Die viel diskutierte Untersuchung der Technischen Universität München (TUM) zur Klimabilanz von Autos, die unter anderem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) als „Abgesangsbibel“ für das sogenannte Verbrenner-Aus nutzt, sorgt weiter für Kritik. Nachdem bereits Wissenschaftler aus den eigenen Reihen der TU München Methodik und öffentliche Interpretation des White Papers infrage gestellt hatten, melden sich nun auch Forscher zu Wort, deren Arbeiten in der Untersuchung selbst verwendet wurden. Wie „Focus Online“ berichtet, werfen sie der TUM vor allem vor, ihre Forschung in der öffentlichen Kommunikation verzerrt dargestellt zu haben.
Besonders deutlich äußert sich Arnold Tukker, Professor an der Universität Leiden und Vorsitzender der International Society for Industrial Ecology. Eine Studie seines Teams gehört zu den Arbeiten, auf denen die TUM-Auswertung basiert. Auf LinkedIn distanziert er sich von der Interpretation durch die Münchner Universität. Sein Team sei „zutiefst enttäuscht über diese Fehlinterpretation unserer Arbeit“, erklärt Tukker sinngemäß. Seine eigene Forschung komme vielmehr zu dem Schluss, dass Elektroautos ein sehr geeignetes Instrument für einen emissionsarmen Verkehr seien und der Ersatz von Benzinern durch Elektroautos beschleunigt werden sollte.
Damit bekommt die Debatte eine weitere bemerkenswerte Wendung. Das von der TUM veröffentlichte White Paper hatte 19 Studien mit insgesamt 47 Szenarien ausgewertet. Demnach verursachen batterieelektrische Autos über ihren Lebenszyklus im Mittel 41 Prozent weniger CO₂ als Verbrenner. In rund 92 Prozent der betrachteten Szenarien schneiden die Elektroautos besser ab. Dennoch stellte die TUM in ihrer Kommunikation vor allem eine aus ihrer Sicht „substanzielle Fehlsteuerung“ der europäischen CO₂-Regulierung heraus.
Kritik richtet sich auch gegen Darstellung der EU-Regulierung
Auch der Energie- und Klimaforscher Edgar Hertwich vom International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) kritisiert diese Argumentation scharf. Die Aussage, die europäische Klimapolitik konzentriere sich lediglich auf Emissionen am Auspuff, sei „seriously misinformed“ (also völlig falsch informiert), schreibt er. Denn Emissionen aus Stromerzeugung oder industrieller Produktion würden durchaus reguliert, nur eben über andere Instrumente wie den europäischen Emissionshandel oder den CO₂-Grenzausgleich CBAM. Die Pkw-Flottenregulierung wiederum adressiere gezielt die Emissionen während des Fahrbetriebs.
Damit richtet sich die Kritik weniger gegen die grundsätzlich sinnvolle Frage, wie der komplette Lebenszyklus eines Autos klimafreundlicher gestaltet werden kann. Umstritten ist vielmehr die Schlussfolgerung, aus der aktuellen Ausgestaltung der Flottengrenzwerte lasse sich eine grundsätzliche Fehlsteuerung der europäischen Klimapolitik ableiten.
Schon zuvor hatte TUM-Professor Markus Lienkamp vom Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik kritisiert, dass einschlägige Experten der eigenen Universität nicht in die Untersuchung eingebunden worden seien. Zudem ist das veröffentlichte White Paper nicht durch ein unabhängiges Peer-Review-Verfahren gegangen. Lienkamp betonte zugleich, dass die ausgewerteten Ergebnisse selbst einen deutlichen Klimavorteil von Elektroautos zeigten. Wie daraus ein Argument gegen den Umstieg auf Elektromobilität abgeleitet werden könne, sei ihm „schleierhaft“.
Lebenszyklus betrachten – aber nicht nur beim E-Auto
Eine stärkere Lebenszyklusbetrachtung der Emissionen auch abseits des Auspuffes ist dabei zunächst einmal durchaus sinnvoll. Auch Elektroautos entstehen schließlich nicht emissionsfrei. Batterieproduktion, Stahl, Aluminium, Stromerzeugung und Recycling gehören zu einer vollständigen Klimabilanz dazu. Eine stärkere Berücksichtigung könnte zusätzliche Anreize schaffen, gerade diese Bereiche schneller zu dekarbonisieren.
Daraus folgt allerdings keineswegs ein Argument für Benziner oder Diesel. Auch Verbrenner müssen produziert werden – und verbrennen anschließend während ihrer gesamten Nutzungsdauer zusätzlich fossile Kraftstoffe. Und bis diese im Tank landen, fallen ebenfalls erhebliche Emissionen an, was Verbrenner in der Gesamtbilanz verdammt schlecht dastehen lässt. Genau daran ändert auch die TUM-Debatte nichts.
Die nun geäußerte Kritik der zitierten Wissenschaftler unterstreicht allerdings, wie wichtig die Trennung zwischen wissenschaftlichem Ergebnis und politischer Interpretation ist. Man kann darüber diskutieren, wie umfassend CO₂-Emissionen eines Autos regulatorisch erfasst werden sollten. Dass Elektroautos unter den meisten realistischen Bedingungen einen deutlichen Klimavorteil gegenüber vergleichbaren Verbrennern haben, wird durch das TUM-White-Paper jedenfalls nicht widerlegt. Im Gegenteil: Selbst dessen eigene Auswertung kommt in der großen Mehrheit der betrachteten Szenarien genau zu diesem Ergebnis. Doch das passt vielleicht nicht in das mitunter ideologisch gefärbte Weltbild mancher Politiker.
Quelle: Focus online – E-Auto-Studie zitiert Forscher, die gehen auf die Barrikaden









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