Renault 4 E-Tech: Retro-Charme mit echtem Alltagsformat

Renault 4 E-Tech: Retro-Charme mit echtem Alltagsformat
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Elektroauto-News

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 9 min

Der Renault 4 ist eine dieser Geschichten, die man eigentlich nicht neu erzählen muss. Über acht Millionen verkaufte Exemplare in drei Jahrzehnten, ein Auto, das Pierre Dreyfus bereits 1956 als „Blue-Jeans-Auto“ beschrieben hat: robust, nützlich, für alle – ob Gendarm, Student oder Familie. Dass Renault diesen Namen jetzt für ein vollelektrisches Kompakt-SUV reaktiviert, ist keine Marketing-Entscheidung aus dem Nichts. Es ist der Versuch, an eine Idee anzuknüpfen, die damals wie heute gültig ist: ein Auto für den Alltag, das mehr kann als es verspricht. Nach rund 1200 Kilometern im heimischen Umfeld lässt sich durchaus festhalten, dass der Plan aufgegangen ist.

Gefahren bin ich den Renault 4 E-Tech in der Topausstattung Iconic 150 Comfort Range – mit der 52-kWh-Batterie, 110 kW Leistung und dem vollen Umfang inklusive Harman-Kardon-Soundsystem. Die Strecke führte durch den Raum Heidelberg und die Region drumherum: Stadtverkehr, Landstraßen mit echtem Höhenprofil, kurze und längere Autobahnabschnitte. Der Autobahn-Anteil blieb bei weniger als einem Drittel – was kein Zufall war, sondern dem entspricht, wie dieses Auto im Alltag tatsächlich genutzt wird. Wer den Renault 4 E-Tech kauft, fährt damit einkaufen, zur Arbeit, gelegentlich in den Urlaub. Nicht von München nach Hamburg am Stück.

Ein Auto, das man sofort in eine Schublade steckt – und dann nochmal hinsieht

Schon beim ersten Blick auf den Renault 4 E-Tech ist klar, dass Renault hier keine halbherzige Retro-Referenz betreibt. Die steile Front mit den runden Scheinwerfern zitiert den originalen 4L, die aufrecht stehenden Kapselleuchten am Heck tun es auch – aber beides passiert mit einer Selbstverständlichkeit, die nicht nach Kostümierung wirkt. Was wirklich auffällt: der durchgehend beleuchtete Frontgrill, laut Renault das erste einteilige beleuchtete Bauteil dieser Art in der Automobilindustrie. 1,45 Meter breit, Scheinwerfer, Logo und Einfassung in einer einzigen Lichtlinie verbunden. Tagsüber eine klare Designansage, nachts ein echter Hingucker. Dazu das beleuchtete Renault-Logo in der Mitte – auch das gibt es in dieser Form zum ersten Mal serienmäßig.

Mit 4144 Millimetern Länge, 1808 Millimetern Breite und 181 Millimetern Bodenfreiheit ordnet sich der Renault 4 zwischen Clio und Captur ein – wirkt aber deutlich größer, als diese Zahlen erwarten lassen. Die aufrechte Karosserie, die breiteren Radläufe und die erhöhte Sitzposition geben ihm eine Präsenz, die man im Stadtverkehr zu schätzen lernt. Den Renault 5 spürt man im Hintergrund – die AmpR-Small-Plattform teilen sich beide, 68 Prozent der Komponenten sind identisch. Trotzdem wirkt der Renault 4 in keiner Sekunde wie eine aufgeblasene Version des kleineren Bruders. Länge, Radstand, Höhe und Bodenfreiheit geben ihm einen eigenen Charakter.

Im Innenraum setzt sich das konsequent fort. Die Iconic-Ausstattung kommt mit einem Kunstleder-Armaturenbrett, dem lasergravierten und hinterleuchteten Renault-4-Schriftzug sowie Sitzen in recyceltem schwarzem Stoff mit grauem Hahnentrittmuster und gelbem Band. Das gelbe Akzentband zieht sich durch den gesamten Innenraum – an den Sitzen, am Armaturenbrett, in den Details.

