Ein Programm mit Milliardenvolumen soll den US-Elektroautobauer Lucid wieder auf Kurs bringen. Nach einem schwachen zweiten Quartal 2026 mit deutlich gesunkenem Bruttoergebnis und hohem Nettoverlust kündigte das Unternehmen einen umfassenden operativen Neustart an. Im Zentrum steht ein Sparplan von 1,2 Milliarden Euro, mit dem der Cashflow in diesem Jahr spürbar verbessert werden soll.
CEO Silvio Napoli begründete den Schritt mit einer nüchternen Bestandsaufnahme: Lucid verfüge über führende Technologie, überzeugende Produkte und engagierte Mitarbeiter:innen, doch Potenzial allein sei noch keine Leistung. Man kehre daher zu den Grundlagen zurück, mit klarem Fokus auf Liquidität, Kund:innen und Unternehmenskultur. Der Vorstandsvorsitzende ordnete die eingeleiteten Schritte als notwendige Grundlage für die kommende Phase des Unternehmens ein, in der neben dem Sparprogramm auch die Projekte Robotaxi, AMP-2 und Midsize vorangetrieben werden sollen.
Sparprogramm soll Milliarden freisetzen
Das Sparpaket verteilt sich auf drei Bereiche. Bei den Lagerbeständen sollen zwischen 520 und 700 Millionen Euro eingespart werden, unter anderem durch eine bewusst gedrosselte Produktion, die Bestände schneller in Auslieferungen und damit in Cashflow umwandeln soll. Hinzu kommt der gezielte Verzicht auf künftige Materialverpflichtungen, um die Lagerbestände qualitativ zu verbessern und nicht nur zu reduzieren.
Bei den Investitionsausgaben rechnet Lucid mit rund 435 Millionen Euro Einsparung, unter anderem durch eine neu getaktete Bauphase im Werk AMP-2 und eine strengere Priorisierung laufender Programme. Bei den Betriebskosten kalkuliert das Unternehmen mit etwa 174 Millionen Euro. Ein wesentlicher Teil davon stammt aus dem im Juni angekündigten Stellenabbau in den USA, der die Belegschaft dort um rund 18 Prozent reduziert und jährliche Einsparungen von etwa 137 Millionen Euro bringen soll. Vertrieb, Service sowie die Bereiche Midsize und Autonomes Fahren blieben von diesem Schritt ausgenommen. Zusätzlich strich Lucid die zweite Schicht im Werk AMP-1.
Chairman Turqi Alnowaiser stellte sich hinter die Maßnahmen und bezeichnete sie als notwendigen Schritt, um Lucids technologische Stärke endlich in langfristigen Wert für Kund:innen und Aktionär:innen zu übersetzen. Die Vorstandsspitze stehe geschlossen hinter dem eingeschlagenen Kurs, so Alnowaiser weiter.
Zahlen zeigen den Handlungsdruck
Die Finanzzahlen des Quartals verdeutlichen, warum das Unternehmen handelt. Lucid fertigte im zweiten Quartal 4774 Fahrzeuge, 13 Prozent weniger als im Vorquartal, aber 24 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Die niedrigere Produktion war dabei kein Zufall, sondern Teil der Strategie, das Angebot enger an die erwartete Nachfrage zu koppeln und gebundenes Kapital freizusetzen.
Ausgeliefert wurden im gleichen Zeitraum 3953 Fahrzeuge, ein Plus von 28 Prozent gegenüber dem ersten Quartal und 19 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Getragen wurde dieser Anstieg vor allem vom Modell Gravity sowie einer stärkeren Nachfrage im Nahen Osten, wo Saudi-Arabien im Rahmen einer bestehenden Vereinbarung jährlich mindestens 4000 Fahrzeuge abnimmt.
Der Umsatz stieg im Quartalsvergleich um 44 Prozent auf rund 353 Millionen Euro, nach etwa 226 Millionen Euro im zweiten Quartal 2025. Dem stand ein Nettoverlust von rund 900 Millionen Euro gegenüber, unter anderem belastet durch Abschreibungen auf Lagerbestände in Höhe von rund 260 Millionen Euro. Der freie Cashflow lag bei minus 1,28 Milliarden Euro, das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen bei minus 784 Millionen Euro. Die Bruttomarge blieb mit minus 105 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal nahezu unverändert, verbesserte sich aber gegenüber dem ersten Quartal 2026 um fünf Prozentpunkte.
