Einer der größten Hemmschuhe für die Elektromobilität war bislang der Preis. Zugleich zeigt sich ein Teil der europäischen Kundschaft inzwischen offener gegenüber chinesischen Marken, während die Zölle auf in China gefertigte Elektroautos die Frage nach einer Produktion vor Ort neu aufwerfen. Wie sich eine junge Marke zwischen diesen Polen positioniert, lässt sich derzeit am Beispiel Leapmotor beobachten.
Danilo Annese verantwortet als CEO von Leapmotor International das Geschäft außerhalb Chinas. Gemeinsam mit Stellantis ist die Marke vor zwei Jahren in Europa gestartet und zählt nach eigener Aussage aktuell zu den am schnellsten wachsenden Elektroauto-Marken auf dem Kontinent. Im Gespräch mit der Automobilwoche zieht Annese eine erste Bilanz und erläutert, welche Rolle die neue Fertigung im spanischen Saragossa für die weitere Entwicklung spielt.
Den Auftakt bildeten der Kleinstwagen T03 und das SUV C10, also die beiden Enden des Angebots. Inzwischen ist Leapmotor mit B03X, B05 und B10 in weiteren Segmenten vertreten, mit dem B03 folgt nun das letzte fehlende Modell in einer für Europa wichtigen Volumenklasse. Annese zufolge liegt das Unternehmen damit „exakt im Plan“, was das vor zwei Jahren angekündigte Portfolio betrifft.
Ergänzend zeigte die Marke in Paris erstmals international den D19, ein deutlich größeres Luxus-SUV. Der CEO beschreibt das Modell als Technologieträger, an dem Besucher:innen die Vorstellung von Luxus, Komfort und Technik der Marke unmittelbar erleben sollen. Angeboten wird der D19 ab Anfang kommenden Jahres in verschiedenen Weltregionen, allerdings nicht zwingend in Europa.
Neue Kundschaft statt bekannter Gesichter
Den Markenkern fasst Annese in einer Formel zusammen: „zugängliche Technologie für alle“. Lassen sich Elektroautos zu Kosten anbieten, die mit Verbrennern vergleichbar sind, werde der Umstieg für viele Menschen attraktiv. Hinzu kommt, dass die Akzeptanz batterieelektrischer Autos in Ländern wie Deutschland und Frankreich nach seinen Worten schneller wächst, als das Unternehmen noch vor einem Jahr erwartet hatte.
Auf die Frage, ob Leapmotor eher als chinesische Marke oder als Teil von Stellantis wahrgenommen wird, antwortet Annese mit einem dritten Begriff: Technologiemarke. Kund:innen erhielten durch die Partnerschaft Zugang zu chinesischer Technik und profitierten zugleich vom etablierten Händlernetz des Konzerns. In Deutschland ist die Marke flächendeckend vertreten und verfügt über mehr als 130 Handelspartner.
Wen dieses Netz tatsächlich erreicht, belegen interne Käuferanalysen. Ihnen zufolge waren mehr als 80 Prozent der Leapmotor-Kund:innen zuvor nicht bei Stellantis. Was Händler:innen zu Beginn des Europa-Geschäfts vermuteten, sei damit heute durch Daten bestätigt. Für den gesamten Konzern generiere die Marke somit einen hohen Anteil an Neukund:innen.
Saragossa als Brücke nach Europa
Mit dem B10 hat Leapmotor die lokale Fertigung in Saragossa aufgenommen, der B05 soll zeitnah folgen. Einen Zusammenhang mit den Zöllen relativiert Annese. Die Entscheidung für eine europäische Produktion sei „nicht primär eine Reaktion auf Zölle“, vielmehr gehe es darum, näher an den Kund:innen zu sein und Autos schneller bereitstellen zu können. Vorhandene Kapazitäten des Partners will das Unternehmen dort nutzen, wo dies wirtschaftlich sinnvoll ist.
Ob der Fertigungsort für Käufer:innen überhaupt relevant ist, beantwortet der CEO differenziert. Ein Teil der Kundschaft achte heute weniger auf die Herkunft eines Autos. Kürzere Lieferzeiten, eine effizientere Lieferkette und die Qualität eines europäischen Standorts sprächen dennoch für die Produktion vor Ort, zumal sie mit den Prozessen und der Erfahrung von Stellantis verbunden sei.
Die Produktion des B10 läuft bereits an. Verläuft alles nach Plan, sollen die ersten in Spanien gebauten Exemplare im Januar an Kund:innen ausgeliefert werden. Auf dem Weg nach Deutschland nimmt ein B10 dieselbe Route wie ein Opel aus dem gleichen Werk, da Leapmotor weitgehend auf die bestehende Logistik des Konzerns zurückgreift.
Wo der europäische B10 anders tickt als in China
Für bestimmte Komponenten hat das Unternehmen dennoch eine eigene Lieferkette aufgebaut. Der europäische Wertschöpfungsanteil des Modells liegt nach Angaben des CEO bei mehr als 40 Prozent. Die Batterien werden in einer werksnahen Anlage montiert, die zu Leapmotor International gehört.
Auch technisch unterscheidet sich der in Europa gefertigte B10 in einigen Punkten vom chinesischen Modell. Als sichtbarstes Beispiel nennt Annese den Heckscheibenwischer, der zu den häufigsten Kundenwünschen gezählt habe. Daneben gibt es weitere Anpassungen sowie neue Lackierungen, die speziell hierzulande verfügbar sind.
Konkrete Ziele für das Jahr 2027 nennt Annese nicht, darüber spreche er grundsätzlich nicht. Im Fokus stehe weiteres Wachstum mit batterieelektrischen Autos und Hybridmodellen, die nach seiner Wahrnehmung vom Markt positiv aufgenommen werden. Diesen Weg wolle Leapmotor „konsequent fortsetzen“.
Quelle: Automobilwoche – Interview: „Leapmotor wird in Europa als Technologiemarke wahrgenommen“







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