Die Automobilindustrie erlebt eine Verschiebung der globalen Kräfteverhältnisse. Chinesische Hersteller drängen mit wachsendem Tempo auf internationale Märkte und stellen dabei nicht nur die Preisfrage neu, sondern auch die nach technologischer Führerschaft. Einer, der diese Entwicklung aktiv mitgestaltet, ist Zhu Jiangming. Er gründete Leapmotor 2015 – ausgehend von einem Unternehmen, das zuvor Überwachungskameras herstellte – und führt das Unternehmen heute als CEO. Im Interview Press-Inform spricht er über Wachstumsziele, die Partnerschaft mit Stellantis und die Frage, welche Hersteller die nächsten Jahrzehnte überleben werden.
Der Aufstieg von Leapmotor verlief in kurzer Zeit bemerkenswert steil. Im vergangenen Jahr verdoppelte sich der weltweite Absatz nahezu: ein Wachstum von 103 Prozent. Für 2026 hat das Unternehmen das Ziel von einer Million ausgelieferter Fahrzeuge ausgegeben, auch wenn der Start ins Jahr verhalten ausfiel: Im ersten Quartal wurden laut Zhu Jiangming 110.000 Einheiten zugelassen. Den größten Beitrag zum Volumen werde weiterhin der chinesische Inlandsmarkt leisten. Für Europa plane man ein Wachstum von 15 Prozent.
Ein zentrales Element der Internationalisierungsstrategie ist die Zusammenarbeit mit Stellantis. Leapmotor greift dabei auf die Produktionsinfrastruktur des europäischen Automobilkonzerns zurück – unter anderem auf ein Werk in Saragossa, Spanien. Zhu Jiangming macht deutlich, dass die Fertigung dort vollständig lokal erfolgen soll, um die europäischen Zollauflagen zu erfüllen, die einen lokalen Wertschöpfungsanteil von mindestens 70 Prozent vorschreiben. Als erstes Modell soll noch vor Ende des Jahres der SUV B10 vom Band laufen. Grundsätzlich hält Zhu Jiangming die Produktion in China nach wie vor für attraktiv, da Leapmotor dort 65 Prozent der Wertschöpfungskette selbst kontrolliert – eine Quote, die erheblichen Einfluss auf die Kostenstruktur hat.
Stellantis mehr als nur ein Vertriebspartner für Leapmotor
Die Partnerschaft mit Stellantis geht über Produktion und Logistik hinaus. Zhu Jiangming schließt nicht aus, dass künftig auch Plattformen oder Batterietechnologie von Leapmotor in Fahrzeugen der Stellantis-Marken wie Opel oder Fiat zum Einsatz kommen könnten. Konkrete Entscheidungen seien bislang nicht gefallen, aber die Möglichkeit werde geprüft. Auch eine Ausdehnung gemeinsamer Produktionsstandorte auf Märkte außerhalb Europas – etwa Malaysia oder Südamerika – ist laut dem CEO denkbar, sofern sie wirtschaftlich sinnvoll ist.
Auf die Frage, warum Leapmotor dort erfolgreich sein werde, wo andere chinesische Marken beim Markteintritt gescheitert sind, verweist Zhu Jiangming auf die sorgfältige Analyse der Zielmärkte sowie die Unterstützung von Stellantis in Bereichen wie Marketing, Vertrieb und Finanzierung. Das Preisargument, mit dem chinesische Anbieter lange punkteten, werde mit zunehmender Bekanntheit der Technologie an Bedeutung verlieren – eine Parallele, die er zum Mobilfunksektor zieht: Auch dort hätten chinesische Marken zunächst über den Preis gewonnen, bevor die Qualitätswahrnehmung folgte.
Autonomes Fahren als nächster Wettbewerbsvorteil
Zhu Jiangming sieht chinesische Hersteller im Bereich Fahrerassistenz und autonomes Fahren bereits in einer starken Position. Als Indikator nennt er die in China verbreiteten blauen Scheinwerfer, die auf aktiven autonomen Fahrmodus hinweisen. Etwa ein Drittel der chinesischen Verbraucher:innen nutze entsprechende Funktionen bereits im Alltag. Langfristig erwartet er, dass autonomes Fahren zur Standardausstattung wird.
Den Blick auf die globale Konsolidierung der Branche richtet Zhu Jiangming mit klaren Zahlen: Wer langfristig zur Weltspitze gehören wolle, müsse mindestens 3,5 Millionen Fahrzeuge pro Jahr produzieren – besser noch vier Millionen, um unter den Top sieben oder acht zu landen. Von den derzeit rund 17 großen Produktionskonzernen in China werde nach seiner Einschätzung eine Handvoll übrigbleiben. Seine Prognose ist unmissverständlich: „In Zukunft werden 50 bis 80 Prozent aller weltweit produzierten und verkauften Autos“ aus chinesischer Fertigung stammen.
Quelle: Press-Inform – Interview mit Zhu Jiangming, CEO und Gründer von Leapmotor








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