Warum die Rivian-Allianz für VW zur Geduldsprobe wird

Warum die Rivian-Allianz für VW zur Geduldsprobe wird
Copyright:

RJ Scaringe | v. l. n. r.: Oliver Blume und RJ Scaringe

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 3 min

Die Softwareentwicklung ist für den Volkswagen-Konzern längst zu einer strategischen Bewährungsprobe geworden. Nach Jahren interner Verzögerungen und technischer Rückschläge setzt Konzernchef Oliver Blume große Hoffnungen auf die Partnerschaft mit dem US-Elektroautobauer Rivian. Das gemeinsam gegründete Joint Venture RV Tech soll die Grundlage für eine neue Elektronik- und Softwarearchitektur liefern. Doch hinter den Kulissen wächst die Nervosität, insbesondere bei der Premiummarke Audi, wie das Manager-Magazin berichtet.

Mitte Dezember präsentierte das Topmanagement in Berlin demonstrativ Fortschritte. Wassym Bensaid, Chef des Joint Ventures, zeigte live Funktionen der Software, die erstmals im geplanten Kleinwagen ID.1 eingesetzt werden soll. Navigation, Ladesäulenansteuerung, Basisfunktionen – alles wirkte stabil. Gleichzeitig war allen Beteiligten bewusst, dass diese Demonstration eher Vertrauen schaffen sollte als technische Durchbrüche zu zeigen. Vergleichbare Funktionen gelten in der Branche als Standard.

Der ID.1 ist für Blume mehr als nur ein neues Modell. Er steht symbolisch für den Versuch, den Konzern softwareseitig neu aufzustellen und den Abstand zu digitalen Wettbewerbern wie Tesla oder Huawei zu verkleinern. Nach dem Abgang von Herbert Diess übernahm Blume einen Konzern, dessen Elektronikarchitekturen als schwer beherrschbar galten und Over-the-Air-Updates nur eingeschränkt ermöglichten. Die Lösung sollte externe Kompetenz bringen.

Milliardeninvestition und internationale Abhängigkeiten in puncto Software-Entwicklung

Dafür investiert Volkswagen bis Anfang 2028 rund sechs Milliarden US-Dollar (ca. fünf Mrd. Euro) in das Rivian-Projekt, unter anderem über Darlehen, Beteiligungen und den Aufbau des Joint Ventures. Inzwischen hält der Konzern etwa zwölf Prozent an Rivian. Parallel verfolgt Volkswagen in China Kooperationen mit mehreren Softwarepartnern, darunter XPeng, wo die Integration laut Konzernführung reibungsloser verläuft.

Abseits der Vorstandsebene ist die Stimmung jedoch deutlich vorsichtiger. Entwicklungsabteilungen berichten von funktionalen Lücken und Verzögerungen. Zwar akzeptieren viele Ingenieur:innen inzwischen, dass Rivian keine Software für Verbrennerautos liefert. Doch auch im Elektrobereich bleiben Erwartungen unerfüllt. Interne Stimmen rechnen mit weiteren Zeitverschiebungen, vor allem weil einzelne Softwarepakete später eintreffen als geplant.

Für neue Modelle mit Verbrennungsmotor zieht der Konzern bereits Konsequenzen. Eine ursprünglich diskutierte Erweiterung der Rivian-Software wird verworfen. Stattdessen soll eine interne Einheit aus Marken und der Softwaretochter Cariad bis 2030 eigene Lösungen entwickeln. Größere Updates müssten damit weiterhin in Werkstätten erfolgen, was Kosten und Komplexität erhöht. Die Belegschaft von Cariad wurde bereits deutlich reduziert, während gleichzeitig zusätzliche Aufgaben entstehen.