Das ist kein Premiuminterieur, aber es ist konsequent erzählt; nichts wirkt zufällig zusammengestellt. Die Verarbeitung ist solide, die Spaltmaße passen. Was man als Fahrer:in direkt registriert: die angenehm aufrechte Sitzposition, die gute Rundumsicht und das Gefühl, in einem Fahrzeug zu sitzen, das weiß, was es ist – und das auch nach einer Stunde Stadtverkehr noch vermittelt.

Eine Bedienung, die nicht erklärt werden muss

Das OpenR-link-System auf Basis von Android Automotive läuft flüssig und ohne Aussetzer. Google Maps ist nativ integriert, die Ladeplanung funktioniert direkt aus der Navigation heraus, Over-the-air-Updates halten das System aktuell. Wer im Google-Ökosystem zuhause ist, fühlt sich sofort heimisch – wer lieber auf sein Smartphone setzt, koppelt kabellos per Android Auto oder Apple CarPlay, beides lief im Test problemlos. Gut gelöst ist die Kombination aus Touchscreen und physischen Klimatasten direkt darunter: Temperatur und Gebläse lassen sich blind bedienen, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist es im Alltag aber nicht.

Die Schaltwippen am Lenkrad übernehmen die Rekuperationssteuerung – das macht die Feinabstimmung im Fahrbetrieb intuitiv und ohne Umwege über Menüs. Den Avatar Reno habe ich im Test kaum aktiv genutzt. Die Idee eines proaktiven Fahrzeugbegleiters, der Ladezeiten plant, Fahrmodi vorschlägt und auf die häufigsten Fragen rund ums Elektrofahren antwortet, ist durchaus reizvoll. Ob man täglich mit dem Auto spricht, bleibt eine persönliche Entscheidung.

Auf der Straße: komfortabel, direkt, entspannt

Das Fahrwerk ist auf Komfort ausgelegt – und das ist die richtige Entscheidung für dieses Auto. Die Mehrlenker-Hinterachse, die Renault aus höheren Segmenten in das B-Segment mitgebracht hat, arbeitet ruhig und ausgewogen. Unebenheiten werden zuverlässig weggefedert, ohne dass sich das Auto dabei schwammig anfühlt.

Auf den Landstraßen rund um Heidelberg zeigte sich die Lenkung als Pluspunkt: direkt, ohne synthetisch zu wirken. Der Wendekreis von 10,8 Metern macht sich im Stadtverkehr positiv bemerkbar – zum Vergleich: Der Renault 5 kommt auf 10,3 Meter, der Renault 4 ist deutlich größer, bleibt aber agil genug, um Parklücken und enge Zufahrten ohne Mehraufwand zu bewältigen.

Was die Rekuperation angeht, bin ich überwiegend mit leichter Stufe gefahren und habe das Auto in flachen Phasen segeln lassen. Der One-Pedal-Modus ist vorhanden und funktioniert – bis zum Stillstand, wird aber beim Rückwärtsfahren automatisch deaktiviert, was das Einparken erleichtert. Für meine Fahrweise hat sich die Kombination aus sanfter Rekuperation und Segeln natürlicher angefühlt.

Das Ergebnis: Über 1200 Kilometer hat das Fahrzeug nie ermüdet, weder das Auto noch der Fahrer. Der Sitzkomfort überzeugt – nach langen Etappen bleibt man entspannt, die Sitzposition stimmt. Eine Massagefunktion wäre bei längeren Strecken ein willkommenes Upgrade, aber das ist Klagen auf hohem Niveau und in dieser Klasse schlicht kein Thema.

Renault 4 E-Tech: Ein Verbrauch, der sich sehen lassen kann

15,7 kWh pro 100 Kilometer gibt Renault für die Comfort-Range-Variante nach WLTP an. Im Test lagen 14,7 kWh auf dem Bordcomputer – über 1200 Kilometer, mit Autobahnanteil, mit Steigungen, im realen Alltagsbetrieb. Das Datenblatt wurde damit unterboten, was in dieser Form nicht selbstverständlich ist. Und genau dort lag die angenehme Überraschung: Der Autobahn-Anteil, knapp unter einem Drittel der Gesamtstrecke, hat den Schnitt weniger gedrückt als erwartet.

