Eon: Warum Stromnetze zum Engpass der Energiewende werden

Eon: Warum Stromnetze zum Engpass der Energiewende werden
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Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
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Im Gespräch mit Philipp Westermeyer im OMR-Podcast zeichnet Eon-Chef Leonhard Birnbaum ein Bild einer Branche im Umbruch. Der Vorstandsvorsitzende des Essener Energiekonzerns spricht über seinen Weg in die Branche, über den Umbau der europäischen Energieversorgung – und über neue Herausforderungen, die aus Digitalisierung, Elektrifizierung und steigenden Strombedarfen entstehen.

Westermeyer beschreibt Birnbaum zu Beginn als jemanden, der für den Ausbau der „Adern der Energiewende“ verantwortlich ist. Ohne stabile Netze, so die Ausgangsbeobachtung, gelange weder Windstrom aus Norddeutschland in die Verbrauchszentren im Süden noch Solarstrom von Hausdächern zuverlässig ins Stromsystem. Birnbaum bestätigt diese Perspektive und erklärt, dass die Rolle der Netzinfrastruktur in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen habe.

Sein eigener Weg in die Energiebranche begann ursprünglich nicht bei einem Versorger. Birnbaum studierte Chemieingenieurwesen und arbeitete anschließend über ein Jahrzehnt als Berater bei McKinsey & Company. Später wechselte er in die Industrie, zunächst zu RWE und anschließend zu Eon. Dort war er zunächst im Vorstand tätig, bevor er nach der Neuordnung des deutschen Energiesektors die Führung des Unternehmens übernahm. Ein zentraler Schritt war die umfassende Transaktion zwischen Eon und RWE, bei der die Geschäftsbereiche der beiden Konzerne neu verteilt wurden. Am Ende konzentrierte sich Eon auf Netze und Vertrieb, während RWE vor allem Kraftwerke und Erzeugungsanlagen übernahm.

Birnbaum beschreibt diesen Umbau als eine der größten Strukturveränderungen in der deutschen Energiewirtschaft. Insgesamt habe die Neuordnung ein Volumen von rund 80 Milliarden Euro gehabt.

Wenn Netze plötzlich zum Engpass werden

Heute liegt der Schwerpunkt von Eon auf drei Geschäftsbereichen: dem Vertrieb an Endkunden, dem Betrieb von Stromnetzen sowie Lösungen zur Wärmeversorgung für Industrie oder Quartiere. Der mit Abstand größte Teil des Geschäfts entfällt jedoch auf die Netzinfrastruktur. Dort investiert der Konzern jährlich Milliardenbeträge.

Der Eon CEO beschreibt dieses Geschäft als stark kapitalintensiv. Netze müssten kontinuierlich erweitert und modernisiert werden, während gleichzeitig neue Verbraucher hinzukommen. Elektrische Heizsysteme, Elektroautos oder Batteriespeicher erzeugen zusätzliche Lasten im Stromsystem. Hinzu kommen immer mehr Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen.

Die Geschwindigkeit dieses Ausbaus habe sich deutlich erhöht. Birnbaum nennt ein Beispiel aus dem Netzbetrieb seines Unternehmens: Für die erste Million Anschlüsse von Anlagen wie Photovoltaik oder Windkraft habe man viele Jahre benötigt. Die zweite Million sei deutlich schneller erreicht worden. Die dritte Million werde voraussichtlich noch rascher folgen.

Der Grund dafür sei einfach. Immer mehr Haushalte und Unternehmen wollen ihre Anlagen ans Netz anschließen. Für Netzbetreiber sei es keine Option, diese Nachfrage über längere Zeit aufzuschieben. „Die Kunden geben die Schlagzahl vor“, erklärt er. Wer eine Solaranlage oder einen neuen Anschluss plane, erwarte, dass das Netz diesen Schritt ermöglicht.

Energiebedarf der KI verändert den Blick auf Strom

Im Gespräch richtet Birnbaum den Blick deshalb auch über Deutschland hinaus auf internationale Entwicklungen. Vor allem in den USA verändere der Ausbau von Rechenzentren für künstliche Intelligenz die Energiedebatte. Dort sei Energie inzwischen ein limitierender Faktor für weiteres Wachstum. „Wenn wir dieses Interview in den USA führen würden und ich wäre sozusagen ein amerikanisches Eon, dann würden wir die Hälfte der Zeit über Rechenzentren sprechen und würden gar nicht über Wärmepumpen und gar nicht über E-Mobilität sprechen“, so Birnbaum. Trainingsrechenzentren für KI benötigten enorme Mengen Strom. Teilweise werde über Anlagen mit Leistungen im Gigawattbereich gesprochen.

Europa befinde sich in einer anderen Situation. Zwar entstünden auch hier neue Datenzentren, etwa im Umfeld großer Internetknoten. Doch der Ausbau erfolge deutlich langsamer als in Nordamerika. Birnbaum hält diesen Vorsprung der USA für schwer aufzuholen. Gleichzeitig sieht er die Gefahr, dass europäische Regulierung Innovation bremst. Er nennt als Beispiel den europäischen AI Act. Wenn Unternehmen ihre Entwicklungsaktivitäten in andere Regionen verlagern, sei das aus seiner Sicht ein Warnsignal für den Standort.