Die Gesamtliquidität bezifferte Lucid zum Quartalsende auf 2,6 Milliarden Euro, gestützt unter anderem durch eine im Juli gezogene Kreditlinie von rund 700 Millionen Euro. Nach Unternehmensangaben soll diese Liquidität, zusammen mit den eingeleiteten operativen Maßnahmen, bis weit ins Jahr 2027 hinein ausreichen.
Neue Führungsriege soll Tempo bringen
Neben der finanziellen Sanierung baut Lucid auch die Organisation um. Die Zahl der direkten Berichtslinien an den CEO wurde halbiert, um Entscheidungswege zu verkürzen und Verantwortlichkeiten klarer zuzuordnen. Mehrere neue Führungskräfte wurden in diesem Zuge berufen, darunter ein neuer Finanzvorstand, ein neuer Technologievorstand sowie ein neuer Chief Transformation Officer.
Mit Billy Hayes erhielt Lucid zudem erstmals einen eigenen Chief Customer Officer, der zuvor in Führungspositionen bei Nissan und Stellantis tätig war. Im Servicebereich sollen die Wartezeiten für Kund:innen in diesem Jahr um mehr als 30 Prozent sinken, unterstützt durch 35 Prozent mehr Techniker:innen an bestehenden Servicestandorten und eine deutlich ausgebaute mobile Servicekapazität. Auch die Softwarequalität, etwa bei Infotainment und drahtlosen Updates, soll durch strengere Freigabeprozesse verbessert werden.
Robotaxi-Projekt nimmt Fahrt auf
Parallel zum Sparkurs treibt Lucid sein Robotaxi-Programm mit Uber und Nuro voran, das als eines von vier zentralen Zukunftsprojekten gilt. Aktuell befinden sich knapp 100 Fahrzeuge im Testbetrieb in der San Francisco Bay Area und in Houston, wo unter anderem Genehmigungen für fahrerloses Testen bereits vorliegen. Erste Serienfahrzeuge des Modells Gravity wurden zudem bereits an Nuro ausgeliefert.
Uber hat seine Investitionszusage im Zuge der Partnerschaft in mehreren Schritten auf insgesamt rund 435 Millionen Euro erhöht und die vereinbarte Bestellmenge auf 35.000 Fahrzeuge angehoben. Der Serienstart der Produktion ist für das vierte Quartal 2026 vorgesehen, ein eigener Robotaxi-Service in Houston soll im Jahr 2027 folgen.
Blick nach Saudi-Arabien und auf die Mittelklasse
Auch die beiden übrigen Zukunftsprojekte kommen voran. Im saudi-arabischen Werk AMP-2 wechselt die Bauphase in die Industrialisierung. Anlagen für Presswerk, Karosseriebau, Lackiererei und Endmontage werden derzeit auf dem rund 1,36 Millionen Quadratmeter großen Gelände installiert und in Betrieb genommen, parallel dazu wächst die Belegschaft vor Ort. Die Serienproduktion ist für 2027 geplant.
Beim geplanten Mittelklassemodell laufen die Antriebseinheiten der Plattform Atlas sowie erste Prototypen derzeit durch umfangreiche Erprobung. Dazu zählen Prüfstandstests, Crashtests samt Zulassungsverfahren sowie Kältetests in Neuseeland. Lucid betont, das Modell werde erst starten, wenn sämtliche Qualitätsanforderungen erfüllt seien.
Für das dritte und vierte Quartal rechnet Lucid mit einer Produktion unterhalb des Niveaus aus dem zweiten Quartal, während die Auslieferungen die Produktion übersteigen sollen, wenn auch mit moderaterem saisonalem Wachstum als im Vorjahr. Eine konkrete Jahresprognose will das Unternehmen erst nach Abschluss der laufenden Geschäftsüberprüfung vorlegen. Ein Zwischenstand zum Sparprogramm, zum Robotaxi-Projekt und zum Fortschritt bei AMP-2 ist für November angekündigt, eine Prognose für 2027 soll mit den Jahreszahlen folgen.
Quelle: Lucid – Pressemitteilung / Lucid – Second Quarter 2026 Earnings Release







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