Wer ausschließlich Elektroautos baut, muss sich derzeit auf mehreren Ebenen zugleich behaupten. In Europa wächst das Interesse an batterieelektrischen Antrieben, gleichzeitig drängen weitere Anbieter in den Markt, und Zölle sorgen für Unsicherheit. Hinzu kommen politische Entscheidungen in Washington, die ganze Absatzmärkte verschließen können. Polestar ist von all diesen Entwicklungen unmittelbar betroffen und muss obendrein den Schritt aus der Nische in volumenstarke Segmente schaffen.
Michael Lohscheller führt die schwedische Marke seit Oktober 2024 als CEO. Im Gespräch mit Automotive News Europe erläutert er, wie Polestar mit dem Aus für Neuwagenverkäufe in den Vereinigten Staaten umgeht, warum ein neues Modell die Wende in Europa einleiten soll und weshalb Kooperationen aus seiner Sicht die Zukunft der Branche prägen. Der europäische Markt steht dabei klar im Mittelpunkt: Rund 80 Prozent der weltweiten Verkäufe von Polestar entfallen auf diesen Kontinent.
Auslöser für den Rückzug aus dem US-Neuwagengeschäft ist ein Verbot vernetzter Technologie mit Bezug zu China, das die US-Regierung durchsetzt. Über Monate habe Polestar mit den Behörden über eine Ausnahmeregelung gesprochen, berichtet Lohscheller. Im Juni sei dann mitgeteilt worden, dass es keine geben werde. “Wir haben diese Entscheidung akzeptiert”, sagt der CEO. Neuwagen des Modelljahres 2027 darf das Unternehmen dort folglich nicht mehr verkaufen, Service und Gebrauchtwagengeschäft laufen jedoch weiter.
Anders verlief der Fall bei Volvo: Der Hersteller, der den Polestar 3 in seinem Werk in South Carolina fertigt, erhielt eine Ausnahme. Eine Erklärung für die unterschiedliche Behandlung habe Polestar nicht bekommen, und in die Situation bei Volvo habe er keinen Einblick, so Lohscheller. Ähnlich zurückhaltend äußert er sich zu einer Klage von US-Händler:innen, die argumentieren, die Lage hätte sich vermeiden lassen. Er betont vielmehr die enge Zusammenarbeit mit dem Handel: Verkauft werden weiterhin die Autos des laufenden Jahrgangs 2026, zudem betreue man sämtliche Kund:innen im Land.
Ein SUV soll Europa neuen Schwung geben
Während sich das US-Geschäft künftig auf Service und Gebrauchtwagen beschränkt, verlaufen die Verkäufe in Europa seit Jahresbeginn flach, was Lohscheller offen einräumt. Die Lösung sieht er im Polestar 4 SUV, das nun eingeführt wird. Das vielseitige Auto biete zahlreiche zusätzliche Funktionen und ergänze das Polestar 4 Coupé, den aktuellen Bestseller der Marke. Lohscheller bezeichnet die neue Variante als “Basis für künftiges profitables Wachstum”, weil sie in einem großen Segment antrete.
Die ersten 5000 Exemplare sind bereits produziert und kommen aus Südkorea nach Europa. Die Auftragslage beschreibt der CEO als stark, entsprechend zuversichtlich zeigt er sich. Ihren Ursprung hat die Variante kurz nach seinem Amtsantritt: Damals präsentierte ihm das Designteam das Konzept, und Funktionalität, Praxistauglichkeit, Fortschrittlichkeit sowie das Erscheinungsbild hätten ihn sofort überzeugt.
Von dieser Präsentation bis zum Marktstart vergingen 24 Monate. Möglich wurde das Tempo vor allem durch die bestehende Architektur, sodass nicht alles neu entwickelt werden musste, was beim Coupé bereits erarbeitet worden war. Zur Höhe der Investition schweigt Lohscheller, sie bewege sich allerdings “auf einem sehr niedrigen Niveau”.