Warum Birnbaum die Solarförderung infrage stellt

Neben der Digitalisierung beschäftigen sich Westermeyer und Birnbaum im Gespräch auch ausführlich mit der Energiewende in Deutschland. Dabei ordnet der Eon-Chef zunächst eine Zahl ein, die in politischen Debatten häufig genannt wird: den Anteil erneuerbarer Energien am Strommix.

Selbst wenn inzwischen ein großer Teil des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammt, sei Strom nur ein Teil des gesamten Energieverbrauchs, erklärt Birnbaum. Elektrizität mache lediglich einen Teil der Energie aus, die in Deutschland insgesamt genutzt wird. Ein erheblicher Anteil entfällt weiterhin auf andere Bereiche – etwa Kraftstoffe im Verkehr oder fossile Brennstoffe für Wärme in Gebäuden und Industrie.

Im Alltag wird dieser Unterschied schnell sichtbar. Wenn jemand das Licht einschaltet, das Smartphone lädt oder eine Waschmaschine laufen lässt, handelt es sich um Stromverbrauch. Doch viele andere Energieanwendungen funktionieren noch ganz anders: Autos fahren meist mit Benzin oder Diesel, Heizungen arbeiten mit Gas oder Heizöl, Industrieanlagen nutzen ebenfalls häufig fossile Energieträger. Auch diese Bereiche gehören zum Energieverbrauch – selbst wenn dort kein Strom genutzt wird.

Deshalb müsse die Energiewende breiter gedacht werden als nur über Stromerzeugung. Damit erneuerbare Energien tatsächlich einen größeren Anteil am gesamten Energieverbrauch erreichen, müssten weitere Anwendungen elektrifiziert werden. Elektroautos im Verkehr oder Wärmepumpen in Gebäuden sind Beispiele dafür. Erst wenn mehr Bereiche auf Strom umgestellt werden, steigt auch der Anteil erneuerbarer Energie im gesamten System.

Vor diesem Hintergrund äußert sich Birnbaum auch zur Förderung von Photovoltaikanlagen auf privaten Hausdächern. Er stellt infrage, ob diese weiterhin notwendig ist. Sein Argument: Für viele Hauseigentümer lohne sich eine Anlage bereits über den Eigenverbrauch. Wer Solarstrom selbst nutzt, spart einen Teil der Kosten, die beim Strombezug aus dem Netz entstehen. Der wirtschaftliche Vorteil entstehe also vor allem dadurch, dass weniger Strom aus dem Netz gekauft werden müsse. Die zusätzliche Vergütung für eingespeisten Strom spiele eine geringere Rolle.

„Die Menschen würden es eh machen“, so Birnbaum. Aus seiner Sicht stellt sich deshalb die Frage, warum andere Stromkunden weiterhin einen Teil dieser Förderung mittragen sollen. Er verbindet diese Überlegung zudem mit einem sozialen Argument. Wer ein Eigenheim mit Dachfläche besitzt, könne relativ einfach von Photovoltaik profitieren. Mieter:innen hätten diese Möglichkeit oft nicht. Wenn Förderprogramme über Strompreise finanziert werden, entstehe daher eine Umverteilung zwischen unterschiedlichen Haushalten.

Wirtschaftlicher Wettbewerb entscheidet sich nicht nur bei Energie

Westermeyer spricht ihn auch auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland an. In der öffentlichen Debatte werde häufig argumentiert, dass steigende Energiepreise ein zentrales Problem für die Industrie seien. Birnbaum widerspricht dieser Verkürzung teilweise. Energie sei zwar ein Kostenfaktor, aber nicht der einzige. Für viele Industrien seien Produktivität, Innovation und Exportfähigkeit entscheidender.

Er sieht Deutschland deshalb vor einer breiteren wirtschaftspolitischen Herausforderung. „Wir müssen an der Produktivität arbeiten, wir müssen an unseren Sozialsystemen arbeiten, wir müssen an der Energiewende arbeiten“, so der Eon CEO. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass Reformvorschläge in Deutschland häufig auf starken Widerstand stoßen. „Manchmal um seinen Wohlstand muss man auch ein bisschen kämpfen“, fügt er hinzu. Die wirtschaftliche Stärke des Landes könne nicht als selbstverständlich betrachtet werden.

Energiebranche zwischen Infrastruktur und Gesellschaft

Zum Ende des Gesprächs wird deutlich, wie stark sich das Selbstverständnis der Energiebranche verändert hat. Stromversorgung ist für Birnbaum längst nicht mehr nur ein technisches Thema. Sie steht heute im Zusammenhang mit Digitalisierung, Industriepolitik und gesellschaftlichen Erwartungen. Die Energiewende beschreibt Birnbaum nicht als einzelne politische Maßnahme, sondern als langfristigen Umbau von Infrastruktur, Wirtschaft und Energieverbrauch. Netze, Speicher, neue Stromanwendungen und digitale Technologien müssten dabei parallel entwickelt werden, damit das System stabil bleibe.

Für Unternehmen wie Eon bedeutet das eine Rolle, die über die klassische Energieversorgung hinausgeht. Netzbetreiber werden zu zentralen Akteuren einer Transformation, in der Strom zunehmend zur Grundlage vieler Anwendungen wird – vom Verkehr bis zur Wärmeversorgung. Das Gespräch zeigt damit auch, wie eng wirtschaftliche Interessen, energiepolitische Entscheidungen und gesellschaftliche Erwartungen inzwischen miteinander verwoben sind.

Quelle: OMR – Klartext vom Eon-Chef über Fehler der Energiewende, Energie für KI-Boom und deutschen Reformbedarf

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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