Der Streit um die Zukunft von vier deutschen Volkswagen-Werken spitzt sich vor der Aufsichtsratssitzung am 4. September auf eine konkrete Frage zu: Welcher Standort baut künftig welches Elektroauto? Nach einem Bericht der Wirtschaftswoche hat sich der Vorstand um Konzernchef Oliver Blume einstimmig auf eine Schließung der Werke Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm verständigt, sollten die bereits 2024 und 2025 vereinbarten Kostenziele nicht erreicht werden. Wie greifbar diese Debatte inzwischen ist, zeigt sich am Beispiel des Audi Q4 e-tron.
Im Werk Neckarsulm bringt der Betriebsrat das SUV als mögliches Zukunftsmodell ins Spiel, obwohl es aktuell im ebenfalls gefährdeten VW-Werk Zwickau gefertigt wird. „Wenn wir an Autos unserer Marke denken, ist konkret der Audi Q4 eine Option“, sagte Betriebsratschef Alexander Reinhart der Automobilwoche und räumte zugleich ein, dass eine Verlagerung nicht konfliktfrei wäre.
In Neckarsulm laufen derzeit die Verbrenner-Modelle A5 und A6 vom Band, die Produktion des A8 endet noch in diesem Jahr. Eine zugesagte Nachfolge fehlt bislang, vor allem ein elektrisches Volumenmodell. Die Auslastung liegt nach Angaben Reinharts bei rund 75 Prozent der maximalen Jahreskapazität von 225.000 Einheiten. Vertraglich ist der Standort bis 2033 gesichert, weshalb Reinhart im Q4 ebenso wie in einem möglichen A8-Nachfolger und der Kleinserie des elektrischen Sportwagens Concept C Bausteine einer tragfähigen Perspektive sah.
Zwickau wiederum steht unter den vier bedrohten Standorten kostenseitig vergleichsweise gut da. Aktuell entstehen dort neben dem Q4 auch der ID.3 und der Cupra Born, ab 2027 bliebe nach bisherigen Planungen jedoch nur noch das Audi-SUV übrig. Geprüft wird zudem, in Sachsen künftig in China entwickelte VW-Modelle zu bauen. Der Standort ist bis 2030 gesichert, für Emden gilt dasselbe Jahr, für Hannover das Jahr 2031.
Für Emden und das Nutzfahrzeugwerk Hannover bringt der Vorstand als Alternative zur Schließung auch eine zeitweise Rüstungsproduktion ins Gespräch. Hannovers Betriebsratschef Stavros Christidis forderte dagegen, den Transporter wie vertraglich vereinbart nach 2031 wieder am Standort zu bauen. IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger verlangte tragfähige Perspektiven über das Jahr 2030 hinaus und kündigte Widerstand an, sollte der Vorstand am bisherigen Kurs festhalten.
Wie teuer der Kostennachteil wirklich ist
Finanzvorstand Arno Antlitz bezifferte den wirtschaftlichen Druck hinter den Plänen bei einer Sonderbetriebsversammlung in Hannover. Ohne Anpassung entstehe dort dauerhaft ein Kostennachteil von rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr, die Fabrikkosten lägen trotz Verbesserungen weiterhin deutlich über jenen anderer europäischer Werke. Konzernweit will Volkswagen die Kapazitäten von zwölf auf neun Millionen Autos pro Jahr senken, europaweit sollen dabei Kapazitäten für etwa 500.000 Fahrzeuge wegfallen. Mittelfristig strebt der Vorstand eine Umsatzrendite von neun Prozent an, die nach eigener Einschätzung das Überleben des Konzerns sichern soll.
Der Kapazitätsabbau trifft auf einen bereits laufenden Stellenabbau. 2024 und 2025 wurde der sozialverträgliche Abbau von 50.000 Stellen bei VW, Audi und Porsche vereinbart. Auf Betriebsversammlungen Ende August sprach Blume zusätzlich von 25.000 weiteren Jobs, die in Deutschland wegfallen sollen, dieselbe Zahl soll im Ausland folgen.
IG-Metall-Chefin Christiane Benner warf Blume gegenüber der Augsburger Allgemeinen einen großen Fehler vor. Werke anzuzählen, gleichzeitig 50.000 weitere Arbeitsplätze zur Disposition zu stellen und dabei eine Steigerung der Umsatzrendite von zuletzt 3,8 auf acht bis zehn Prozent bis 2030 zu fordern, passe nicht zusammen, sagte die Gewerkschafterin. Eine Ende 2024 unterschriebene Vereinbarung verpflichte den Vorstand dazu, die vier Standorte zu erhalten. Für die zugesagten Perspektiven hätten die Beschäftigten bereits auf Geld verzichtet, fügte sie hinzu.
