„Verbrenner-Aus“ der EU: Einigung rückt in weite Ferne

„Verbrenner-Aus“ der EU: Einigung rückt in weite Ferne
Copyright:

Shutterstock / 253692781

Daniel Krenzer
Daniel Krenzer
  —  Lesedauer 3 min

Der Streit um das sogenannte Verbrenner-Aus in Europa (das defacto mit Blick auf in Kauf genommene Strafzahlungen und E-Fuels als Hintertür nie eines war) dürfte die Automobilbranche noch lange beschäftigen, Klarheit ist weiterhin nicht in Sicht. Wie die Automobilwoche berichtet, sind die Chancen auf eine politische Einigung über die künftigen Regeln für Verbrennungsmotoren noch in diesem Jahr gering. Hintergrund ist der anhaltende Konflikt zwischen EU-Kommission, Mitgliedstaaten, Automobilindustrie und verschiedenen Fraktionen im Europaparlament.

Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die die europäische Automobilpolitik seit Monaten prägt: Statt klarer Leitplanken herrscht zunehmend Unsicherheit. Zwar hatte die EU ursprünglich beschlossen, ab 2035 nur noch CO₂-freie Neuwagen zuzulassen. Doch inzwischen wird intensiv über Ausnahmen, neue Fahrzeugkategorien und alternative Kraftstoffe diskutiert. Die EU-Kommission selbst war Ende 2025 bereits von der ursprünglich vorgesehenen 100-Prozent-Regel abgerückt und stellte nur noch eine Reduktion um 90 Prozent in Aussicht.

Vor allem die EVP drängt inzwischen auf deutlich weitergehende Lockerungen. Laut einem Berichtsentwurf sollen künftig auch Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor als emissionsfrei gelten können, sofern sie ausschließlich mit bestimmten erneuerbaren Kraftstoffen betrieben werden. Zudem sollen Plug-in-Hybride und sogenannte „Super-Credits“ für kleine Elektroautos stärker berücksichtigt werden.

Unterschiedliche Meinungen und Strömungen

Bereits Anfang Februar gab es Widerstand gegen strengere EU-Flottenquoten. Damals stand besonders die Sorge der Branche im Mittelpunkt, dass verschärfte Vorgaben für Dienstwagen- und Mietwagenflotten faktisch schon ab 2030 zu einem schnellen Rückgang klassischer Verbrenner führen könnten. Hinzu kommt der zunehmende Druck aus Teilen der Industrie und Gewerkschaften. Selbst die IG Metall fordert mittlerweile zusätzliche Flexibilität und längere Übergangsfristen. Gewerkschaftschefin Christiane Benner verwies zuletzt ausdrücklich auf die schwierige Lage vieler Zulieferer und sprach sich für bessere Marktchancen von Plug-in-Hybriden und Range-Extender-Konzepten aus.

Gleichzeitig wächst aber auch die Kritik an der politischen Kehrtwende. Mehrere Ökonomen warnten zuletzt davor, das ursprünglich geplante Ende des Verbrennungsmotors immer weiter aufzuweichen. Sie argumentieren, dass dies weder die strukturellen Probleme der europäischen Automobilindustrie löse noch langfristig Arbeitsplätze sichere. Vielmehr drohten widersprüchliche Signale an Hersteller, die bereits Milliarden in Elektromobilität, Batterieentwicklung und neue Plattformen investiert haben.

Zögern könnte zum erheblichen Nachteil werden

Tatsächlich zeigt sich immer deutlicher ein Grundproblem der aktuellen Debatte: Während Europa politisch noch über Ausnahmen, E-Fuels und Definitionen ringt, entwickelt sich der Markt längst weiter. Viele Automobilhersteller investieren inzwischen kaum noch in komplett neue Verbrennerplattformen, auch wenn sich das manche Kräfte sicher wünschen würden. Gleichzeitig steigt der Anteil von Elektroautos in zahlreichen europäischen Märkten deutlich schneller als noch vor wenigen Jahren erwartet. Selbst Kritiker eines eher starren Verbrenner-Aus räumen inzwischen ein, dass batterieelektrische Fahrzeuge in vielen Segmenten wirtschaftlich zunehmend die attraktivere Lösung werden, und das gilt zunehmend auch für Nutzfahrzeuge bis hin zu schweren Lkw.

Für Verbraucher, Industrie und Investoren bleibt die Lage dennoch unerquicklich. Denn unabhängig davon, ob das Verbrenner-Aus am Ende gelockert, verschoben oder mit Sonderregeln versehen wird: Planungssicherheit entsteht so kaum. Genau diese Unsicherheit aber gilt inzwischen als eines der größten Probleme der europäischen Automobilindustrie im internationalen Wettbewerb.

Quelle: Automobilwoche – Verbrenner-Aus: Kaum Chancen auf Einigung in diesem Jahr

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Daniel Krenzer

Daniel Krenzer

Daniel Krenzer ist als studierter Verkehrsgeograf und gelernter Redakteur seit mehr als zehn Jahren auch als journalistischer Autotester mit Fokus auf alternative Antriebe aktiv und hat sich zudem 2022 zum IHK-zertifizierten Berater für E-Mobilität und alternative Antriebe ausbilden lassen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Automobilindustrie

Exklusiv: Wie Alpitronic seine Hypercharger vor Hackern schützt

Exklusiv: Wie Alpitronic seine Hypercharger vor Hackern schützt

Sebastian Henßler  —  

Alpitronic lässt seine Ladesäulen hacken – ohne Grenzen und mit KI-Unterstützung. Was dahintersteckt, zeigt ein exklusiver Besuch im Cybersecurity-Labor.

Was steckt hinter Alpitronics Testlabor? Wir waren vor Ort

Was steckt hinter Alpitronics Testlabor? Wir waren vor Ort

Sebastian Henßler  —  

Wie macht man einen Hypercharger fit für Norwegen, Arizona und die Türkei? Die Antwort liegt im Bozner R&D-Zentrum von Alpitronic.

Neues Buch rechnet mit Fehlern der Autoindustrie ab

Neues Buch rechnet mit Fehlern der Autoindustrie ab

Daniel Krenzer  —  

Thomas Sedran und Harald Hamprecht analysieren in ihrem Buch die Krise der deutschen Autoindustrie – und sehen das Problem vor allem im jahrelangen Zögern.

Exklusiv: So produziert Europas größter Ladesäulenhersteller Alpitronic

Exklusiv: So produziert Europas größter Ladesäulenhersteller Alpitronic

Sebastian Henßler  —  

Europas Schnellladeinfrastruktur kommt zu einem großen Teil aus Bozen. Wir waren vor Ort und haben uns angeschaut, wie Alpitronic seine Hypercharger produziert.

Neue E-Auto-Prämie: Knapp 42.000 Anträge in zwei Wochen

Neue E-Auto-Prämie: Knapp 42.000 Anträge in zwei Wochen

Tobias Stahl  —  

Zwei Wochen nach dem Start der neuen E-Auto-Prämie liegen dem Umweltministerium knapp 42.000 Anträge vor – die überwiegende Mehrheit entfällt auf reine E-Autos.

Plug-in-Hybride: CO2-Betrug im Megatonnen-Maßstab

Plug-in-Hybride: CO2-Betrug im Megatonnen-Maßstab

Michael Neißendorfer  —  

Plug-in-Hybride stoßen fünfmal mehr CO2 aus, als offiziell laut WLTP-Messung angegeben. Die Auswirkungen auf die Klimabilanz sind enorm.