Die Debatte um das sogenannte „Verbrenner-Aus“ in Europa nimmt erneut Fahrt auf. Nachdem die EU-Kommission der Autoindustrie bei den CO₂-Flottengrenzwerten bereits entgegenkommen will, fordern konservative Kräfte wie die EVP nun offenbar noch weitergehende Lockerungen und bemühen sich dafür um politische Mehrheiten. Einem Bericht der Automobilwoche zufolge geht es dabei unter anderem um zusätzliche Spielräume bei Emissionszielen, Plug-in-Hybriden und E-Fuels.
Konkret drängt die konservative EVP-Fraktion im Europaparlament auf deutlich weitergehende Lockerungen als bislang von der EU-Kommission vorgeschlagen. Laut einem Entwurf, über den unter anderem auch das Handelsblatt berichtet, sollen Hersteller Mehremissionen künftig einfacher verrechnen können, ohne diese vollständig kompensieren zu müssen. Zudem setzt sich die EVP für eine stärkere Berücksichtigung von Plug-in-Hybriden und Range-Extendern ein. Fahrzeuge mit alternativen und synthetischen Kraftstoffen – sogenannten E-Fuels oder HVO – sollen möglichst dauerhaft als klimaneutrale Neuwagen gelten und somit auch nach 2035 zugelassen bleiben können.
EVP-Chef Manfred Weber mit politischer Heimat in der CSU hatte bereits im vergangenen Jahr angekündigt, das „Aus vom Verbrenner-Aus“ erreichen zu wollen. Im Raum steht inzwischen eine generelle Absenkung der CO₂-Reduktionsvorgaben von bislang faktisch 100 auf nur noch 90 Prozent – womit klassische Verbrenner über Umwege dauerhaft im Markt bleiben könnten. Vor allem dann, wenn an einer allzu großzügigen WLTP-Berechnung für Plug-in-Hybride festgehalten werden sollte.
Automobilindustrie in der Frage gespalten
Dabei entsteht in Teilen der Berichterstattung der Eindruck, als würde „die Industrie“ geschlossen hinter solchen Forderungen stehen. Ganz so eindeutig ist die Lage allerdings nicht. Zwar begrüßt der Verband der Automobilindustrie (VDA) mit seiner Präsidentin Hildegard Müller den entsprechenden Vorstoß. Eine aktuelle Befragung von Führungskräften aus der Automobilbranche zeigt vielmehr, dass ein Großteil der Unternehmen weiterhin hinter dem europäischen Kurs zur Elektrifizierung steht – und Lockerungen beim Verbrenner-Aus kritisch sieht. Besonders Hersteller und Zulieferer, die bereits massiv in Elektromobilität investiert haben, warnen demnach vor einem erneuten Aufweichen der Regeln.
Das überrascht nicht: Viele Unternehmen haben längst Milliarden in Batteriefabriken, neue Elektroplattformen und Software investiert. Gleichzeitig steigen die Marktanteile reiner Elektroautos in Europa weiter deutlich an. Allein in Deutschland lag der Anteil reiner Elektroautos im April laut Kraftfahrtbundesamt bereits bei 25,8 Prozent – Tendenz steigend. Benziner und Diesel verlieren dagegen spürbar Marktanteile.
Hinzu kommt, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zunehmend zugunsten der Elektromobilität verschieben. Hohe Kraftstoffpreise, sinkende Batteriepreise und neue Förderprogramme verändern den Markt. Nicht mehr nur Studien, auch immer mehr Verbraucher sehen E-Autos inzwischen selbst ohne Subventionen langfristig als kostengünstigere Alternative.
Unsicherheit und Zögern helfen vor allem China
Kritiker weiterer Lockerungen warnen deshalb vor einem gefährlichen Signal. Denn je häufiger politische Ziele infrage gestellt oder verschoben werden, desto größer wird die Unsicherheit für Hersteller, Zulieferer und Investoren. Gerade Unternehmen, die früh auf Elektromobilität gesetzt haben, könnten dadurch ausgebremst werden. Bereits im vergangenen Jahr wurde aus der Branche darauf hingewiesen, dass ständiges „Rütteln“ am Verbrenner-Aus wirtschaftlich kontraproduktiv sei und zudem Wettbewerbsnachteile gegenüber der wachsenden Konkurrenz vor allem aus China verursache.
Gleichzeitig bleibt die gesellschaftliche Debatte komplex. Während viele Bürger dem geplanten Ende neuer Verbrenner skeptisch gegenüberstehen, wächst parallel das Interesse an Elektroautos weiter. Umfragen zeigen zuletzt eine deutlich steigende Akzeptanz von E-Autos in Deutschland.
Am Ende wird der Großteil dieser ganzen hitzigen Diskussionen aber voraussichtlich irrelevant sein. Die Transformation der Autoindustrie ist längst in vollem Gange – unabhängig davon, wie intensiv derzeit noch über Ausnahmen, Übergangsfristen oder E-Fuels diskutiert wird. Die entscheidende Frage dürfte daher weniger sein, ob die Elektrifizierung kommt, sondern ob die politischen Rahmenbedingungen das Tempo ausbremsen und somit womöglich Teile des Industriestandorts zusätzlich gefährden.
Quelle: Automobilwoche – Verbrenner-Aus: EVP will noch mehr lockern – und sorgt für Ärger; Handelsblatt – EVP-Fraktion will Verbrenner-Aus noch stärker aufweichen









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