Panzer statt Pkw: Automobil-Ingenieure finden neue Jobs in der Rüstungsindustrie

Panzer statt Pkw: Automobil-Ingenieure finden neue Jobs in der Rüstungsindustrie
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Wolfgang Gomoll
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Die Verbindung zwischen Rüstungs- und Automobilindustrie besteht schon länger. Ein Porsche-Ingenieur erzählte einmal, eine Anekdote, wie er in jungen Jahren an der Entwicklung des Kampfpanzers Leopard 2 beteiligt war. „Als echter Sportwageningenieur habe ich Alupedale eingebaut.“ Bei der Präsentation des Panzers, die in einem Backsteingebäude stattfand, geschah schließlich das Unvermeidliche. Der Leo ruckte an, der Fahrer stieg panisch auf die Bremse – und das Pedal brach. Ergebnis: „Man hat die Umrisse des Panzers durch das Loch in der Wand erkannt“, lachte der Techniker. Was sich nach einem Mr.-Bean-Slapstick anhört, könnte bald schon wieder Realität werden.

Denn während die deutsche Automobilindustrie in der Krise steckt, streichen Rüstungskonzerne wie Rheinmetall satte Gewinne ein. Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI steigerten die 100 größten Rüstungskonzerne der Welt ihre Umsätze im Jahr 2024 preisbereinigt um 5,9 Prozent auf den Rekordwert von 679 Milliarden US-Dollar. Getrieben wird dieser Anstieg von den Kriegen in der Ukraine und im Gazastreifen sowie von generell höheren Verteidigungsausgaben vieler Staaten.

Besonders dynamisch ist der Aufschwung in Europa. Die vier deutschen Konzerne in der SIPRI-Top-100, darunter Rheinmetall, Diehl, Hensoldt und Thyssenkrupp Marine Systems, steigerten ihre Rüstungsumsätze im Jahr 2024 zusammen um 36 Prozent auf 14,9 Milliarden US-Dollar. Der größte Profiteur ist Rheinmetall: Der Konzern legte laut SIPRI um 47 Prozent auf rund 8,2 Milliarden US-Dollar zu und kletterte in der weltweiten Rangliste auf Platz 20.

Rüstungskonzerne nehmen Techniker und Ingenieure mit offenen Armen auf

Eine Entspannung der geopolitischen Lage ist nicht in Sicht. Daher nehmen die Rüstungskonzerne Techniker und Ingenieure mit offenen Armen auf. Für die Betroffenen ist dies eine Win-Win-Situation. Sie nehmen die Abfindungsprogramme des Arbeitgebers an, haben aber schon längst einen neuen Vertrag in der Tasche. Wenn heute ein Maschinenbauingenieur seinen Vertrag verliert, landet seine Bewerbung immer öfter nicht mehr bei BMW, Volkswagen oder Bosch, sondern bei Rheinmetall, Hensoldt oder KNDS. „Die Rüstungsindustrie wird zum Auffangbecken für Zehntausende Beschäftigte, die ihren Arbeitsplatz in der Autoindustrie verlieren“, erklärt Harald Müller, Geschäftsführer der Bonner Wirtschafts-Akademie (BWA), die Tausende solcher qualifizierten Arbeitskräfte in Transfergesellschaften betreut.

Das Beratungsunternehmen liefert auch gleich eine Schätzung, in welchen Dimensionen sich der Exodus bewegt: Während in der Automobil- und Zuliefererbranche 2026/27 über 50.000 und möglicherweise sogar über 100.000 Stellen wegfallen könnten, würden im gleichen Zeitraum neue Arbeitsplätze in einer ähnlichen Größenordnung in der Rüstungsindustrie geschaffen. Vor allem in der Produktion und im IT-Sektor suchen die Rüstungsunternehmen nach gut ausgebildeten Fachkräften.

Das Statistische Bundesamt untermauert den Personalschwund mit Fakten: In der deutschen Autoindustrie arbeiteten zum Ende des dritten Quartals 2025 rund 48.700 Menschen weniger als ein Jahr zuvor. Dies entspricht einem Rückgang um 6,3 Prozent und ist der stärkste Einbruch unter allen großen Industriebranchen mit mehr als 200.000 Angestellten. Die Zahl der Beschäftigten sank auf 721.400 und damit auf den niedrigsten Stand seit Ende des zweiten Quartals 2011, als zuletzt 718.000 Menschen in der Branche arbeiteten. Besonders hart trifft es die Zulieferer: Bei den Herstellern von Kraftwagen und Kraftwagenmotoren nahm die Beschäftigung binnen Jahresfrist um 3,8 Prozent auf 446.800 ab, bei Karosserie-, Aufbau- und Anhängerherstellern um 4,0 Prozent auf 39.200. Am stärksten ist der Einbruch im Bereich Teile und Zubehör für Kraftwagen, wo die Zahl der Erwerbstätigen um 11,1 Prozent auf knapp 235.400 zurückging.

Damit ist das Ende des Personalabbaus in der Automobilindustrie noch nicht erreicht. Große Konzerne arbeiten sich durch langfristige Sparprogramme: Volkswagen will bis 2030 mehr als 35.000 Stellen in Deutschland sozialverträglich abbauen. Bosch plant angeblich im gleichen Zeitraum in seiner Mobilitätssparte rund 22.000 Stellen in Deutschland zu streichen. ZF Friedrichshafen rechnet bis 2028 mit dem Abbau von bis zu 14.000 Arbeitsplätzen in Deutschland, weitere Tausende Stellen stehen in der Antriebssparte („Division E“) bis 2030 zur Disposition. Hinzu kommen Werksschließungen wie etwa beim Zulieferer Schaeffler in Steinhagen bis Ende des nächsten Jahres.

Doch das Reservoir an Fachkräften der Autobauer ist endlich und die Rüstungskonzerne könnten bald nicht mehr aus dem Vollen schöpfen. „Die BWA rechnet anhand einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vor: Sollten die Verteidigungsausgaben Deutschlands tatsächlich auf rund drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen, entstünde laut der IAB-Simulation ein Potenzial von bis zu 200.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen in Deutschland. Die BWA schätzt, dass ein großer Teil davon in der Wehrtechnik anfallen könnte.“

Das sind gute Nachrichten für den Wirtschaftsstandort Deutschland, aber nicht für die Autobauer. Denn die besten Ingenieure werden bei einem lukrativen Angebot aus der Rüstungsindustrie zugreifen, um auf der sicheren Seite zu sein. Damit droht den deutschen Autobauern ein Know-how-Aderlass, der gerade im bevorstehenden Kampf gegen die chinesischen Konkurrenten fatale Auswirkungen haben könnte.

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Wolfgang Gomoll beschäftigt sich mit dem Thema Elektromobilität und Elektroautos und verfasst für press:inform spannende Einblicke aus der E-Szene. Auf Elektroauto-News.net teilt er diese mit uns. Teils exklusiv!

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