Kaum ein anderes Thema hält die internationale Politik derzeitig so in Atem, wie der Krieg im Iran. Eine zentrale Rolle in der Debatte spielt die Energieversorgung, denn seither wird die Straße von Hormus blockiert. Durch diese Engstelle wird ein bedeutender Teil der Erdölvorkommen aus dem Nahen Osten in den Rest der Welt transportiert, weshalb es nun Engpässe bei der Versorgung gibt.
Erdöl wiederum wird unter anderem als Basis für Diesel, Benzin oder Kerosin verwendet, die Verbrennungsmotoren oder Flugzeuge antreiben. Kurzum: Ohne Erdöl steht die Welt still, zumindest der noch immer größte Teil. Wer bereits auf ein Elektroauto umgestellt hat, dürfte nun beim Blick auf die Tankstellenpreise aufatmen. Obwohl auch die Strompreise gestiegen sind, hat eine Studie gezeigt, dass mit Benzin betriebene Autos aktuell fünfmal so teuer sind wie Elektroautos.
In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeine (FAZ) hat sich nun auch Fatih Birol, der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), zum Irankrieg sowie seinen Implikationen geäußert. Dabei, so Birol, stehe man vor der größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit.
Energiepolitische Auswirkungen
Nicht nur die Ölversorgung ist betroffen, die aktuell um etwa 11 Millionen Barrel am Tag schrumpft, sondern auch die Gasversorgung mit 140 Milliarden Kubikmeter Verlust. Dies entspricht einer Verdopplung der Verluste nach dem Russland-Ukraine-Konflikt. Diese Situation verschlechtere sich täglich, so Birol. „Ich habe nicht den Eindruck, dass die politischen Entscheidungsträger die Tragweite des Problems, in dem wir uns befinden, schon verstanden haben“, äußerte er sich gegenüber der FAZ.
Zwar konnte die IEA bereits strategische Ölreserven von 400 Millionen Barrel freigeben, um die Auswirkungen dieser Entwicklung abzudämpfen, jedoch steht der Organisation nur Information und Koordination zu, keine Entscheidungsgewalt. Bei der bisherigen Freigabe handele es sich allerdings erst um 20 Prozent der Vorräte, sodass weitere Freigaben von Reserven geprüft werden können.
Was die Stromversorgung angeht, sei Deutschland zwar mit dem Ausbau erneuerbarer Energien in die richtige Richtung gegangen, jedoch kritisiert Birol den Atomausstieg stark. Er spricht von einem riesigen strategischen Fehler: „Die Situation wäre heute nicht so schlimm, wenn Deutschland die Kraftwerke noch hätte“, so der IEA-Chef. Gaskraft macht noch immer einen Teil des deutschen Strommixes aus und entsprechend äußerte sich auch Bundesumweltminister Schneider, als er erneuerbare Energien als Sicherheitsenergien bezeichnete, die Unabhängigkeit schaffen. Aus der aktuellen Krisensituation könnte aber auch Fortschritt entstehen. Nach der letzten Ölkrise habe sich der Benzinverbrauch der Autos durch verbesserte Effizienz halbiert. Könnte diese Ölkrise nun der Elektromobilität zum finalen Durchbruch verhelfen?
Effizienz statt Nachschub?
Selbst, wenn sich die Situation nun wieder verbessern sollte, wäre keine kurzfristige Abhilfe geschaffen. Bis die Öl- und Gasfelder, die nun stillgelegt sind, wieder laufen, könnte ein halbes Jahr ins Land gehen. Auch eine erhöhte Öl- und Gasförderung anderer Regionen – wie Australien, Nord-, Mittel- oder Südamerika – versucht Birol umzusetzen, jedoch seien kurzfristig die Möglichkeiten begrenzt, um die Produktion auszuweiten. Von der Erschließung neuer Fördermöglichkeiten ganz zu schweigen: „Selbst wenn sie am Montag mit neuen Erkundungen beginnen, wird es zehn Jahre dauern, bis das Öl auf den Markt kommt“, so Birol.
Vor allem für Deutschland sehen die Prognosen düster aus, denn die Möglichkeiten, um Gas zu beziehen, sind begrenzt. Es gebe, so Birol, nicht mehr viele Länder, aus denen zusätzliches Gas bezogen werden könnte. Exemplarisch nennt er Norwegen und Nordamerika. Von russischem Gas hingegen wird dringend abgeraten, denn es sei nicht günstiger und der Bezug sei über die Pipelines oder See kaum bis nicht möglich. Außerdem sehe Birol das Land nicht als zuverlässigen Partner.
Ein Teil der Lösung liegt daher darin, so der IEA-Chef, den Verbrauch zu senken. Daher rät die Organisation zu geringeren Tempolimits und mehr Homeoffice, mehr Effizienz und weniger Verbrauch.
Quelle: Frankfurter Allgemeine – „Größte Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit“








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