Mit dem EV3 GT setzt der Kia optisch eine sportliche Note im hart umkämpften Segment der kompakten E-SUVs. Das Topmodell der Baureihe überzeugt bei der Fahrdynamik, kann aber die Schwächen des Fahrzeugkonzepts nicht ganz aushebeln.
Kompakt-SUVs. Diese Automobilgattung treibt so manchem Produktmanager den Angstschweiß auf die Stirn. Kaum ein Segment ist so hart umkämpft wie die Golf-Klasse auf Stelzen. Das gilt für Modelle mit Verbrennungsmotor ebenso wie für Elektroautos. Der Kia EV3 polarisiert mit seinem kantigen Aussehen. Für die einen ist es ein gelungenes Design, das nicht den teutonischen Konventionen folgt, für die anderen hat der Formengeber zu viel koreanischen Soju getrunken. Wie man es auch dreht und wendet, der asiatische Stelzenstromer ist ein Gesicht in der Blech-Menge.
Diese Attitüde wird beim GT noch potenziert. Also blitzen bei der sportlichsten Version des im Kia EV3 neongrüne Bremssättel hinter den 20-Zoll-Felgen hervor. Im Inneren setzt sich der sportliche Mamba-Look fort: Die Sportsitze haben giftgrüne Nähte, das Dreispeichenlenkrad eine solche Zwölf-Uhr-Markierung und die Gurte sind sogar komplett gefärbt. Dann ist da noch der giftgrüne GT-Knopf am Lenkrad. Sieht vielversprechend aus. Wer glaubt, dass dieser ein PS-Feuerwerk auslöst, irrt aber. Der reguläre EV3 AWD kommt mit zwei Motoren bereits auf 195 kW / 265 PS und 385 Nm. Der GT mobilisiert 215 kW / 292 PS und ein Drehmoment von 468 Newtonmetern. Das sind gerade einmal 20 kW beziehungsweise 27 PS mehr. Also nicht zwingend ein Wert, der einen vor Ehrfurcht erstarren lässt.

Interessanter wird es, wenn man die Kraftverteilung genauer unter die Lupe nimmt: Beim normalen AWD leistet die vordere Synchronmaschine 125 kW / 170 PS, beim GT sind es 145 kW / 197 PS. Die hintere Maschine bleibt bei 70 kW / 95 PS. Grundsätzlich verabschiedet sich die Hinterachse so oft es geht vom Vortrieb. Das spart Strom. Sobald es die Fahrsituation erfordert, meldet sich die zweite E-Maschine blitzschnell wieder zum Dienst. Soweit die Theorie. „Wir wollen die Leichtfüßigkeit des ProCeed erreichen“, gibt David Labrosse, Direktor für Produktplanung beim koreanischen Autobauer, als Ziel aus.
Eine Kamera liest die Straße für das Fahrwerk
Dieses Ansinnen steht und fällt mit dem Fahrwerk. Ein hart gefederter Stromer, der über den Asphalt rumpelt, wäre kontraproduktiv. Deshalb erhalten nur die GT-Modelle die elektronisch geregelten Dämpfer (ECS) samt Road Preview. Eine Frontkamera beobachtet die Fahrbahn und meldet Unebenheiten an die Dämpfer, die dann innerhalb von Millisekunden reagieren. Hinzu kommen straffere Federn, stärkere Querstabilisatoren und eine direktere Lenkübersetzung. Das Electric Dynamic Torque Vectoring Control (eDTVC) verteilt die Kraft auf die einzelnen Räder und verfeinert das Agilitätsmenü durch gezielte Bremseingriffe.

Diese Dynamik-Komposition liefert das erwünschte Resultat. Der EV3 GT zieht gleichermaßen gutmütig und souverän um die Ecken. Im GT-Modus ist der Allradantrieb ständig aktiv und das ESP lässt dem Heck mehr Freiheiten. Der EV3 GT ist agiler und leichtfüßiger als etwa der EV4 GT. Nur auf regennasser Fahrbahn und wenn man zu schnell in die Kurven sticht, meldet sich das Gewicht von 1935 Kilogramm des kompakten Sportlers und drängt zum Fahrbahnrand. Die Dämpfer sind straffer als im Normal-Modus, der aber vollkommen ausreicht, um flott unterwegs zu sein.