Bei reinen Elektroautos ist die Abhängigkeit vom Joint Venture größer. Die Rivian-Architektur bildet die Basis für den ID.1 sowie spätere Modelle wie den Audi Q8 e-tron. Eine Ausweichlösung existiert bewusst nicht. Sollte die Software nicht rechtzeitig einsatzbereit sein, wäre das gesamte Projekt gefährdet. Entsprechend vorsichtig fallen aktuelle Wintertests aus, die zunächst auf abgesperrten Strecken stattfinden.

Unterschiedliche Softwarekulturen als Reibungspunkt zwischen USA und Deutschland

Zusätzliche Spannungen entstehen durch unterschiedliche technische Philosophien. Rivian entwickelt stark für den US-Markt, mit einfacheren Funktionslogiken und weniger detaillierten Nachweisen. Volkswagen-Ingenieure kritisieren unter anderem reduzierte Regelstrategien bei Antrieb und Klimatisierung. Die Folge ist ein pragmatischer Ansatz: fehlende Funktionen werden intern ergänzt, andere Anforderungen angepasst.

Besonders kritisch ist die Lage bei Audi. Interne Prüfungen der Verträge zeigten, dass Rivian formal liefert, was vereinbart wurde, der definierte Reifegrad jedoch geringer ausfällt als erwartet. Um Klarheit zu schaffen, setzte Audi eine Taskforce unter Leitung von Christian Knigge ein. Ziel ist es, genau zu bestimmen, welche Nacharbeiten nötig sind, um Audi-typische Fahrdynamik und Assistenzsysteme zu erreichen. Ob das Zusammenspiel mit der Rivian-Architektur rechtzeitig gelingt, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.

Quelle: Manager-Magazin – Warum bei VW die Angst vor einem Software-Crash wächst

worthy pixel img
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Rivian News Elektroautos

Rivian bereitet Markteinführung des R2 im ersten Halbjahr vor

Rivian bereitet Markteinführung des R2 im ersten Halbjahr vor

Laura Horst  —  

Rivian hat mit der Vorserienproduktion des R2 begonnen. Der vollelektrische Mittelklasse-SUV soll planmäßig in der ersten Jahreshälfte auf den Markt kommen.

Wie Rivian in seinen E-Autos und darüber hinaus KI einsetzt

Wie Rivian in seinen E-Autos und darüber hinaus KI einsetzt

Michael Neißendorfer  —  

Rivian stellt einen eigenen KI-Chip, neue Autonomie-Software und ein Abo-Modell vor. Ab 2026 soll der R2 mit Lidar und Level-4-Perspektive starten.

Fortschritte bei Rivian-VW-Allianz nach einem Jahr

Fortschritte bei Rivian-VW-Allianz nach einem Jahr

Sebastian Henßler  —  

Der VW ID.1 soll 2027 als erstes Serienauto mit der neuen VW-Rivian SDV Architektur kommen. Prototypen werden seit Sommer 2025 in Kalifornien erprobt.

Rivian-CEO erhält Vergütung von bis zu 4,6 Milliarden Dollar

Rivian-CEO erhält Vergütung von bis zu 4,6 Milliarden Dollar

Laura Horst  —  

Rivian bietet Unternehmensgründer und CEO RJ Scaringe ein Vergütungspaket in Höhe von bis zu 4,6 Milliarden Dollar an und folgt damit dem Beispiel von Tesla.

Rivian entlässt mehr als 600 Angestellte

Rivian entlässt mehr als 600 Angestellte

Maria Glaser  —  

Der US-Hersteller für Elektroautos plant kurz vor der Markteinführung des R2 die Entlassung von knapp 4,5 Prozent der gesamten Belegschaft.

Rivian R2 kommt wohl erst 2027 nach Deutschland

Rivian R2 kommt wohl erst 2027 nach Deutschland

Sebastian Henßler  —  

Rivian ordnet den Europa-Start: Der R2 ist laut deutscher Website „verfügbar ab 2027“, in den USA heißt es „Coming 2026“. 4,72 m Länge zielen aufs Model Y.