Wer in Heidelberg unterwegs ist, an einem Elektro-SUV vorbeifährt und zweimal hinschaut, weil das Logo unbekannt ist, der hat vermutlich gerade einen Leapmotor B10 gesehen. Zwei Wochen lang stand mir der Leapmotor B10 in der Ausstattungsvariante Pro Max Design zur Verfügung, mit der größeren 67,1-kWh-Batterie und der gehobenen Design-Ausstattung.
Die Erwartungshaltung vor der ersten Fahrt war gemischt. Ein chinesischer Hersteller, der noch keine zwei Jahre in Europa aktiv ist, tritt mit einem Kompakt-SUV an, das ab 29.900 Euro startet und in seiner Topversion bei 33.900 Euro landet. Das ist eine Preisregion, in der sich sonst deutlich einfacher ausgestattete Autos bewegen. Der B10 sollte zeigen, ob dieser Preis ein Kompromiss ist oder tatsächlich hält, was Leapmotor mit dem Slogan „Einfach mehr Auto“ verspricht.
Klare Formensprache ohne Effekthascherei
Auf den ersten Blick wirkt der B10 unaufgeregt. Elegante Kurven, klare Linien, ein Heck mit durchgängigem Leuchtband, das sich stimmig ins Karosseriedesign einfügt. Versteckte Türgriffe sorgen für einen aufgeräumten Look, ohne dabei aufdringlich zu wirken, und tragen zu diesem insgesamt ruhigen Gesamtbild bei. Nichts an der Karosserie schreit nach Aufmerksamkeit, und genau das macht den optischen Reiz aus. Mit 4515 mm Länge, 1885 mm Breite und einem Radstand von 2735 mm bewegt sich der B10 in einer Größenordnung, die für europäische Straßen und Parkhäuser gut passt. Wer in Heidelberg unterwegs ist, weiß, wie eng es in manchen Altstadtgassen und Parkhäusern zugeht, und in dieser Hinsicht hat sich der B10 als angenehm alltagstauglich erwiesen.


Im Innenraum setzt sich dieser Eindruck fort. Das Cockpit ist weitgehend schalterfrei gestaltet, dominiert vom schwebend montierten 14,6-Zoll-Touchscreen und einer 8,8-Zoll-Instrumententafel. Die Materialauswahl der getesteten Design-Ausstattung fällt hochwertiger aus als der Einstiegspreis vermuten lässt. Premium-Synthetik-Ledersitze und eine dezente Ambientebeleuchtung sorgen für eine gehobene Optik, ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Dazu kommen eine Lenkradheizung sowie beheizte, belüftete und elektrisch verstellbare Vordersitze, die den Komfort für den Alltag spürbar erhöhen.


Das Panoramadach mit elektrisch verstellbarem Sonnenschutz gehört bei der getesteten Ausstattung zum Umfang und sorgt für ein helles, offenes Raumgefühl, das dem Innenraum trotz kompakter Außenmaße eine gewisse Großzügigkeit verleiht. Der Sitzkomfort hat mich über die gesamte Testzeit hinweg überzeugt. Auch nach längeren Etappen gab es keine Beschwerden, weder im Rücken noch in den Schultern, was für eine ordentlich abgestimmte Polsterung spricht.


Auch beim Thema Praktikabilität konnte ich eigene Erfahrungen sammeln. Der Kofferraum bietet in unabhängigen Messungen 430 Liter Volumen, ergänzt durch zusätzlichen Stauraum unter dem Laderaumboden. Die Ladekante liegt angenehm niedrig, was besonders beim Verladen schwererer Gegenstände auffällt und den Alltag deutlich erleichtert. Hinzu kommt ein kleiner Frunk mit 25 Litern Fassungsvermögen unter der Fronthaube, der sich vor allem für das Ladekabel oder kleinere Gegenstände eignet, die man nicht im Kofferraum verstauen möchte.



Ein Aspekt, der bei chinesischen Neuzugängen häufig zum Streitpunkt wird, ist die Bedienung. Beim B10 hat mich das Gegenteil überrascht. Die Menüführung im Infotainmentsystem ist klar strukturiert, das Design der Nutzeroberfläche wirkt reduziert und aufgeräumt, ohne mit Funktionen überladen zu sein. Angetrieben wird das System vom Snapdragon-8155-Chipsatz, was sich in einer angenehm reaktionsschnellen Bedienung bemerkbar macht. Ich kam intuitiv zurecht, ohne lange nach Menüpunkten suchen zu müssen, und auch nach ein paar Tagen im Auto stellte sich kein Gefühl von Überforderung ein, wie es bei manchen vollgepackten Systemen anderer Hersteller vorkommen kann.

