Die Stromkosten in Deutschland steigen seit Jahren tendenziell – trotz immer größerer Mengen vergleichsweise günstigen Solar- und Windstroms, die ihn in anderen Ländern wie Spanien oder Portugal oft sehr günstig werden lassen. Laut eines Berichts des Handelsblatt sehen Experten inzwischen milliardenschwere Einsparpotenziale. Diskutiert werden unter anderem Reformen beim Netzausbau, eine stärkere regionale Steuerung erneuerbarer Energien, aber auch Änderungen am sogenannten Merit-Order-System, das den Strompreis an der Börse bestimmt.
Obwohl erneuerbare Energien in Deutschland immer häufiger den Großteil der Stromerzeugung übernehmen, orientiert sich der Börsenstrompreis weiterhin oft an vergleichsweise teuren Gaskraftwerken. Genau das ist Kern des europäischen Merit-Order-Prinzips: Das teuerste noch benötigte Kraftwerk bestimmt den Preis für alle eingespeisten Strommengen.
In Phasen hoher Gaspreise führte dieses System bereits während der Energiekrise zu extremen Strompreissprüngen – obwohl Wind- und Solarstrom selbst deutlich günstiger produziert werden. Kritiker argumentieren deshalb seit Jahren, dass die aktuelle Preisbildung die tatsächlichen Kosten erneuerbarer Energien nur unzureichend widerspiegele. Befürworter halten dagegen, dass die Merit Order Investitionssignale liefere und flexible Kraftwerke wirtschaftlich absichere.
Entkopplung wie in Spanien und Portugal?
Laut Handelsblatt rücken nun verschiedene Reformoptionen stärker in den Fokus. Diskutiert werden etwa regionale Strompreiszonen, Kapazitätsmärkte oder Modelle, bei denen erneuerbare Energien teilweise aus der klassischen Börsenpreisbildung herausgelöst werden könnten. Auch sogenannte Contracts for Difference (CfD), also staatlich garantierte Mindest- beziehungsweise Höchstpreise, gelten als mögliche Alternative für Teile der Stromerzeugung.
Das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität Köln (EWI) und das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung haben laut Handelsblatt unabhängig von aneinander ausgerechnet, dass sich die Stromkosten massiv senken lassen könnten. Dabei spricht sich das IMK für eine befristete Entkopplung, bei der nicht der volle Gaspreis, sondern ein vorher festgelegter Höchstwert bei der Berechnung der Stromkosten zugrunde gelegt wird. In Spanien und Portugal wird dies so gehandhabt.
Die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) argumentiert seit Monaten, dass das aktuelle System zu hohe volkswirtschaftliche Kosten verursache. Besonders die stark steigenden Redispatch-Kosten – also Entschädigungen und Eingriffe wegen Netzengpässen oder -überangeboten – gelten dabei als Problem. Immer häufiger müssen Wind- und Solaranlagen abgeregelt werden, während andernorts fossile Kraftwerke einspringen. Reiches Lösungsweg sorgt jedoch für erhebliche Kritik. Denn während sie mehr Kostenkontrolle und „Systemdienlichkeit“ fordert, setzt sie stark auf neue Gaskraftwerke als Absicherung des Stromsystems. Kritiker werfen ihr deshalb vor, fossile Strukturen zu verfestigen und den Ausbau erneuerbarer Energien indirekt auszubremsen.
Extreme Schwankungen der Strompreise
Gerade bei der Merit Order zeigt sich dabei ein grundlegender Zielkonflikt: Einerseits könnte eine Reform kurzfristig helfen, Strompreise zu stabilisieren und Verbraucher zu entlasten. Andererseits profitieren erneuerbare Energien bislang teilweise selbst von hohen Börsenstrompreisen, was Investitionen attraktiv macht. Wird das System verändert, müssten neue Investitionsanreize geschaffen werden – etwa über langfristige Stromabnahmeverträge oder staatliche Absicherungen.
Hinzu kommt, dass Deutschland die Strompreisbildung nicht allein verändern kann. Die Merit Order ist eng mit dem europäischen Strommarkt verknüpft. Eine grundlegende Reform müsste daher auf EU-Ebene abgestimmt werden. Bereits in der Vergangenheit hatte es aus mehreren Mitgliedsstaaten Forderungen nach Änderungen gegeben, insbesondere nach der Energiekrise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine.
Gleichzeitig zeigt sich immer deutlicher, dass das bisherige Strommarktdesign an seine Grenzen stößt. Immer häufiger kommt es zu extremen Preisschwankungen – von sehr hohen Preisen bei Dunkelflauten bis hin zu stark negativen Börsenstrompreisen bei hohem Solarangebot. Anfang Mai sackte der Strompreis zeitweise auf minus 499 Euro pro Megawattstunde ab. Solche Situationen liefern zusätzliche Argumente für Reformen am Energiesystem insgesamt.
Die entscheidende Frage dürfte daher sein, wie ein zukünftiges Strommarktdesign aussehen kann, das günstige erneuerbare Energien besser nutzt, ausreichend Investitionen in Speicher und Flexibilität ermöglicht und gleichzeitig Versorgungssicherheit gewährleistet. Denn ohne entschlossene strukturelle Änderungen drohen die Stromkosten trotz wachsender Ökostrom-Anteile – im Optimalfall bis 100 Prozent – dauerhaft hoch zu bleiben.
Quelle: Handelsblatt – So ließen sich Stromkosten um Milliardenbeträge senken









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