert wird: die geplante Marktintegration von Speichern und Ladestationen. Hinter der Abkürzung MiSpeL verbirgt sich ein regulatorischer Ansatz, der darauf abzielt, Batteriespeicher und Ladeinfrastruktur stärker in energiewirtschaftliche Prozesse einzubinden. Ziel ist es, die vorhandene Flexibilität im Stromsystem besser nutzbar zu machen.
Ein wichtiger Punkt betrifft dabei die bisherige Beschränkung vieler Speicherlösungen auf Strom aus erneuerbaren Quellen. In verschiedenen Förderprogrammen mussten Batteriesysteme bislang ausschließlich mit grünem Strom betrieben werden, um bestimmte regulatorische Vorteile zu erhalten. Diese Vorgabe schränkt allerdings die wirtschaftliche Nutzung der Anlagen ein.
Künftig soll diese Einschränkung entfallen. Energiespeicher könnten dann auch Strom aus dem allgemeinen Netz aufnehmen und später wieder einspeisen oder im Betrieb nutzen. Für Betreiber entstehen dadurch deutlich mehr Möglichkeiten, unterschiedliche Geschäftsmodelle miteinander zu kombinieren. „Damit werden Speicherlösungen wesentlich flexibler“, erklärt von Wahl.
Energiespeicher werden Teil moderner Energieinfrastruktur
Die geplanten Anpassungen betreffen zudem die Rolle von Elektroautos im Energiesystem. In vielen politischen Konzepten werden Autobatterien zunehmend als dezentrale Energiespeicher betrachtet. Wenn Elektroautos bidirektional laden können, lassen sie sich nicht nur als Verbraucher, sondern auch als temporäre Stromquelle nutzen.
Dieses Konzept, auch unter dem Begriff Vehicle-to-Grid diskutiert, ermöglicht es, Energie bei Bedarf aus Autobatterien wieder ins Netz zurückzuführen. Dadurch könnten Elektroautos künftig einen Beitrag zur Stabilisierung des Stromsystems leisten. Gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten für Betreiber von Flotten oder Ladeinfrastruktur, ihre Energie flexibler zu managen.
Die entsprechenden regulatorischen Änderungen sollen nach aktuellen Planungen spätestens zum 1. Juni 2026 in Kraft treten und unter Aufsicht der Bundesnetzagentur umgesetzt werden. Für viele Marktteilnehmer gilt dieser Zeitpunkt als wichtiger Meilenstein, weil er zusätzliche Geschäftsmodelle im Zusammenspiel von Photovoltaik, Speicher und Ladeinfrastruktur ermöglichen könnte.
In Leipzig wird deutlich, dass sich viele Unternehmen bereits auf diese Entwicklung vorbereiten. Während früher einzelne Technologien isoliert betrachtet wurden, entstehen zunehmend integrierte Energiesysteme. Photovoltaikanlagen auf Hallendächern, Batteriespeicher auf dem Betriebsgelände und Ladepunkte für Elektroautos bilden dabei ein gemeinsames System, das über Software gesteuert wird.
Batteriespeicher steigern im Verbund mit PV-Anlagen und Ladeinfrastruktur die Wettbewerbsfähigkeit
Von Wahl fasst diesen Wandel gegen Ende seines Vortrags in drei Punkten zusammen. Erstens gewinnen Batteriespeicher an Bedeutung für die Energiewende, weil sie helfen, Strom aus erneuerbaren Quellen zeitlich zu verschieben. Zweitens erhöhen sie die Flexibilität im Energiesystem, indem sie Energie aufnehmen oder bereitstellen können, je nach Bedarf im Netz oder im Unternehmen.
Der dritte Punkt betrifft die wirtschaftliche Perspektive. Energiespeicher eröffnen Unternehmen neue Möglichkeiten, ihre Energieinfrastruktur aktiv zu nutzen. Strom kann nicht nur verbraucht, sondern auch gespeichert, gehandelt oder für Systemdienstleistungen bereitgestellt werden. Energie wird damit zunehmend Teil eines Geschäftsmodells.
„Batterien steigern letztendlich auch die Wettbewerbsfähigkeit“, sagt von Wahl und verweist darauf, dass Energieinfrastruktur künftig stärker als strategischer Faktor betrachtet werden müsse.
Die Keynote lässt sich in einem Punkt zusammenfassen: Energiespeicher sind somit längst kein rein technisches Thema mehr. Für viele Unternehmen entwickeln sie sich zu einem Instrument, mit dem sich Energieversorgung, Kostenstruktur und Infrastruktur strategisch gestalten lassen.
Disclaimer: Sungrow hat zum Sungrow Power Connect Day nach Leipzig eingeladen. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.








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