Ein kleines, aber sinnvolles Detail zeigt sich beim Blinken. Betätigt man den Blinker, erscheinen auf dem großen Touchscreen gleich zwei Darstellungen der 360-Grad-Kamera. Einmal eine Draufsicht von oben mit transparent dargestelltem Fahrzeug, einmal eine frei wählbare Third-Person-Ansicht, die sich per Fingergeste anpassen lässt. Für enge Straßen oder unübersichtliche Kreuzungen ist das eine echte Hilfe, gerade dort, wo Radfahrende oder parkende Autos schnell zur Herausforderung werden.
Wichtig für den Alltag ist außerdem, dass Leapmotor seit einem Over-the-Air-Update im März native Unterstützung für Apple CarPlay und Android Auto nachgereicht hat, sowohl kabelgebunden als auch kabellos. Wer sich also vor dem Kauf über frühe Testberichte informiert und dort noch Kritik an einer fehlenden Smartphone-Anbindung findet, bekommt inzwischen ein aktuelleres Bild.

Genau das ist eine der Stärken, die Leapmotor bei diesem Modell zeigt: Funktionen wie das One-Pedal-Fahren oder ein neues Split-Screen-Layout für die Navigation kamen erst nach der Markteinführung per Software-Update hinzu, ohne dass dafür ein Werkstattbesuch nötig gewesen wäre. Auch die Lenkradtasten lassen sich seither mit individuellen Shortcuts für ADAS-Funktionen und Fahrmodi belegen, ein Detail, das zeigt, wie ernst Leapmotor die kontinuierliche Weiterentwicklung des Fahrzeugs nimmt.

Leapmotor B10: Komfortabel statt sportlich, und das mit Absicht
Der B10 wird von einem Elektromotor mit 160 kW (218 PS) und 240 Nm Drehmoment angetrieben, der Sprint von 0 auf 100 km/h dauert laut Hersteller 8 Sekunden. Auf dem Papier liest sich das nach ordentlichem Punch, und auf meiner Teststrecke rund um Heidelberg hat sich das auch bestätigt. Der B10 zieht aus dem Stand souverän an, ohne dabei in Richtung sportlicher Ambitionen zu drängen. Für den Ampelstart oder das zügige Einfädeln auf die Autobahn reicht die Leistung mühelos aus, mehr braucht es im Alltag schlicht nicht. Und das ist auch die richtige Einordnung für dieses Auto: Sportlich will der B10 gar nicht sein, er will zuverlässig funktionieren.



Drei Fahrprofile stehen bereit, und ihre Charaktere lassen sich im Alltag sofort unterscheiden. Sport bringt spürbar mehr Biss ins Gaspedal, der Vortrieb setzt direkter ein. Der Standard-Modus nimmt davon einiges zurück, wirkt gesetzter, ohne dabei träge zu werden. Comfort wiederum schaltet einen weiteren Gang runter: Der B10 rollt hier eher gemächlich durch den Alltag, fast schon gemütlich. Für die tägliche Fahrt dürfte sich die goldene Mitte anbieten, und das zieht sich durch mehrere Systeme im Auto. Neben dem Antrieb betrifft das auch die vier Stufen der Rekuperation, darunter eine One-Pedal-Einstellung, sowie die Lenkung, deren Charakteristik sich ebenfalls über die Fahrmodi anpassen lässt.
Am direktesten reagiert die Lenkung im Sport-Modus, doch auch in „Standard“ lässt sich noch ein sauberer Strich durch die Kurve ziehen. Erst im Comfort-Modus wird es ungewohnt schwammig, Rückmeldung von der Fahrbahn kommt hier kaum an. Trotzdem fiel mir auf, dass sich das grundsätzliche Lenkgefühl über die Fahrmodi hinweg nur wenig verändert, jedenfalls nach meinem subjektiven Eindruck. Die Abstufung ist also da, fällt aber insgesamt zurückhaltender aus, als man es von manchem Wettbewerber gewohnt ist.

Das Fahrwerk selbst ist klar auf Komfort ausgelegt, und genau darin liegt eine der großen Stärken des B10. Größere Wellen im Asphalt filtert er gekonnt weg, sodass Ruhe in der Karosserie bleibt, selbst auf den weniger gepflegten Landstraßen rund um Heidelberg. Schlaglöcher hingegen machen sich recht deutlich bemerkbar und dringen unweich bis in die Sitze durch. Insgesamt bleibt die Lenkabstimmung eher unterdefiniert. Hier hätte ich mir über alle Fahrmodi hinweg mehr Direktheit und Rückmeldung gewünscht, gerade auf kurvenreicheren Abschnitten.

Reichweite trifft auf realistische Erwartungen
Der Testwagen war mit der großen 67,1-kWh-LFP-Batterie ausgestattet, die laut WLTP eine Reichweite von bis zu 434 Kilometern ermöglicht, bei einem kombinierten Verbrauch von 17,3 kWh auf 100 Kilometer. Im Alltag konnte ich einen Verbrauch von etwa 16 bis 17 kWh auf 100 Kilometer messen, auf längeren Autobahnetappen stieg der Wert auch mal an. Bis zu 22,4 kWh/ 100 km waren hierbei zu sehen. Was dazu führt, dass wir in Summe von einer realistischen Reichweite von um die 395 Kilometer rechnen können.