Wer den Renault 4 beim ersten Fahrbericht auf Kölner Stadtstraßen und im Bergischen Land in seiner Komfortzone erlebt hat, bekommt beim Langzeiteinsatz das vollständigere Bild. Auf der Autobahn steigt der Verbrauch erwartungsgemäß – bei konstant 130 km/h sind Werte jenseits von 20 kWh realistisch, das zeigt auch das WLTP-Autobahnprofil von 21,7 kWh. Aber er steigt nicht so stark, dass die Gesamtbilanz kippt.

Die WLTP-Reichweite der Comfort-Range-Variante liegt bei 409 Kilometern kombiniert, in der Innenstadt gibt Renault sogar 571 Kilometer an. Im gemischten Alltagsbetrieb sind 350–380 Kilometer ein plausibler Planungswert. An der Wallbox lädt der Renault 4 E-Tech mit 11 kW AC, an Schnellladern mit bis zu 100 kW DC – von 15 auf 80 Prozent in rund 30 Minuten.

Das ist kein Spitzenwert im Segment, für die typischen Einsatzprofile dieses Autos aber ausreichend. Hinzu kommt die serienmäßige Wärmepumpe, die bei niedrigen Temperaturen spürbar zur Effizienz beiträgt. Wer möchte, kann den Renault 4 zudem als Stromquelle nutzen: Vehicle-to-Load macht externe Geräte direkt am Auto betreibbar, Vehicle-to-Grid – die Rückspeisung ins Hausnetz – ist ebenfalls vorbereitet. In dieser Fahrzeugklasse noch keine Selbstverständlichkeit.

Kofferraum und Alltag: hier stimmt das Versprechen

420 Liter Kofferraumvolumen, eine Ladekante auf nur 61 Zentimetern Höhe, ein doppelter Ladeboden mit 35 Litern Zusatzvolumen – das sind Zahlen, die im Alltag ankommen. Die Heckklappe öffnet bis in den Stoßfänger hinein, die Öffnung ist dadurch breiter und zugänglicher als bei vielen Wettbewerbern. Die elektrische Variante mit Fußsensor ist in der Iconic serienmäßig und bewährt sich immer dann, wenn beide Hände besetzt sind.

Wer mehr Platz braucht, klappt die Rücksitzbank geteilt um – oder legt den Beifahrersitz flach, was eine durchgehende Ladefläche von über zwei Metern ergibt. Das gibt es in dieser Klasse selten. Im Fond ist das Platzangebot für Erwachsene über 1,85 Meter begrenzt, Kopf- und Beinfreiheit kommen an ihre Grenzen. Für Familien mit Kindern oder als Pendlerauto reicht es aus – als vollwertiger Fünfsitzer auf der Langstrecke ist der Renault 4 nicht konzipiert, und das sollte man ehrlich sagen.

Renault 4 E-Tech elektrisch: Meine Einordnung des Retro-Stromers

Die Iconic 150 Comfort Range beginnt bei 36.500 Euro. Mit dem Harman-Kardon-Paket, dem Safety & Advanced Driving Assist-Paket und einer Zweifarblackierung landet man schnell Richtung 39.000 Euro. Das ist kein günstiger Einstieg in die Elektromobilität – aber es ist ein fairer Preis für das, was dieses Auto bietet.

Im Wettbewerbsumfeld zwischen VW ID.3, Peugeot e-3008 und BYD Atto 3 positioniert sich der Renault 4 nicht über Technikdaten, sondern über Charakter. Das war beim originalen 4L auch so. Wer damals einen kaufte, tat das nicht wegen der PS-Zahl.

Nach 1200 Kilometern bleibt das Gefühl, ein Auto gefahren zu haben, das weiß, was es ist. Kein aufgeräumtes Konzeptfahrzeug, kein Kompromiss in alle Richtungen – sondern ein Alltagsauto mit echter Identität, das die Versprechen hält, die der Name transportiert.

Der Renault 4 E-Tech ist nicht das technisch aufregendste Auto in seinem Segment. Das war der originale 4L auch nicht. Sein Vorgänger wurde mit einem Satz beschrieben, der noch immer stimmt: Ein Gebrauchsgegenstand, genauso wie eine Jeans. Kann man überall anziehen. Sieht immer gut aus. Hält.

Disclaimer: Der Renault 4 E-Tech elektrisch wurde uns für diesen Testbericht kostenfrei für den Zeitraum von zwei Wochen von Renault zur Verfügung gestellt. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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