Deutschlands öffentliches Ladenetz wächst kräftig, dennoch sieht der Verband der Automobilindustrie (VDA) weiterhin erheblichen Nachholbedarf. Das aktuelle Ladenetzranking zeigt deutliche regionale Unterschiede und zahlreiche Gemeinden ohne öffentliche Lademöglichkeit. Doch die Zahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Denn die vorhandene Infrastruktur ist bislang ausgesprochen gering ausgelastet.
Zum 1. Juli 2026 registrierte die Bundesnetzagentur bundesweit 211.025 öffentliche Ladepunkte, darunter 55.011 Schnellladepunkte. Innerhalb eines Jahres kamen 38.875 Ladepunkte hinzu, davon 14.234 Schnellladepunkte. Besonders dynamisch entwickelte sich das HPC-Angebot mit Ladeleistungen ab 150 Kilowatt: Deutschlandweit gibt es inzwischen 40.320 solcher Ladepunkte.
Gleichzeitig stieg der Bestand an Elektroautos und Plug-in-Hybriden um rund 715.000 auf knapp 3,6 Millionen Fahrzeuge. Damit kommen statistisch 17 Fahrzeuge auf einen öffentlichen Ladepunkt, nach 16,7 im Vorjahr. Der Ausbau hält mit dem Fahrzeugbestand also ungefähr Schritt. Beim Schnellladen verbesserte sich das Verhältnis sogar von 71 auf 65 Fahrzeuge je Ladepunkt.
Heilbronn verteidigt Spitzenplatz, Thüringen führt beim Schnellladen
Das günstigste Verhältnis zwischen Fahrzeugbestand und öffentlichen Ladepunkten bietet erneut Heilbronn mit 5,7 Fahrzeugen je Ladepunkt. Dahinter folgen Emden mit 6,4 und der Landkreis Vorpommern-Rügen mit rund 6,6. Die detaillierten Rankings zeigen weitere regionale Spitzenreiter: In Bayern liegen zum Beispiel Regensburg (7,1), Passau (7,3) und Fürth (8,2) vorne.
Unter den Bundesländern führt Mecklenburg-Vorpommern mit 11,5 Fahrzeugen je Ladepunkt vor Berlin und Thüringen. Allerdings weist der VDA darauf hin, dass der vergleichsweise geringe Elektrofahrzeugbestand in Ostdeutschland die Ergebnisse begünstigt. Beim Schnellladen belegt der thüringische Saale-Orla-Kreis mit lediglich 11,2 Fahrzeugen je Schnellladepunkt bundesweit Platz eins. Es folgen Nordhausen (16,9) und Zweibrücken (17,1). Absolut entstanden in Hamburg die meisten neuen öffentlichen Ladepunkte (2165), während Duisburg mit einem Zuwachs von 43 Prozent besonders dynamisch ausbaute.
Nicht jede Gemeinde braucht eine eigene Ladesäule
VDA-Präsidentin Hildegard Müller spricht angesichts der Ergebnisse von „Licht und Schatten“. Insbesondere kritisiert der Verband, dass 30 Prozent der Gemeinden mit mindestens 500 Einwohnern keinen öffentlichen Ladepunkt besitzen. In 61 Prozent fehlt ein Schnellladepunkt. Diese Zahlen bedürfen allerdings einer differenzierten Betrachtung. In Deutschland gibt es zahlreiche kleine, ländliche Gemeinden, in denen der Großteil der Haushalte über eigene Stellplätze verfügen und vergleichsweise unkompliziert eine Wallbox installieren können. Der Bedarf an öffentlichen AC-Ladepunkten dürfte dort entsprechend gering sein.
Hinzu kommt: Wer zum Einkaufen, Arbeiten oder für andere Erledigungen ohnehin in den Nachbarort fährt, kann dort laden. Ein gut gelegener Schnellladepark kann mehrere Gemeinden versorgen. Entscheidend ist deshalb weniger, ob jede Gemeinde einen eigenen Ladepunkt besitzt, sondern ob die Menschen ein bedarfsgerechtes Angebot gut erreichen können. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) verwies darauf, dass in den 58 Prozent der Gemeinden mit öffentlicher Ladeinfrastruktur 95 Prozent der Bevölkerung leben. Zum Vergleich: Nur 42 Prozent der Gemeinden besitzen überhaupt eine Tankstelle.
Anders sieht es in dicht besiedelten Wohngebieten aus, in denen Menschen ohne eigene Stellplätze auf öffentliche Ladeangebote angewiesen sind. Hier können wohnortnahe AC-Ladepunkte oder geeignete Schnellladeangebote tatsächlich fehlen – auch wenn die Großstadt schon mit ein paar wenigen Ladepunkten ausgestattet sein sollte. Die Kritik des VDA geht also teilweise an der Lebenswirklichkeit von E-Auto-Fahrenden vorbei.
Zwölf Prozent Belegung zeigen erhebliche Reserven
Ein wesentlicher Aspekt bleibt im VDA-Ranking zudem unberücksichtigt: die tatsächliche Nutzung. Laut BDEW waren öffentliche Ladepunkte 2025 durchschnittlich nur zu zwölf Prozent gleichzeitig belegt. Die Infrastruktur ist damit deutschlandweit derzeit erheblich großzügiger dimensioniert, als es die aktuelle Nachfrage erfordert. Zudem übertrifft Deutschland bereits die europäischen Ausbauvorgaben deutlich. Natürlich kommt es dennoch an einzelnen Standorten schon heute in Stoßzeiten zu Wartezeiten, weil alle Ladepunkte belegt sind. Der nächste freie (dann aber oft teurere) Ladepunkt ist aber in der Regel selbst dann nicht weit.
Auch die reine Zahl der Ladepunkte sagt wenig über ihre Leistungsfähigkeit aus. Ein HPC-Ladepunkt kann innerhalb einer Stunde deutlich mehr Energie bereitstellen und Fahrzeuge versorgen als ein gewöhnlicher AC-Anschluss. Die zunehmende Verbreitung leistungsstarker Schnelllader verbessert das Angebot deshalb stärker, als die reine Anzahl vermuten lässt. Dass der VDA zudem batterieelektrische Fahrzeuge und Plug-in-Hybride gemeinsam zählt, erschwert die Bewertung zusätzlich: Beide Fahrzeuggruppen unterscheiden sich erheblich in ihrem Ladeverhalten.
Ausbau muss dem Markthochlauf vorausbleiben
Entwarnung für die kommenden Jahre bedeutet die aktuell eher niedrige Auslastung aber keineswegs. Allein im Oktober wurden in Deutschland 94.086 reine Elektroautos neu zugelassen, fast 80 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Ihr Marktanteil erreichte 37 Prozent.
Entsprechend muss die Ladeinfrastruktur weiter massiv wachsen, insbesondere an geeigneten Standorten und dort, wo Menschen nicht privat laden können. Auch leistungsfähige Stromnetzanschlüsse müssen frühzeitig geschaffen werden. Auf der VDE-Konferenz zur Elektromobilität betonte VDA-Vertreter Rudolf Bencker jüngst ebenfalls, dass der größte Teil des erwarteten Hochlaufs noch bevorstehe.
Die Frage lautet aber definitiv nicht, wie viele Wald-und-Wiesen-Gemeinden noch ohne verwaiste Ladesäule sind. Es geht darum, wo zusätzliche Ladeleistung tatsächlich gebraucht wird – heute und in Zukunft. Ein bedarfsgerechter Ausbau ist dabei wichtiger sein als möglichst viele neue Punkte auf der Landkarte.
Quelle: VDA – Pressemitteilung vom 4. November 2026








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