Wer bei Kia ein kompaktes Elektroauto kauft, entscheidet sich häufiger für die kleinere Batterie, als der Hersteller selbst erwartet hatte. Der EV2 kam zunächst mit der Standard-Range-Batterie (42,2 kWh, 314 Kilometer Reichweite) auf den Markt, später folgte die Long-Range-Version mit 61 kWh und bis zu 430 Kilometern. Die Verkaufszahlen der Basisvariante liegen laut Sjoerd Knipping, Chief Operating Officer von Kia Europa, deutlich über den Planungen. Insgesamt bewege sich das Modell, das ab 26.600 Euro erhältlich ist, damit oberhalb der eigenen Erwartungen, sagte der Niederländer im Podcast „Klartext“ der Autogazette.
Knipping wertet das als Zeichen für wachsendes Vertrauen in die Reichweite moderner E-Autos. Immer mehr Kund:innen sind offensichtlich überzeugt, dass etwas mehr als 300 Kilometer im Alltag ausreichen. Auch die Effizienz trage dazu bei: Bei einem unabhängigen Reichweitentest in Norwegen im Sommer übertraf der EV2 seine angegebene WLTP-Reichweite. Wer den Normwert tatsächlich fahren könne, verliere einen Teil seiner Sorge um die Reichweite, so Knipping. Einen Teil der Kundschaft werde es dennoch weiterhin zur größeren Batterie ziehen.
Strategisch misst Kia dem Modell großes Gewicht bei. „Er ist nicht einfach unser kleinstes Elektrofahrzeug. Er ist unsere Antwort auf die Frage, ob ein bezahlbares, kompaktes Elektroauto auch das Hauptfahrzeug eines Haushalts sein kann“, erklärt der Manager. Volumenstärkstes Elektromodell der Marke bleibt vorerst der EV3. Der EV2 und der EV4 als Fließheck wurden speziell für Europa entwickelt und laufen im slowakischen Werk vom Band.
Kritik an der Ladeleistung, die beim EV3 bei maximal 128 kW und beim EV2 bei bis zu 118 kW liegt, begegnet Knipping gelassen. Entscheidend sei nicht der kurzzeitige Spitzenwert, sondern wie konstant ein Auto im üblichen Bereich zwischen zehn und 80 Prozent lade – und wie groß der Akku ist: Ein kleiner Akku braucht keine Ladeleistung jenseits der 300 kW. Ähnlich argumentiert er bei der 800-Volt-Technik, die bislang dem EV6 und EV9 vorbehalten ist: Ausschlaggebend sei, wann ein Merkmal in einem Segment echten Mehrwert biete.
Ein Drittel der Kia-Neuwagen fährt elektrisch
Die Zahlen untermauern den frühen Schwenk der Marke. Im ersten Halbjahr lag der Elektroanteil von Kia in Europa bei 32 Prozent, in Deutschland sogar bei rund 42 Prozent. Unter den fünf größten europäischen Märkten führt Deutschland damit, knapp vor Großbritannien. Als Treiber nennt Knipping das wachsende Modellangebot, gestiegene Spritpreise und staatliche Förderprogramme, denn Flotten- wie Privatkund:innen rechneten am Ende die Kosten pro Kilometer.
Gleichzeitig verläuft der Wandel in Europa sehr ungleich. Während skandinavische Länder Elektroanteile zwischen 50 und mehr als 90 Prozent erreichen, liegen Spanien und Italien bei rund zehn Prozent oder darunter. Gründe seien Kaufkraft und Infrastruktur. Norwegen, wo nahezu 99 Prozent der Neuzulassungen auf Elektroautos entfallen, habe neben finanziellen Anreizen früh auf praktische Vorteile wie Parkmöglichkeiten und den Ausbau der Ladeinfrastruktur gesetzt. „Jeder Markt in Europa ist eigentlich ganz unterschiedlich“, sagt Knipping, eine Eins-zu-eins-Übertragung hält er daher für schwierig.
Für Deutschland, wo zuletzt über 32 Prozent aller Neuzulassungen batterieelektrisch waren, sieht er beim Laden Handlungsbedarf. Setze sich die Entwicklung der vergangenen drei Monate fort, stehe das Land in zwölf Monaten vor einer großen Herausforderung, an den Autobahnladesäulen werde es dann eng. Zudem spricht er sich für mehr Preistransparenz beim Laden aus.
Zum EV1 schweigt Kia noch
Ob unterhalb des EV2 ein Modell für rund 20.000 Euro folgt, lässt Knipping offen: „Darüber sage ich heute überhaupt nichts.“ Klar sei aber, dass die Erschwinglichkeit eine der größten Hürden für eine breitere Akzeptanz bleibe. Je kleiner der Preisabstand zum Verbrenner, desto schneller der Wandel.
Parallel hält Kia an Hybriden und Plug-in-Hybriden fest, die für manche Kund:innen einen Zwischenschritt darstellten. Ein Range Extender ist derzeit kein Thema. Angeboten werde jede Antriebsart, solange Nachfrage besteht. Zum EU-Ziel für 2035 sagt Knipping: „Die Kunden werden letztendlich bestimmen, ob wir in 2035 oder in 2033 oder in 2037 100 Prozent Elektrofahrzeuge absetzen würden.“ Kia sei vorbereitet.
In Deutschland wuchs die Marke bis August um 7,8 Prozent auf rund 44.000 Neuzulassungen, europaweit legte sie im ersten Halbjahr laut ACEA um 7,1 Prozent auf 218.000 Einheiten zu. Weiteres Potenzial erwartet Knipping vom EV2, den GT-Modellen und neuen Allradvarianten. Ob Kia in Europa 2030 mehr Elektroautos als Verbrenner absetzt? Das, so der COO, könnte durchaus so kommen.
Quelle: Autogazette – Kia-COO Knipping erwartet 2030 mehr E-Autos als Verbrenner









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