Das sogenannte „Carspreading“ nimmt unsere Städte mehr und mehr in Beschlag. Autos werden immer größer – etwa 1 cm in der Breite alle zwei Jahre. Das Problem: Unsere Straßen können nicht mitwachsen. Mehr als die Hälfte der Neuwagen in Europa ist zu breit für städtische Parkplätze, was unsere Städte überfüllt und verstopft, so eine aktuelle Analyse von Transport & Environment (T&E) und Clean Cities. Außerdem schade das Carspreading dem Klima: Große Benzin- und Diesel-SUVs verbrauchen rund 20 Prozent mehr Kraftstoff, und Elektro-SUVs benötigen mehr Ressourcen und kritische Batteriemineralien.
Europäische Städte stehen demnach vor einer beispiellosen Bedrohung des städtischen Raums, da der Trend zu großen SUVs eine enorme Anzahl von Parkplätzen zu vernichten droht. Laut dem Bericht von T&E und Clean Cities werden alle Städte bis 2040 zwischen 8,5 und 14 Prozent ihrer Parkplätze am Straßenrand verlieren, wenn die Größe von Neuwagen weiterhin unkontrolliert zunimmt.
Die Studie analysiert das unaufhaltsame Wachstum neu verkaufter Autos in allen wichtigen Abmessungen und vergleicht es mit einem „Right-Sizing“-Szenario, bei dem politische Maßnahmen dazu beitragen, die Neuwagengröße auf das Niveau von 2015 zurückzuführen. Ohne Eingriffe würden längere und breitere Autos die Zahl der Fahrzeuge, die hintereinander am Straßenrand parken können, drastisch verringern, warnt die Analyse.
Aufgrund der wachsenden Fahrzeuggrößen würde allein London bis 2040 voraussichtlich zwischen 72.000 und 118.000 Parkplätze am Straßenrand verlieren. Berlin stehe vor ähnlichen Verlusten von 71.000 bis 117.000 Plätzen, während Rom mit einem Rückgang von 58.000 bis 95.000 Parkplätzen rechnen müsse. Auch in Madrid (bis zu 41.000 Plätze), Warschau (bis zu 17.000 Plätze) und Paris (bis zu 12.000 Plätze) seien erhebliche Kapazitätsverluste zu erwarten.

Jedes Jahr mehr als 1 cm länger
Die durchschnittliche Länge neu verkaufter Autos nimmt laut dem Bericht, der das Fahrzeugwachstum seit dem Jahr 2000 analysiert, jährlich um 1,2 cm zu. Die Gesamthöhe steigt jährlich um 0,5 cm. Frühere Studien zeigten, dass Neuwagen im Durchschnitt auch 0,5 cm pro Jahr breiter werden, während die Motorhaubenhöhe jährlich um 0,5 cm zunimmt. T&E erklärt, dass Autohersteller trotz sinkender Familiengrößen und geringerer Fahrzeugauslastung von der Produktion kleiner Autos abgerückt sind, um höhere Gewinne aus größeren Fahrzeugen erzielen zu können.

