Der Volkswagen-Konzern hat mit einer Pflichtmitteilung zum Jahresauftakt für unerwartete Aufmerksamkeit gesorgt. Statt der angekündigten „Nulllinie“ meldete das Unternehmen für 2025 im Kerngeschäft einen Netto-Cashflow von rund sechs Milliarden Euro. Diese Kennzahl beschreibt vereinfacht, wie viel liquide Mittel nach Investitionen und laufendem Geschäft tatsächlich in der Kasse verbleiben. Noch im dritten Quartal hatte Finanzvorstand Arno Antlitz signalisiert, man rechne zum Jahresende mit einem Wert um null. Entsprechend groß war die Verwunderung über die nun ausgewiesene Summe.
Die unerwartete Verbesserung löste intern wie extern Diskussionen aus. Schnell stand die Frage im Raum, wie ein derartiger Mittelzufluss zustande kommen konnte, ohne dass sich dies zuvor abgezeichnet hatte. Antlitz sprach in einem internen Interview von einer „Dimension der Verbesserung“, die „in der Tat überraschend“ gewesen sei. Als Ursachen nannte er eine intensive Arbeit an Kostenstrukturen, insbesondere bei Entwicklungsaufwendungen, Investitionen und Lagerbeständen. Man habe Synergien im Konzernverbund konsequenter genutzt und Ausgaben überprüft. Zudem sei der Druck gestiegen, nachdem sich durch die neue Zollpolitik in den USA zusätzliche Belastungen von rund fünf Milliarden Euro abzeichneten.
Cashflow beeinflusst Boni und Dividendenpolitik
Parallel zu dieser Erklärung gewann eine andere Debatte an Dynamik: Wer profitiert von dem zusätzlichen finanziellen Spielraum? Die Berichterstattung einzelner Medien hatte aufgegriffen, dass der gestiegene Cashflow Einfluss auf variable Vergütungsbestandteile des Vorstands haben könnte. Da diese Kennzahl eine zentrale Rolle im internen Steuerungssystem spielt und auch für Boni relevant ist, veränderte sich rechnerisch die Ausgangslage gegenüber dem Herbst, als noch deutliche Zielverfehlungen drohten. Allerdings hängt die Höhe möglicher Sonderzahlungen nicht allein vom Mittelzufluss ab. Auch die operative Umsatzrendite fließt in die Bewertung ein, und diese liegt nach einem deutlichen Gewinneinbruch in den ersten drei Quartalen 2025 sowie milliardenschweren Abschreibungen voraussichtlich deutlich unter früheren Zielmarken.
Vor diesem Hintergrund meldete sich der Betriebsrat zu Wort. Dessen Vorsitzende Daniela Cavallo forderte eine Anerkennungsprämie für die Belegschaft. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es, alle hätten „in Sachen Kostendisziplin“ ihren Beitrag geleistet, daher sei eine Prämie für die Haustarifbeschäftigten „nur fair“. Geplant ist demnach eine Auszahlung im Mai. In diesem Monat wurde bislang traditionell der variable Tarifbonus überwiesen, der in den kommenden Jahren teilweise entfällt. Die nun geforderte Zahlung soll diesen Wegfall zumindest ausgleichen. Auch Beschäftigte an sächsischen Standorten sollen berücksichtigt werden, sofern entsprechende Verhandlungen erfolgreich verlaufen.
Der Vorstoß fällt in eine Phase interner Neuaufstellung. Ende 2024 hatten Management und Gewerkschaft in einem sogenannten Weihnachtskompromiss Einschnitte vereinbart. Beschäftigte akzeptierten vorübergehend Abstriche bei Bonusbestandteilen, während sich auch Führungskräfte zu Kürzungen bereit erklärten. Zugleich beschloss der Konzern ein umfassendes Sparprogramm, das bis 2030 den Abbau von rund 35.000 Stellen in Deutschland vorsieht und die jährlichen Kosten um 15 Milliarden Euro senken soll. Der überraschend hohe Cashflow wird daher von manchen als mögliches erstes Signal gewertet, dass die Maßnahmen greifen.
Analysten warnen vor möglichen Nachholeffekten
Analysten mahnen jedoch zur Differenzierung. Ein Teil der Liquiditätsverbesserung könnte auf Lagerabbau, vorgezogene Zahlungseingänge oder gestreckte Verbindlichkeiten zurückgehen. Solche Effekte beeinflussen den Kassenbestand kurzfristig, ohne zwingend die Ertragslage dauerhaft zu stärken. Ob sich die Entwicklung im laufenden Jahr fortsetzt oder gegenläufige Effekte auftreten, bleibt offen. Die Jahresbilanz sowie der Ausblick für 2026 will der Konzern im März vorlegen.
Zeitlich fällt die Diskussion mit den anstehenden Betriebsratswahlen zusammen. Im Wolfsburger Stammwerk werden Anfang März neue Vertreter gewählt. Oppositionslisten hatten mögliche Bonuszahlungen an das Topmanagement bereits zuvor kritisiert und eine stärkere Beteiligung der Belegschaft verlangt. Mit der Forderung nach einer Anerkennungsprämie rückt der Umgang mit dem Milliarden-Cashflow in den Mittelpunkt des Wahlkampfs. Damit verbindet sich eine grundsätzliche Frage: Wie verteilt ein Konzern finanzielle Spielräume in einer Phase tiefgreifender Transformation, die zugleich Investitionen in Elektromobilität und Software erfordert und unter anhaltendem Kostendruck steht?
Quelle: Süddeutsche – VW findet sechs Milliarden Euro – Betriebsrat fordert Prämie für Beschäftigte / Handelsblatt – Cavallo fordert nach Milliarden-Cashflow Bonus für Beschäftigte







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