Zur wirtschaftlichen Bedeutung der Standorte verwies Benner auf konkrete Zahlen: An Emden hingen rund 30.000 Arbeitsplätze in Ostfriesland, in Ostdeutschland sei jede vierte Stelle von der Autoindustrie abhängig. Die Kommunikationspolitik des Vorstands machte sie zudem für Verunsicherung unter den Mitarbeiter:innen verantwortlich, da bei vielen der Eindruck entstanden sei, es gehe um einen Abbau von bis zu 100.000 statt der vereinbarten 50.000 Stellen. Benner forderte zudem Ausstiegsmodelle wie Altersteilzeit sowie eine europäische Zollpolitik gegen günstige chinesische Importe.
Politischer Druck wächst vor der Entscheidung
Auch auf kommunaler Ebene wächst der Druck. Die Initiative „Bürgermeister für einen starken Automobilstandort“ rund um die Oberbürgermeister Frank Nopper aus Stuttgart, Dennis Weilmann aus Wolfsburg, Simon Blümcke aus Friedrichshafen und Uwe Conradt aus Saarbrücken wandte sich mit einem erweiterten Forderungskatalog an Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und bot ein persönliches Gespräch an. Zentral ist die Forderung nach schnelleren politischen Entscheidungen, insbesondere beim europäischen Automotive Package, das aus Sicht der Initiative nicht erst im ersten Quartal 2027 final verhandelt werden dürfe.
Neckarsulms Oberbürgermeister Steffen Hertwig machte die Dringlichkeit für den eigenen Standort deutlich: „Die Standortentscheidungen für die Zukunft werden heute getroffen. Wir brauchen deshalb jetzt Klarheit darüber, welche Produkte, Technologien und Investitionen künftig in Neckarsulm stattfinden sollen.“ Es reiche nicht aus, den Standort langfristig offenzuhalten, es brauche konkrete Investitionen und neue Wertschöpfung, betonte er weiter.
Bereits im Juli war der Vorstand mit seinem Sanierungskonzept am gemeinsamen Votum der Arbeitnehmerseite mit zehn Stimmen und des Landes Niedersachsen mit zwei Stimmen gescheitert. Zur Sitzung am 4. September will das Gremium sein Konzept im Kern erneut vorlegen, zeigt sich bei einzelnen Punkten aber kompromissbereit. So könnten die Ausgliederung von Komponenten und eine stärkere Eigenständigkeit der Kernmarke VW nach dem Vorbild von Audi zunächst aus dem Paket herausgenommen und später verhandelt werden. Ministerpräsident Olaf Lies will parallel einen eigenen Zukunftsplan einbringen, ebenso die Arbeitnehmerseite, wobei die niedersächsischen Kommunalwahlen am 13. September dem Vorhaben zusätzlichen politischen Nachdruck verleihen dürften.
Findet der Vorstand auch diesmal keine Mehrheit, gilt die Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung als wahrscheinlichste Option, über die dann die Aktionär:innen entscheiden würden. Die Kapitalseite um die Familien Porsche und Piëch, die über die Porsche SE 53,3 Prozent der Stimmrechte halten, sowie das mit 17 Prozent beteiligte Emirat Katar unterstützt den Kurs des Vorstands. Einzig das Land Niedersachsen, das 20 Prozent der Anteile hält, lehnt Werksschließungen ab. Blume kündigte an, innerhalb der kommenden sechs bis zwölf Monate belastbare Perspektiven für alle vier Standorte erarbeiten zu wollen.
Quellen: Automobilwoche – „Dann knallt es endgültig”: Volkswagen droht am Freitag ein Eklat / Zeit.de – Volkswagen sieht keine wirtschaftliche Perspektive für Werk Hannover / Automobilwoche – Exklusiv: Bedrohte Werke – Audi-Betriebsrat bringt Q4 e-tron für Neckarsulm ins Spiel / Neckarsulm.de – „Die Standortentscheidungen fallen jetzt“ – Automobilstädte legen neue Agenda vor und fordern Bundesregierung zum Handeln auf / SpringerProfessional – IG-Metall-Chefin wirft Blume „großen Fehler“ vor









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