Allerdings zeigen sich auch die Grenzen dieses Konzepts: Der GT ist zwar sportlicher abgestimmt als der Normalo-EV3, aber gänzlich harmonisch ist das Fahrwerk nicht. Es federt bei schnell aufeinanderfolgenden Unebenheiten bisweilen etwas hölzern. Die veränderte Lenkung ist in Ordnung, könnte aber etwas mehr Rückmeldung geben, wie es um die Traktion bestellt ist. Wer will, kann sich seine eigene Abstimmung zusammenstellen und diese mit einem zweiten Druck auf den GT-Knopf unter „My Drive“ abrufen.
Mehr Fahrspaß bedeutet etwas weniger Reichweite
Von null auf 100 km/h benötigt der GT 5,7 Sekunden, also 0,9 Sekunden weniger als der zahmere Bruder. Für den perfekten Ampelstart gibt es eine Launch-Control. Bei der Höchstgeschwindigkeit herrscht mit 170 km/h Gleichstand. Da könnte der Sportler schon ein bisschen mehr bieten. Allerdings geht dem EV3 GT jenseits der 110 km/h etwas die Luft aus. So gesehen ergibt die freiwillige Speedkontrolle schon wieder Sinn.
Laut WLTP-Zyklus schafft der GT mit seiner 81,4-Kilowattstunden-Batterie 501 Kilometer. Zum Vergleich: Der normale EV3 AWD mit identischem Akku kommt auf 572 Kilometer. Der frontgetriebene Long Range erreicht mit 17-Zoll-Rädern sogar bis zu 605 Kilometer. Fahrspaß kostet Reichweite – das ist nichts Neues. Aber der GT schafft mit einer Batterieladung immer noch genug Kilometer, um praktisch zu sein. Wir kamen bei unserer Testfahrt, bei der wir nicht mit dem Messer zwischen den Zähnen unterwegs waren, auf 17,8 kWh/100 km. Das sind 0,3 kWh/100 km weniger als Kia angibt.

Der EV3 nutzt auch als GT die 400-Volt-Variante der E-GMP-Plattform. Das zeigt sich bei der Ladeleistung. Maximal sind 128 kW Gleichstrom möglich. In 31 Minuten steigt der Ladezustand von zehn auf 80 Prozent. Das ist gerade noch ordentlich, aber alles andere als ein Spitzenwert. Ein 11-kW-AC-Lader ist serienmäßig. Damit steigt der SoC von zehn auf 100 Prozent in 7 Stunden 15 Minuten. Mit dem optionalen 22-kW-On-Board-Charger verkürzt sich diese Zeit auf 3 Stunden 55 Minuten. Er kostet 990 Euro, ist allerdings nur in Verbindung mit dem 590 Euro teuren Comfort-Paket erhältlich.

Innen bleibt der Sportler ein alltagstauglicher Begleiter
Trotz der Farbtupfer bleibt der Kia EV3 im Innenraum ein EV3. Das Ambiente ist wohnlich. Den Monitor-Dreiklang, bestehend aus einem 12,3-Zoll-großen digitalen Kombiinstrument, dem 12,3-Zoll-Infotainment-Touchscreen und der 5,3-Zoll-Bedieneinheit für die Klimatisierung dazwischen, kennt man aus den anderen EV3s. Gefällt auch hier. Etwas weniger Hartplastik wäre wünschenswert. Auch der Alltag kommt nicht zu kurz. Der Kofferraum hat ein Volumen von 413 Litern. Das wächst nach dem Umlegen der Lehnen der Rücksitzbank auf 1.204 Liter. Dazu kommt ein 25-Liter-Frunk, der mit dem optionalen 22-kW-On-Board-Charger auf 19 Liter schrumpft. Die gebremste Anhängelast beträgt 1.500 Kilogramm. Ein Head-up-Display, belüftete Vordersitze, eine Wärmepumpe, die elektrische Heckklappe und V2L sind serienmäßig.

Diese Kombination aus Sportlichkeit und Praktikabilität hat ihren Preis: Kia verlangt für den EV3 GT 53.990 Euro. Der günstigste EV3 kostet aktuell 35.990 Euro. Der GT liegt also stolze 18.000 Euro darüber. Gegenüber dem EV3 Long Range mit 81,4-kWh-Akku ab 41.390 Euro beträgt der Aufschlag 12.600 Euro. Beim normalen AWD (ab 46.880 Euro) sind es 7.110 Euro. Zur fast ebenso umfangreich ausgestatteten GT-Line AWD beträgt die Differenz lediglich 2.800 Euro. Ein Selbstläufer ist der Kia trotzdem nicht. Der Škoda Elroq RS ist ein größerer Allrad-SUV mit 250 kW / 340 PS und kostet mindestens 55.240 Euro.







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