Mercedes geht es aktuell in vielerlei Hinsicht so schlecht wie lange nicht mehr, und mit dem Verkauf von Pkw verdient das Unternehmen kaum noch Geld. Konzernchef Ola Källenius will dieser Situation mit einer Mischung aus Kostensenkungen, mehr Produktion in Osteuropa und einer neuen Fahrzeugarchitektur entgegenwirken.
Ein Blick auf die unbereinigte Umsatzrendite der Autosparte verdeutlicht, wie schlecht es um Mercedes steht: Sie lag im ersten Halbjahr nur noch bei 1,9 Prozent und in Q2 isoliert betrachtet sogar nur noch bei 0,2 Prozent. Zudem blieb 2025 nur noch ein unbereinigtes Ebit der Autosparte von 5,8 Milliarden Euro und damit fast 72 Prozent weniger als 2022.
Bei den Auslieferungszahlen zeigt sich ein ähnliches Bild: Im Jahresvergleich ging die Zahl in den ersten drei Quartalen um sieben Prozent auf nur noch 1,24 Millionen Pkw zurück. Die Ursachen dafür liegen vor allem beim Einbruch des China-Geschäfts, den neuen US-Zöllen sowie bei den Folgen des Irankriegs für die Autoindustrie. Laut Handelsblatt halten Analysten es für möglich, dass mit den Neunmonatszahlen am 28. Oktober eine Gewinnwarnung ausgesprochen wird.
Der Kurzfristplan: Arbeitskosten senken
Seit 2025 läuft bei Mercedes unter dem Namen „Next Level Performance“ ein Sparprogramm, mit dem das Unternehmen allein im vergangenen Jahr fast 3,6 Milliarden Euro einsparen konnte. In Deutschland verfolgt das Management dem Handelsblatt zufolge zudem den Plan, mit einer „Produktivitätsoffensive“ jährlich 800 Millionen Euro einzusparen und die Margen damit um knapp einen Prozentpunkt zu steigern.
Vom Vorstand gibt es überdies die Forderung nach einer 38-Stunden-Woche ohne mehr Lohn und auch die Kürzung von Sonderzahlungen steht im Raum. Dabei wurde eine für Juli vorgesehene Sonderzahlung über 18,4 Prozent eines Monatsgehalts bereits gestrichen. Dem Handelsblatt zufolge sehen Betriebsräte darin vor allem eine Maßnahme zum versteckten Personalabbau und aus Managementkreisen heißt es wohl, dass so die Zahl der Leiharbeiter gesenkt werden solle. Ein Abbau der Stammbelegschaft wird aktuell jedoch nicht erwogen.
Verlagerung der Produktion nach Osteuropa
Aus einer internen Präsentation für die Betriebsversammlungen von Mercedes geht hervor, dass die Arbeitskosten in der Produktion in Kecskemét in Ungarn ganze 75 Prozent unter dem Schnitt der deutschen Werke liegen, und das bei 27,5 Prozent mehr Jahresarbeitszeit. Mercedes verfolgt daher das Ziel, einen immer größeren Teil der Produktion in Niedriglohnländer zu verlagern. Kommendes Jahr sollen mit 30 Prozent der Fahrzeuge bereits doppelt so viele an günstigen Produktionsstandorten produziert werden, wie noch 2024. Dafür hat der Konzern die Produktionskapazität in Kecskemét bereits verdoppelt und auf bis zu 400.000 Einheiten pro Jahr ausgebaut.
Falls hierzulande keine Einigung gefunden werden kann, sollen im Gegenzug ein Produktionswerk und ein Komponentenstandort in Deutschland geschlossen werden. Zudem gelten Rastatt und Bremen als weitere Wackelkandidaten. Kritiker halten Mercedes‘ Strategie derweil für zu kurz gegriffen. Schließlich würden auch BMW und BYD bereits in Ungarn bauen und in Kecskemét fehle es bereits an Fachkräften.
Langfristplan: Baukasten, KI und autonomes Fahren
Um die Produktionskosten weiter zu senken und Effizienz zu steigern, arbeitet Mercedes an einer modularen Produktarchitektur. Unter dem Namen „Tech-Stacks“ sollen Front-, Heck-, Seiten- und Bodenteile so in Zukunft je nach Fahrzeuggröße skaliert werden können. Zudem ist geplant, Verbrenner und E-Autos ab der nächsten S-Klasse stärker anzugleichen. Um auch bei der Entwicklungszeit zu sparen, setzt man auf das KI-System „PLM.AI“. Mit diesem soll die Entwicklung neuer Modelle in Zukunft bis zu 30 Prozent beschleunigt werden können.
Autonomes Fahren ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil der längerfristigen Strategie von Mercedes: Schon nächstes Jahr soll ein Autobahn-Assistent bis 130 km/h gelauncht werden und für den Stadtassistenten wird 2027 mit einer Zulassung gerechnet. Die Grundlage für beide schafft das Betriebssystem MB.OS, welches bis Ende 2027 in allen Neufahrzeugen ausgerollt sein soll.
Källenius hat nach wie vor Rückhalt
Källenius‘ Vertrag als Konzernchef von Mercedes läuft zunächst bis Mai 2029 und Aufsichtsratschef Martin Brudermüller hält laut Handelsblatt weiter an ihm fest. Unter ihm verdreifachte sich die Nettoliquidität auf über 32 Milliarden Euro. Aktionäre bekamen über Dividenden und Rückkäufe mehr als 33 Milliarden Euro ausgezahlt. Gleichzeitig ist der Aktienkurs jedoch wieder auf das Niveau von Mai 2019 zurückgefallen.
Zudem wird von Beobachtern erwartet, dass Mercedes seine im Frühjahr bereits gesenkten Mittelfristziele erneut kappen muss. Um den Konzern für die kommenden Jahre wieder auf Kurs zu bringen, seien Sparmaßnahmen dem BCG-Experten Albert Waas zufolge zwar wichtig, sie würden jedoch allein nicht ausreichen, um Mercedes zu retten.
Quelle: Handelsblatt – Wie Mercedes-Chef Källenius den Konzern wieder auf Kurs bringen will







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