Kommentar: Der Hyundai Nexo fährt weit, doch wohin eigentlich?

Kommentar: Der Hyundai Nexo fährt weit, doch wohin eigentlich?
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Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 5 min

Ein Kommentar von Sebastian Henßler

Im Modellprogramm von Hyundai nimmt der Nexo seit jeher eine besondere Rolle ein. Während Modelle wie Kona Elektro, Ioniq 5 oder Ioniq 6 die batterieelektrische Strategie sichtbar in den Markt tragen und in deutlich höheren Stückzahlen unterwegs sind, bleibt der Nexo das Aushängeschild für eine andere Form der Elektrifizierung. Er ist das einzige Brennstoffzellen-SUV im Angebot der Marke und damit weniger ein Volumenmodell als vielmehr eine technologische Visitenkarte. Hyundai demonstriert mit ihm, dass man sich nicht allein auf die Batterie festlegt, sondern verschiedene Wege zur Dekarbonisierung parallel verfolgt.

Mit der zweiten Generation wird dieser Anspruch unterstrichen. Leistung und Effizienz wurden weiterentwickelt, die Tanks fassen nun 6,69 Kilogramm Wasserstoff bei 700 bar, die Systemleistung liegt bei 150 kW. Auf dem Papier ergibt sich daraus eine Reichweite von bis zu 826 Kilometern. Damit positioniert sich das rund 4,75 Meter lange SUV in einem Bereich, der klassische Langstreckenmobilität verspricht – allerdings auf Basis eines Energieträgers, der in Europa nur begrenzt verfügbar ist.

Im Rahmen einer Fahrveranstaltung rund um Frankfurt ließ sich die zweite Generation erstmals im Alltag erleben. Dabei erlebt man weniger Exotik, als man es sich zunächst ausmalt. Das Auto fährt sich so, wie man es von einem modernen Elektroantrieb erwartet: leise, gleichmäßig, ohne spürbare Schaltvorgänge. Die Brennstoffzelle arbeitet im Hintergrund, Leistungsspitzen puffert eine kleine Batterie mit 2,64 kWh. Akustisch bleibt es dank aktiver Geräuschunterdrückung und Doppelverglasung angenehm zurückhaltend. Auch beim Anfahren zeigt sich das knapp zwei Tonnen schwere SUV kultiviert, ohne besonders dynamisch aufzutreten. In 7,8 Sekunden erreicht es Tempo 100, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei knapp 180 km/h.

Innenraum des Hyundai Nexo
Hyundai | Innenraum des Hyundai Nexo

Im Alltag vermittelt der Nexo damit einen vertrauten Eindruck. Der Unterschied zum batterieelektrischen Pendant liegt weniger im Fahrerlebnis als im Energiespeicher. Statt Strom aus einer großen Batterie zu beziehen, erzeugt das System elektrische Energie an Bord, indem Wasserstoff mit Sauerstoff reagiert. Zurück bleibt Wasserdampf.

Während die technische Seite schlüssig wirkt, verschiebt sich der Fokus schnell auf die Rahmenbedingungen. Im Test lag der Verbrauch bei 1,3 Kilogramm Wasserstoff pro 100 Kilometer – gemessen über eine Distanz von mehr als 1000 Kilometern, die im Rahmen der Veranstaltung von mehreren Fahrer:innen zurückgelegt wurde. Bei einem Tankinhalt von 6,69 Kilogramm ergibt sich eine realistische Reichweite von rund 500 Kilometern. Das ist für längere Strecken ausreichend. Entscheidend ist jedoch, ob und wie sich diese Reichweite tatsächlich nutzen lässt.

Kein Lade- aber ein Tankanschluss verbaut im Hyundai Nexo
Hyundai | Kein Lade- aber ein Tankanschluss verbaut im Hyundai Nexo

Denn die Zahl der öffentlich zugänglichen Wasserstofftankstellen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Aktuell sind rund 50 Anlagen in Betrieb, vor zwei Jahren waren es noch mehr als 80. Parallel richtet sich der Ausbau zunehmend auf 350-bar-Technik für Nutzfahrzeuge aus, während viele 700-bar-Stationen für Pkw geschlossen oder umgerüstet werden. Diese Entwicklung verändert die Perspektive auf das Wasserstoffauto grundlegend. Ein SUV mit hoher Reichweite bleibt auf dem Papier überzeugend – in der Praxis hängt seine Alltagstauglichkeit jedoch stark von der regionalen Infrastruktur ab.

