Hohe Benzinpreise als Beschleuniger der Elektromobilität, der CO₂-Preis als zentrales Steuerungsinstrument und chinesische Hersteller als eigentliche Treiber der deutschen E-Auto-Nachfrage: Gabriel Felbermayr, seit März Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung, hat sich in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung zu den wirtschaftspolitischen Folgen des Iran-Konflikts geäußert.
Ausgangspunkt seiner Einschätzungen ist die wirtschaftliche Lage Deutschlands nach den Energiepreisschocks infolge der zeitweisen Blockade der Straße von Hormus. Durch die Meerenge liefen zuvor rund 20 Prozent der globalen Ölproduktion. Der leichte Konjunkturaufschwung um den Jahreswechsel 2025/26 sei dadurch gedämpft worden. Dass der Preisanstieg dennoch „relativ verhalten“ ausgefallen sei, erklärt Felbermayr damit, dass andere Förderländer ihre Produktion hochgefahren hätten und die OPEC durch das Ausscheiden der Vereinigten Arabischen Emirate geschwächt sei. Nach dem von Donald Trump verkündeten „Deal“ mit Iran und der Wiedereröffnung der Passage könnten die Preise nun stärker fallen als erwartet.
Deutschland treffe solche Schocks besonders hart. Felbermayr verweist auf den im EU-Vergleich noch stärker fossil geprägten Energiemix und den hohen Anteil energieintensiver Industrie, insbesondere der Chemie. Frankreich habe seine Stromerzeugung „schon lange durch die Atomkraft dekarbonisiert“, skandinavische Länder setzten auf Wasserkraft und Wind. In einer Situation, in der Deutschland „kaum wächst“, könne ein Preisschock „das letzte bisschen Dynamik kosten“.
Deutscher Tankrabatt: Symptom schlechter Wirtschaftspolitik
Besonders deutlich wird Felbermayr beim deutschen Tankrabatt. „Das ist schlechte Wirtschaftspolitik. Durch den Versuch, eine Knappheit zu vertuschen, macht man sie noch schlimmer“, sagt er. Wenn viele Länder den Verbrauch von Kraftstoffen subventionierten, treibe das die Nachfrage und damit die Weltmarktpreise weiter nach oben. Hauptprofiteure seien Erdölproduzenten und Raffinerien. Anstelle solcher Subventionen fordert er gezielte sozialpolitische Maßnahmen für diejenigen, die existenziell betroffen sind. Für alle anderen sei „Nichtstun“ die bessere Antwort. Als Konservativer sei er überzeugt, dass die Verwaltung von Knappheit über Märkte und Preissignale effizienter funktioniere als jede politische Steuerung.
Den CO₂-Preis bezeichnet Felbermayr als „Leitinstrument der Klimapolitik“. Kleinteilige Regelungen wie das Verbrenner-Verbot oder umfangreiche Heizungsförderprogramme seien dagegen politisch polarisierend und teilweise ineffektiv. Sie seien aus der Annahme entstanden, der CO₂-Preis wirke nicht schnell genug. „Wenn man sich weiter an ihn hält, braucht man den ganzen Zinnober nicht“, so der Ökonom. Deutlich kritischer bewertet er die Idee, das EU-Klimaziel nach hinten zu verschieben: Das würde die CO₂-Preise senken und Dekarbonisierungsanreize verringern.
Eine pauschale Rückverteilung der Einnahmen als Klimageld lehnt Felbermayr ab. Stattdessen solle das Geld gezielt zur Verhaltenssteuerung eingesetzt werden: „Je teurer man die Fossilen macht, desto billiger sollte man Strom machen.“ Konkret schlägt er vor, mit den Einnahmen aus Kraftstoffabgaben die Stromsteuern und Leitungsgebühren zu senken und so den Betrieb von E-Autos günstiger zu machen.
Chinesische Hersteller als unterschätzter Marktfaktor
In hohen Benzinpreisen sieht Felbermayr einen Nebeneffekt mit struktureller Wirkung: Sie brächten Deutsche dazu, E-Autos zu kaufen. Dabei würdigt er ausdrücklich die Rolle chinesischer Hersteller. „Chinas Autohersteller haben die Deutschen zu E-Auto-Käufern gemacht, viel mehr als die Förderung der deutschen Regierung“, sagt er. Selbst wer kein chinesisches Auto kaufe, profitiere vom dadurch gesenkten Preisniveau.
Hinzu kommt ein weiteres Argument: Ein E-Auto verbrauche deutlich weniger Primärenergie pro 100 Kilometer als ein konventionelles Fahrzeug. Die Nutzung fossiler Energie sei mit „Verschwendung“ verbunden. Als Beleg für den gesundheitlichen Nutzen verweist Felbermayr auf chinesische Großstädte, in denen sich die Luftqualität trotz einer Verdopplung des Autobestands in den vergangenen zehn Jahren „enorm verbessert“ habe. Man könne für E-Autos sein, ohne sich primär für Klimaschutz zu interessieren: Gesundheit und Lebensqualität seien eigenständige Argumente.
Die politische Bewegung zurück zu Verbrenner und Ölheizung, wie sie in Deutschland von der AfD und international von ähnlichen Kräften vertreten werde, hält Felbermayr für ökonomisch zum Scheitern verurteilt. „So eine Partei gibt es in allen EU-Mitgliedstaaten. In den USA stellt eine solche Bewegung den Präsidenten.“ Doch Märkte und Technologie würden politischem „Unfug“ den Stecker ziehen. Keine Partei könne verhindern, dass Menschen E-Autos kauften, wenn diese günstiger seien und Spaß machten.
Den Iran-Konflikt bezeichnet Felbermayr als unbeabsichtigten Beschleuniger der Energiewende. Trump habe fossile Energien „zurückbringen“ wollen, doch die Blockade der Straße von Hormus verstärke die Wahrnehmung, dass man in die entgegengesetzte Richtung gehen müsse. Schon in Trumps erster Amtszeit habe der Präsident der Kohleindustrie Hoffnung gemacht, doch hätten Marktkräfte dafür gesorgt, dass die Kohleverstromung in den USA „fast zur Gänze verschwunden“ sei.
Um skeptische Wähler:innen zu überzeugen, empfiehlt Felbermayr, nicht Klimaschutz, sondern Preise, Energieeffizienz und Versorgungssicherheit in den Vordergrund zu stellen. Historisches Vorbild seien die 1970er-Jahre, als die Atomenergie in Europa ihren Schub durch Ölkrisen erhalten habe. Damals gaben Kosten und Versorgungssicherheit den Ausschlag, nicht der Klimaschutz.
Quelle: Süddeutsche Zeitung – „Der Tankrabatt war eine sehr schlechte Idee“ / heise.de – Wirtschaftsweiser: Warum hohe Spritpreise gut für Deutschland sein können









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