Beim Laden unterstützt der B10 AC-Laden mit bis zu 11 kW dreiphasig sowie DC-Schnellladen mit bis zu 168 kW. Das ermöglicht laut Hersteller eine Ladung von 30 auf 80 Prozent in weniger als 20 Minuten. Hier hat sich im Alltag gezeigt, dass die Ladekurve recht stabil geblieben ist und durchaus auch Höchstwerte von um die 150 kW zu erreichen waren.
Der B10 verfügt über ein L2-ADAS-Paket mit 12 hochpräzisen Sensoren und 16 Assistenzfunktionen, darunter das direkte Fahrerstatusüberwachungssystem, das Fahrermüdung und bestimmte Formen der Ablenkung erkennt, sowie ein Spurunterstützungssystem, das bei drohendem Verlassen der Fahrspur sanft korrigiert und nur in kritischeren Situationen deutlicher eingreift. Im Test sind mir vor allem zwei Dinge aufgefallen. Verkehrsschilder wurden zuverlässig erkannt und korrekt im Cockpit angezeigt, ohne dass es zu Fehlinterpretationen kam. Und die Assistenzsysteme insgesamt agierten deutlich zurückhaltender, als man es von manchen chinesischen Marktbegleitern gewohnt ist, bei denen ständige Pieptöne und übereifrige Lenkeingriffe schnell zur Belastung werden können.

Wer bereits Erfahrung mit solchen nervigen Warntönen oder übermotivierten Lenkeingriffen anderer Modelle gesammelt hat, wird diesen Unterschied zu schätzen wissen. Der B10 lässt einen fahren, statt ständig das Gefühl zu vermitteln, korrigiert werden zu müssen. Das ist im dichten Stadtverkehr rund um Heidelberg ebenso angenehm aufgefallen wie auf der Landstraße, wo aufdringliche Assistenten schnell zur Ablenkung statt zur Hilfe werden können.
Diese Zurückhaltung passt zu den Ergebnissen des Euro-NCAP-Tests, den der B10 im November 2025 durchlaufen hat. Fünf Sterne insgesamt stehen zu Buche, mit 93 Prozent beim Schutz erwachsener Insassen (37,3 von 40 Punkten) und ebenfalls 93 Prozent bei der Kindersicherheit (46,0 von 49 Punkten). Für gefährdete Verkehrsteilnehmende, also Fußgänger:innen, Radfahrende und Motorradfahrende, erzielte der B10 ein Rating von 84 Prozent, unterstützt durch ein autonomes Notbremssystem, das auf all diese Gruppen reagiert. Bei den Sicherheitsassistenzsystemen selbst standen 85 Prozent zu Buche (15,4 von 18 Punkten), unter anderem dank des intelligenten Geschwindigkeitsassistenten und der bereits erwähnten Spurhaltefunktionen.

Ein Preis, der zum Nachdenken anregt
Mit einem Einstiegspreis von 29.900 Euro für die Basisversion Pro Life mit der kleineren 56,2-kWh-Batterie positioniert sich der B10 in einem Umfeld, in dem er unter anderem auf den Škoda Elroq oder den Opel Frontera Electric trifft. Die Version Pro Max Life mit der größeren 67,1-kWh-Batterie startet bei 32.400 Euro, die getestete Pro-Max-Design-Ausführung mit gehobener Ausstattung liegt bei rund 33.900 Euro und bringt unter anderem Premium-Synthetik-Ledersitze, Ambientebeleuchtung, eine Lenkradheizung sowie beheizte, belüftete und elektrisch verstellbare Vordersitze mit.
Wer es exklusiver mag, findet zudem eine limitierte Sonderedition in Zusammenarbeit mit Irmscher, die bei 39.000 Euro beginnt. Für das Geld der getesteten Variante bekommt man ein Panoramadach serienmäßig, eine 360-Grad-Kamera und ein digitales Cockpit, das mit dem Snapdragon-8155-Chipsatz und dem LEAP-OS-4.0-Plus-System auf einer soliden technischen Basis steht. Das Fahrwerk wurde zudem gemeinsam mit Stellantis entwickelt, was sich in einer ausgewogenen Gewichtsverteilung von 50:50 niederschlägt.

Für Familien, die ein alltagstaugliches Elektroauto ohne Prestigedenken suchen, ist der B10 damit eine ernstzunehmende Option. Wer viel Wert auf ein sportliches Fahrerlebnis oder maximale Lenkpräzision legt, wird an anderer Stelle fündig. Zwei Wochen mit dem B10 haben bei mir vor allem eines hinterlassen: eine positive Überraschung. Nicht, weil das Auto in irgendeiner Disziplin die Konkurrenz überflügelt, sondern weil es an keiner Stelle grundlegend enttäuscht.
Die Bedienung war intuitiv, der Sitzkomfort stimmte, der Kofferraum funktionierte im Alltag, und die Assistenzsysteme haben sich zurückhaltend, aber zuverlässig verhalten. Etwas mehr Präzision in der Lenkung würde dem Gesamtpaket noch gut zu Gesicht stehen. Wer aber ein Elektroauto sucht, das ehrlich zu dem steht, was es kann, ohne sich dabei größer zu machen, als es ist, bekommt im B10 genau das.
Disclaimer: Der Leapmotor B10 wurde uns für diesen Testbericht kostenfrei für den Zeitraum von zwei Wochen von Leapmotor zur Verfügung gestellt. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.









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