„Autohersteller haben eine Strategie größerer, profitablerer Fahrzeuge gegenüber kleineren Modellen verfolgt. Nach 25 Jahren unaufhörlichen Wachstums werden unsere Straßen zunehmend von riesigen SUVs dominiert, die für alle anderen eine physische Gefahr darstellen“, kommentiert Lucien Mathieu, Leiter des Bereichs Pkw bei T&E. „Das Ergebnis ist, dass Städte und Gemeinden unter Druck stehen, Parkplätze zu vergrößern und dann öffentlichen Raum zu opfern, um die verlorenen Parkplätze zu ersetzen.“
400 zusätzliche Verkehrstote pro Jahr
Trotz des EU-Ziels „Vision Zero“, bis 2050 keine Verkehrstoten mehr zu haben, werde die unkontrollierte Ausweitung der Fahrzeuggröße schwerwiegende Folgen für die Verkehrssicherheit haben, warnt die Analyse. Sie prognostiziert eine wachsende Lücke bei den Todesfällen gefährdeter Verkehrsteilnehmer – Fußgänger, Radfahrer, Motorrad- und Mopedfahrer –, wobei sich die Lücke bis 2040 auf 400 zusätzliche Todesfälle im Vergleich zum „Right-Sizing“-Szenario ausweiten werde. Im Vergleich zum Right-Sizing würde die Fortsetzung des aktuellen Trends dazu führen, dass im Zeitraum 2026 bis 2040 zusätzlich 2500 Erwachsene und 79 Kinder auf Europas Straßen sterben.
Beim aktuellen Trend könnten bis 2040 rund 40 Prozent mehr zu Fuß gehende Kinder bei Autounfällen getötet werden als beim Right-Sizing. Die steigenden Motorhaubenhöhen, die bis 2040 voraussichtlich einen Flottendurchschnitt von 86,2 cm erreichen werden, stellen für Kinder ein besonderes Risiko dar. Während erwachsene Fußgänger bei Unfällen meist an den lebenswichtigen Organen oder am Rumpf getroffen werden, laufen Kinder ein höheres Risiko, am Kopf oder an der Brust getroffen zu werden.
Barbara Stoll, Senior Director von Clean Cities, sagt hierzu: „Mit der Physik lässt sich nicht streiten: Größere Autos bedeuten mehr Gefahr auf unseren Straßen, besonders für Kinder und Fußgänger. Dieser Trend ist nicht unvermeidlich; er ist Marketing auf Kosten von Sicherheit und Gemeinwohl. Die Regulierungsbehörden müssen aufwachen und Höchstgrenzen für die Größe von Neuwagen festlegen. Städte und Regierungen können jetzt handeln, indem sie Parkgebühren und Steuern so gestalten, dass sie das Risiko widerspiegeln, das größere Autos verursachen.“
Dringender Aufruf zu „Right-Sizing“-Maßnahmen
Um den Bedrohungen für den städtischen Raum und die Sicherheit entgegenzuwirken, fordern T&E und Clean Cities sofortige politische Änderungen, um den europäischen Automarkt hin zu sichereren, effizienteren und kompakteren Modellen zu lenken:
- Eine Motorhaubenhöhenbegrenzung von 85 cm und eine Fahrzeugbreitenobergrenze von 192 cm, die ab 2033 für neue Typgenehmigungen und ab 2036 für alle neu verkauften Fahrzeuge gilt
- Nationale Steuerreform: Zulassungs- und Haltersteuern sollten den Kauf überdimensionierter Fahrzeuge aktiv unattraktiver machen
- Strengere Fahrzeugnormen: Euro NCAP müsse sein Protokoll dringend aktualisieren, um die Sichtbarkeit kleiner Kinder vom Fahrersitz aus zu testen
- Städtisches Handeln: Reform der Parkgebühren und lokalen Steuern basierend auf Fahrzeuggröße und -gewicht
- Bevorzugung kleiner Elektroautos (nicht länger als 4,2 Meter) bei der Überarbeitung des EU-CO₂-Gesetzes für Pkw
„Wenn Städte dem nun einen Riegel vorschieben, ist das nichts als Notwehr“
Auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert alle deutschen Städte auf, gegen den Trend zu immer größeren Autos aktiv zu werden und übergroße SUV und Pick-ups aus den dicht besiedelten Innenstädten zu drängen. „Unsere Städte werden mit immer mehr und immer größeren Autos geflutet. Trotz sinkender Familiengrößen und geringerer Fahrzeugauslastung weigern sich die deutschen Automobilhersteller konsequent, Kleinwagen zu produzieren und zu bewerben. Immer größere Autos blockieren zunehmend Gehwege und Grünflächen und machen Unfälle tödlicher – besonders für Kinder, Ältere und Menschen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind“, sagt Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der DUH.
„Wenn Städte dem nun einen Riegel vorschieben, ist das nichts als Notwehr“, so Resch weiter. Die DUH – wie gewohnt recht überspitzt – fordert gar ein komplettes „Verbot von Monster-SUV und Pick-ups in Innenstädten“ und „regulatorische Vorgaben gegen den SUV-Wahn.“ Paris zeige bereits, was umsetzbar ist: Hier gelten für überdimensionierte Fahrzeuge bis zu dreifach höhere Parkgebühren.
Quelle: T&E – Pressemitteilung vom 24.06.2026 / DUH – Pressemitteilung vom 24.06.2026









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