Warum Polestar nicht alles allein machen will
Dass die SUV-Variante in Südkorea entsteht, hat auch eine handelspolitische Dimension, denn die Fertigung dort umgeht die erhöhten Zölle, die die EU auf in China gebaute Elektroautos erhebt. “Zölle und Abgaben sind nicht hilfreich und führen zu Unsicherheit”, sagt Lohscheller. Die Strategie laute daher, so schnell wie möglich zu regionalisieren. Gebaut wird die Polestar-4-Familie in Busan, in einem Werk des Gemeinschaftsunternehmens von Geely und Renault. Noch näher an die Kundschaft rückt die Produktion mit dem geplanten Polestar 7 aus Volvos Werk in der Slowakei, was kürzere Lieferzeiten ermöglichen soll.
Neben der Produktion spielt der Vertrieb eine zentrale Rolle, konkret das europäische Händlernetz von Volvo. Die erste Frage aller Kund:innen laute, wo der Service stattfinde, erklärt Lohscheller. Inzwischen stehen Polestar-Fahrer:innen 1100 Volvo-Servicepunkte offen, was Vertrauen schaffe. Profitieren würden nach seiner Darstellung auch die Händler:innen, da sie zusätzliches Geschäft mit Marken erhalten, die sich gegenseitig nicht kannibalisieren.
Lohscheller sieht darin ein Geschäftsmodell der Zukunft, das schwedische Markenidentität, Architekturen aus dem Geely-Konzern und den Vertrieb über Volvo verbindet. So werde seiner Einschätzung nach die Autolandschaft künftig aussehen. “Man muss nicht alles allein machen”, sagt er, vielmehr lasse sich mit Partnern intelligenter arbeiten.
BMW und Audi im Visier, Porsche als Maßstab
Als wichtigste Wettbewerber nennt der CEO BMW und Audi, und genau hier setzt das Polestar 4 SUV an: Als Mittelklasse-SUV im Premiumbereich treffe es den Kern des Elektroauto-Marktes. Porsche bleibe dennoch ein Maßstab, der Polestar 5 etwa konkurriere direkt mit dem Taycan. Laut Daten von Dataforce, auf die sich Automotive News Europe beruft, hat Polestar bis August in Europa rund 28.500 Elektroautos verkauft, Porsche kam auf rund 19.700.
Gleichzeitig verändert sich die Ausgangslage im Vertrieb. In der Anfangsphase habe die Marke jede:n Kund:in neu erobern müssen, sagt Lohscheller. Mit dem neuen Polestar 2 soll es nun auch darum gehen, treue Kund:innen zurückzugewinnen.
Rückenwind erwartet Lohscheller vom Markt selbst. Hohe Kraftstoffpreise steigerten das Interesse an Elektroautos, Laden sei oft günstiger als Tanken, und E-Autos böten die neueste Technik. Gefragt seien zudem gebrauchte Polestar-Modelle. Dem wachsenden Wettbewerb begegne man mit klarem Fokus auf batterieelektrische Antriebe, eine Verlagerung hin zu Hybriden oder anderen Antrieben schließt er aus.
Dieser Fokus spiegelt sich in einer eng getakteten Modellplanung wider. Der Polestar 5 als Imageträger hat sein Debüt bereits gefeiert, in diesem Jahr folgt das Polestar 4 SUV. Für das kommende Jahr ist der Nachfolger des Polestar 2 angekündigt, ein Jahr später der Polestar 7 als kompaktes SUV, das im größten Segment Europas antreten soll.
Mit diesen Modellen verfolgt Lohscheller eine Strategie in zwei Schritten. Zunächst sollte das Händlernetz wachsen, was inzwischen umgesetzt sei. Danach richtet sich der Blick auf die Produktpalette, denn Polestar sei “ein wenig zu nischig” gewesen, und in Nischensegmenten lasse sich nur schwer Geld verdienen. Größere Segmente versprechen dagegen mehr Volumen und Ertragspotenzial.
Ein konkretes Datum für den Break-even nennt der CEO nicht, er rechnet jedoch mit deutlichen Verbesserungen durch die neue Produktstrategie. Den chinesischen Markt wieder stärker in den Fokus zu rücken, habe derzeit keine Priorität. Die Kräfte konzentrieren sich weiterhin auf Europa, wo die Marke den Großteil ihrer Autos absetzt.
Quelle: Automotive News Europe – Polestar targets Europe’s premium core as U.S. new-car sales end after 2026 model year








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