Wirtschaftliche Realität trifft auf technologische Überzeugung

Hinzu kommt die wirtschaftliche Betrachtung. Bei Preisen von bis zu 19 Euro pro Kilogramm Wasserstoff ergeben sich bei 1,3 Kilogramm Verbrauch rund 25 Euro pro 100 Kilometer. Selbst bei günstigeren Annahmen bleibt der Kostenvorteil gegenüber batterieelektrischen Modellen aus, zumal diese von sinkenden Batteriepreisen und einem stetig wachsenden Ladenetz profitieren. Damit wird die Entscheidung für einen Nexo weniger durch Betriebskosten motiviert, sondern eher durch technologische Überzeugung oder ein bewusstes Interesse an der Brennstoffzelle.

Blick in den Motorraum des Nexo
Hyundai | Blick in den Motorraum des Nexo

Ein Blick auf die globalen Marktzahlen ordnet diese Situation ein. Weltweit wurden 2025 insgesamt gut 16.000 Brennstoffzellenfahrzeuge verkauft, ein Zuwachs von 24,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hyundai führt dieses Segment mit 6861 Einheiten an, fast ausschließlich gestützt durch seinen Heimatmarkt Südkorea. In Europa hingegen gingen die Neuzulassungen zurück; lediglich 566 Wasserstoffautos von Hyundai und Toyota fanden hier Abnehmer. Die Dynamik entsteht somit in Regionen mit gezielter politischer Unterstützung und spezifischen Förderprogrammen. Auf dem europäischen Kontinent zeigt sich ein anderes Bild.

Vor diesem Hintergrund ist der Nexo kaum mehr als ein technischer Beweis, dass die Brennstoffzelle im Pkw funktioniert – komfortabel, sicher und alltagstauglich umgesetzt. Innerhalb des Hyundai-Portfolios steht er für Diversifizierung und langfristige Offenheit gegenüber unterschiedlichen Antriebskonzepten. Gleichzeitig macht er deutlich, dass technologische Reife allein nicht ausreicht.

Zwischen strategischer Option und fehlender Infrastrukturperspektive

Die strategische Entwicklung deutet zudem darauf hin, dass Wasserstoff im Verkehrssektor künftig stärker im Schwerlastbereich verortet wird. Lkw und Busse profitieren von anderen Tankzyklen, größeren Energiemengen und zentralisierten Depots. Im Pkw-Segment hingegen haben batterieelektrische Autos in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt – sowohl bei Reichweite als auch bei Ladegeschwindigkeit und Gesamtkosten.

Heckansicht des Nexo in der 2. Generation
Hyundai | Heckansicht des Nexo in der 2. Generation

So entsteht ein Spannungsfeld: Auf der einen Seite steht ein technisch ausgereiftes SUV, das lokal emissionsfrei unterwegs ist und sich im Alltag kaum von einem batterieelektrischen Modell unterscheidet. Auf der anderen Seite steht ein Umfeld, das für diese Technologie im Pkw-Bereich derzeit nur begrenzte Perspektiven bietet.

Der Hyundai Nexo zeigt, dass die Technik verfügbar ist. Ob sie im europäischen Pkw-Markt eine relevante Rolle spielt, entscheidet sich jedoch nicht im Entwicklungszentrum, sondern an der Tankstelle.


Quelle: Hyundai – Pressemitteilung / SNE Research – Global FCEV Market Grows 24.4% YoY in 2025 / Handelsblatt – Zahl der Wasserstoff-Tankstellen schrumpft deutlich

Disclaimer: Hyundai hat zum Kennenlernen des Nexo in der 2. Generation nach Frankfurt eingeladen. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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